Talk About Wie viel Neugier verträgt die Liebe?

Staaten spähen ihre Bürger aus – und wir? Regen uns auf. Aber heimlich mal in sein Telefon gucken ist okay? Wie genau nehmen wir es mit der Privatsphäre in unseren Beziehungen? PETRA-Autorin Yvonne Adamek über den Kampf zwischen Vertrauen und Vertrauensbruch…

Paar Neugier

Das Telefon piepst. Schon wieder! Und er? Tippt und tippt und tippt. Wie soll man sich denn dabei noch auf sein Buch konzentrieren? Spukt doch bei jedem Satz, den man zu lesen versucht, nur noch die eine Frage im Kopf herum: "Wem schreibt er da eigentlich?" Um darauf eine Antwort zu finden, gibt es genau zwei Möglichkeiten: 1. Sie können Ihren Partner einfach fragen. 2. Sie versuchen, unbemerkt einen Blick auf sein Telefon zu erhaschen.

Warum sind wir versucht zu schnüffeln?

Gut, man könnte die Situation auch einfach ignorieren. Aber wenn wir einmal ehrlich sind, ist das keine wirkliche Option. Am effektivsten ist natürlich die direkte Frage. Auch wenn so ein neugieriges "Duhuuu, wem schreibst du da?" vielleicht ein genervtes Augenrollen als Antwort nach sich zieht, ist es dennoch die einzige Möglichkeit, schlechten Schwingungen vorzubeugen. Sie wissen schon, dieses mulmige Gefühl, das durch den Raum wabert, weil man sich einbildet, dass sich der andere gerade merkwürdig verhält. Wenn er zum Beispiel mit fettem Grinsen im Gesicht permanent SMS beantwortet. Hat man dann kurz vorher vielleicht auch noch gesehen, dass er auf Facebook jetzt mit einer gewissen Kathrin Soundso befreundet ist, liegt es eigentlich schon auf der Hand: Da muss etwas im Busch sein. Trotzdem haben Sie sich immer noch nicht getraut zu fragen. Schließlich möchte man ja auch nicht als Zicke mit übertriebenem Kontrollzwang gelten. Während Sie noch mit sich hadern, verlässt er plötzlich das Zimmer. Und sein Handy? Liegt mitten auf dem Tisch. Keine Tastensperre, kein Geheimcode. Jetzt könnte man doch schnell mal einen kurzen Blick riskieren. Nur, um sich selbst zu beruhigen. Er wird es ja nie erfahren, oder?

Ein Drittel aller Frauen spioniert dem Partner nach

In einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut forsa exklusiv für Petra unter Frauen zwischen 25 und 40 durchgeführt hat, gaben 35 Prozent zu, bereits einmal im Handy oder E-Mail-Postfach des Partners geschnüffelt zu haben. Und das, obwohl 51 Prozent dieser Damen es ganz und gar nicht in Ordnung fänden, wenn ihr Partner dasselbe tun würde. Sicher, ein spontaner Blick ins Telefon oder vielleicht sogar ins E-Mail-Postfach, lässt sich schnell mit einer gewissen Willensschwäche begründen, die uns Menschen nun mal anhaftet. Aber moralisch vertretbar wird der Blick dadurch noch lange nicht. Denn wie man es auch dreht und wendet: Ungefragt die Post des Partners zu durchstöbern – egal, ob E-Mail, SMS oder Brief – ist und bleibt ein Vertrauensbruch.

Vertrauen als Basis der Beziehung

Das gilt übrigens auch, wenn man das Passwort des Partners kennt, was immerhin auf 39 Prozent der Befragten zutrifft. Allerdings haben sich ganze 59 Prozent dieser Frauen ihr Insiderwissen auch schon einmal zunutze gemacht, um dem Partner hinterherzuspionieren. Es ist schon so eine Sache mit den Geheimnissen und dem Vertrauen in Partnerschaften. "Vertrauen ist die Grundlage jeder funktionierenden Partnerschaft", erklärt Dr. Stefan Woinoff, Psychotherapeut und Autor ("Er steht auf dich! Sei du selbst, und er wird sich verlieben", Mosaik Verlag, 288 Seiten, 18,50 Euro). Nur leider schleifen sich in langen Partnerschaften gewisse Verhaltensweisen und Nachlässigkeiten ein. Und spätestens nach drei Jahren glänzt nicht mehr alles so rosarot wie zu Beginn. Dafür robben sich Unsicherheiten und Zweifel heran. "Liebt er mich eigentlich noch?" oder "Hat er vielleicht eine andere?" sind typische Fragen, die uns dann beschäftigen.

Vertrauen in Zeiten von Facebook

Und schon machen uns Kleinigkeiten wie Handynachrichten oder neue Facebook-Bekannte misstrauisch. Durchsuchten früher Generationen von Ehefrauen bei einem aufkeimenden Verdacht noch die Anzugtaschen und Aktenkoffer ihrer Männer, brauchen wir heute meistens nur seine Facebook-Seite aufzurufen, um Ungereimtheiten zu beobachten. In der Timeline tauchen sämtliche Aktivitäten des Partners auf. Kommentare, neue Freundschaften, wer oder was ihm gefällt – nichts bleibt uns verborgen. Und hat er bestimmte Privatsphäre-Einstellungen, die uns am Spionieren hindern, macht ihn das noch viel verdächtiger.

Mehr zum Thema: Warum gehen wir fremd?

Autor: Yvonne Adamek

Quelle: Petra, Ausgabe 10/2013