Talk About Wie politisch müssen wir sein?

Da sagt man immer, wir seien so unpolitisch. Stimmt aber gar nicht. Wir gehen nur nicht mehr zwingend zur Wahlurne. Wo wir uns heute engagieren und warum es okay ist, nicht alle Bundesminister auswendig zu kennen

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Es gibt Momente, da fühlt man sich wie die Frau bei „Wer wird Millionär?“, die bei der ersten einfachen Frage die falsche Antwort gibt. Wenn man zum Beispiel Justizminister Heiko Maas für einen berühmten Tennisspieler hält, Norwegen in der EU vermutet oder vergisst, mit welcher Währung man in Bulgarien bezahlt. Patzer, wenn es um Politik geht, sind peinlich. Weil sie uns ungebildet erscheinen lassen und unsere Kompetenz infrage stellen. Wie soll uns jemand die Führung einer Marketingabteilung zutrauen, wenn wir nicht mal den Namen des deutschen Justizministers kennen? Dabei ist das Phänomen der partiellen Ahnungslosigkeit ziemlich weit verbreitet. Glaubt man einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem vergangenen Jahr, hat die Hälfte der Deutschen keinen blassen Schimmer, welche Parteien momentan die Opposition im Bundestag stellen. Auch eine aktuelle Debatte im Parlament verfolgte lediglich jeder Dritte. Überhaupt scheint das politische Interesse der Deutschen in den vergangenen Jahren stark abgeflaut zu sein. Das belegen zumindest die offiziellen Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung (kurz: bpb) zur Wahlbeteiligung.

Gesellschaftlicher Egoismus

Marschierten in den 70er-Jahren noch über 90 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne, machten zur Bundestagswahl 2013 nur noch 72,4 Prozent von ihrem Recht Gebrauch. Mehr als 17 Millionen Menschen verweigerten schlicht und einfach ihr Häkchen. Eine Trotzreaktion sei das aber nicht, schrieb der „Tagesspiegel“: „Es handelt sich bei der Wahlmüdigkeit um ein Phänomen, das vermutlich weniger mit der Unzufriedenheit der Bürger zusammenhängt, sondern eher mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Egoismus.“
Das klingt ein bisschen so, als wären wir alle verzogene Gören. Zu träge und bequem, um die politische Zukunft in Deutschland mitzugestalten, solange es für einen Soja-Latte, 70 Quadratmeter Altbau und Urlaub an der Adria reicht. Ganz so ist es aber nicht: Laut einer exklusiven Forsa-Umfrage für PETRA interessiert sich mehr als die Hälfte der Frauen durchaus für Politik und möchte mitreden, statt nur dekorativ lächelnd in der Runde zu stehen. Dass wir nicht jede Parlamentsdiskussion über das Risiko des Schweinegrippen-Impfstoffs Pandemrix rezitieren können, liegt also nicht an unserem fehlenden politischen Interesse.

Autor: Sinah Hoffmann

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Quelle: Petra, Ausgabe 11/2015