Talk About Richtige Ernährung - können wir das noch?

Unsere Kühlschränke sind übervoll. Längst müssen wir nicht mehr nur das essen, was auf den Tisch kommt. Doch diese Entscheidungs freiheit macht aus allem, was wir zu uns nehmen, ein Statement. Geht uns der freudvolle Zugang zum Essen verloren?

Essen ist heute anstrengend

Mit vollem Mund spricht man nicht – man streitet. Eben noch plaudernde Paare geraten in der Osteria aneinander, weil das Kind doch keinen Käse verträgt, aber nun Parmesan auf die Nudeln will. Kollegen gehen in der Mittagspause getrennte Wege, weil die Kantine keine Bio-Kost anbietet. Die Frage, ob ein Leben ohne Discounter-Obst möglich oder sinnlos ist, welche Ernährung gesund und welche ethisch vertretbar, hat schon Familien am Kaffeetisch entzweit. Und die Diskussion um den Veggie-Day im vergangenen Jahr eine ganze Nation. Essen ist nicht mehr nur Notwendigkeit oder Genuss. Es ist politisch. Mit der Bestellung im Restaurant outen sich Gäste als Weltretter oder Schlankheitsfanatiker, Gesundheitsapostel oder Banausen. Wer anders isst, fällt auf.

Unsere Gedanken drehen sich nur ums Essen

„Es gilt heutzutage als gewagter, ein großes Stück Schokoladentorte zu essen als zu dritt Sex zu haben“, sagte die US-Autorin Lionel Shriver in einem Interview mit dem Deutschlandradio. Sie ist überzeugt: Unsere Gesellschaft ist krankhaft auf das Essen fixiert. Auch viele PETRALeserinnen sind der Meinung, dass das Thema in ihrem Leben eine zu große Rolle spielt. In einer Umfrage gaben 41,8 Prozent an, sie würden gern weniger über das Essen nachdenken. Was nicht so einfach ist. Koch- und Diätsendungen laufen auf allen Kanälen. Lebensmittelskandale machen genauso große Schlagzeilen wie Kriege. Es gibt in Deutschland einen Radiosender für Vegetarier und Magazine für gegrilltes Fleisch. Jedes andere Thema, mit dem wir so viel konfrontiert werden, lässt uns irgendwann übersättigt abwinken. Warum nur bringt uns dieses so zuverlässig zum Kochen?

Du bist was du isst.

Seit der Mensch vor geschätzt 1,8 Millionen Jahren den Nutzen des Feuers entdeckte, ist aus der notwendigen Nahrungsaufnahme eine kulturelle Leistung geworden. Dass wir kochen, unterscheidet uns von den Tieren. Tiere fressen, Menschen essen. Ludwig Feuerbach, deutscher Philosoph und Anthropologe, fasste diesen Unterschied in seinem viel zitierten Satz zusammen: „Der Mensch ist, was er isst.“ Der Harvard-Biologe Richard Wrangham geht sogar davon aus, dass erst die Fähigkeit unserer Vorfahren, Zähes weich zu kochen, dazu geführt hat, dass ihre Kiefer kleiner wurden und so mehr Platz blieb für das Gehirn. Plötzlich hatten sie genug geistiges Potenzial, um sich Rezepte auszudenken. Aber auch, um sich durch Tisch manieren und Nahrungstabus voneinander abzugrenzen.

Essen ist unsere allererste gemeinschaftliche Erfahrung. Mit anderen zu essen ist das, was uns zum Menschen macht“, sagt Claudia Neu, Professorin für Allgemeine Soziologie. Während die Nahrungsaufnahme an sich nicht sozial ist – kein anderer kann das Essen für uns übernehmen – ist das geteilte Mahl prägend für unsere Identität. Wir wachsen auf mit Thaibasilikum, Teltower Rübchen oder türkischem Honig, beten für unser täglich Brot oder halten Schweine nicht für koscher. Was uns in unserer Kindheit vorgesetzt wird, beeinflusst unsere Vorlieben bis ins hohe Alter: Niemand macht Kartoffelpuffer wie Oma, und Papa hat schon immer gesagt, dass in eine ordentliche Bratensoße Kümmel gehört. Während des Essens mit der Familie lernen wir, wo unser Platz in der Gruppe ist. Und das fürs Leben: Das erste Stück vom Kuchen zu bekommen, ist ein Privileg. Den Chef zum Kaffee einzuladen und ihm keines anzubieten, ein Affront. Denn die verbindende Wirkung des Essens lässt sich auch ins Negative verkehren. „Vom Tisch verbannt zu werden, empfinden wir als Strafe. Es bedeutet den Ausschluss aus der Gemeinschaft“, sagt Neu. Die Soziologin lehrt und forscht an der Hochschule Niederrhein im Fachbereich Ökotrophologie (Ernährungswissenschaften). Unter anderem geht sie der Frage nach, warum der Veganismus zurzeit so viel Aufmerksamkeit erfährt – eine Ernährungsform, zu der sich in Deutschland nur einige Hunderttausend bekennen (von den befragten PETRA-Leserinnen haben allerdings schon 17,2 Prozent damit experimentiert). Über die aber massiv gestritten wird. „Der Veganismus ist wie der Vegetarismus eine Form der Askese“, sagt Neu. „Der Verzicht wird jedoch noch stärker moralisch aufgeladen, weil Veganer für sich beanspruchen, keine Tiere zu quälen. Mittels ihrer Überzeugung bilden sie eine Gemeinschaft der Rechtschaffenen, die den Schutz anderer Lebewesen hochhält, aber viele Menschen ausschließt.“

Darf man Tiere zur Nahrungsgewinnung halten? Ist ein grüner Smoothie auch dann gesund, wenn er mit weniger als 28000 Umdrehungen pro Minute gemixt wurde? Können Chia-Samen „heilen“, kann Ernährung „befreien“, wie es manche Bücher versprechen? Glaubensfragen, die so nur in einer Wohlstandsgesellschaft gestellt werden können.

Ist Verzicht gesund?

Schon 1921 hatte der Philosoph Walter Benjamin eine neue Glaubensrichtung ausgemacht: „Der Kapitalismus dient essenziell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.“ Wer schon mal nach einem Streit losgezogen und mit einem neuen Kleid in der Tasche und besserer Laune nach Hause zurückgekommen ist, weiß, was damit gemeint ist. Das Gleiche könnte man auch über die Ernährung sagen: Essen befriedigt und beglückt. Sich diesbezüglich zu gängeln, fällt nur dann leicht, wenn damit ein höheres Ziel erreicht wird. Ein längeres Leben zum Beispiel. Oder ein ruhigeres Gewissen. Nicht umsonst beanspruchten es die Weltreligionen über Jahrhunderte für sich, ihren Anhängern den Speiseplan zu diktieren. Deren Dogmen waren Freitagsfisch oder Fastenzeit. Die neuen sind Schönheitsideale, Wohlbefinden, Umweltbewusstsein oder Kennerschaft. Der Theologe Kai Funkschmidt ist der Meinung, dass besonders die durch Verzicht bestimmten Ernährungsformen auch deswegen Zulauf haben, weil ihnen ein Heilsversprechen innewohnt: „Die Idee, dass man durch Trennkost, Vegetarismus oder veganes Essen so gesund lebt, dass man im Grunde für Krankheiten gar nicht mehr anfällig sei, das heißt in der letzten Konsequenz eine Selbsterlösung durch Ernährung“, sagte er in einem Interview mit der ARD. Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Wer nicht auf seine Ernährung achtet, ist selbst schuld, wenn er stirbt.

Gespart wird zuerst am Essen

Die Journalistin Franziska Seyboldt („Müslimädchen – Mein Trauma vom gesunden Leben“, Lübbe) sieht das ähnlich: „Der Körperkult äußert sich auch in der Beschäftigung mit dem Thema Essen. Der eigene Körper wird zum Zentrum der spirituellen Suche, zum Tempel.“ Spiritualität als Beilage kann sich aber nur ein kleiner Teil der Gesellschaft leisten. Laut einer Nielsen-Studie von 2013 geben 74 Prozent der Deutschen an, dass sie, wenn sie Haushaltskosten verringern wollen, günstigere Lebensmittel kaufen – die am weitesten verbreitete Sparmethode. Sich ayurvedisch oder glutenfrei zu ernähren ist dagegen mit zusätzlichen Kosten verbunden. Mit einer speziellen Diät lässt sich also auch die soziale Stellung unterstreichen. „Die reichen, schlanken Menschen investieren in ihre Zukunft. Sie betrachten ihre Figur als eine Form von Macht. Sich fit und gepflegt zu halten, gibt einem jede Menge gesellschaftliche Pluspunkte“, sagte die Autorin Lionel Shriver. In ihrem aktuellen Roman geht es um ihren „Großen Bruder“ (Piper), der wegen seines Körpers zeitlebens ausgegrenzt wurde und an den Folgen seines Übergewichts starb. Trotzdem will Shriver nicht über Mäßigung reden. „Diese Energieverschwendung finde ich zutiefst bedauerlich, und sie findet bei allen Menschen statt, bei dünnen, bei normalgewichtigen und übergewichtigen, all dieses Zähneknirschen darüber, was wir gefrühstückt haben, ob wir uns zum Tee einen Keks erlauben – mein Gott, haben die Leute sonst keinen Lebensinhalt?“ Sie ist überzeugt: „Wer zu sehr von seiner Ernährung besessen ist, isst am Ende sogar mehr.“ Doch wie lässt sich ein vernünftiger Ton in einer Debatte finden, die jeden betrifft und trotzdem so persönlich ist? „Indem man ruhig bleibt“, antwortet Franziska Seyboldt. Mit religiösem Eifer über Ethik und Inhaltsstoffe zu streiten sei „der falsche Weg“. Genau wie Verbote. Wozu es führen kann, anderen ins Essen hineinzureden, beschreibt sie in ihrem Buch: Als junge Frau rebellierte sie mit Milchschnitten und Cheeseburgern gegen die Lebensmitteldoktrinen ihrer „Müsli-Eltern“. Erst nachdem sie „eine Weile alles ins sich hineingestopft hatte“, konnte sie mit dem Essen reinen Tisch machen. Dass sich Jugendliche – ja, auch mit ihrem Ernährungsverhalten – von den Erwachsenen abgrenzen, gehört dazu. Als Erwachsener sollte man es gelassen sehen, wenn die Kollegin Sahnetorte oder blutiges Steak bestellt, sagt die Soziologin Claudia Neu. „Sonst geht uns der lustvolle, genüssliche Umgang mit dem Essen verloren.“ Und damit die große Errungenschaft, die wir unseren Knorpel kauenden Vorfahren voraushaben.

Autor: Jessica Braun

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Quelle: Petra, Ausgabe 10/2014