Die häufigsten Gründe für das Singledasein Warum sind Sie immer noch Single?

Zu eigensinnig, zu unnahbar… über Singles kursieren viele Meinungen. Aber sind sie selbst verantwortlich oder gibt es andere Gründe für die oft unfreiwillige Solo-Nummer? Dieser Frage sind wir auf den Grund gegangen…

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Manchmal fühlt sich Single-Sein an wie ein hässlicher Pickel auf der Stirn. Unübersehbar, kaschieren zwecklos. Dafür gibt’s haufenweise Mitgefühl. „Ach du Arme, komm doch zum Essen, lieber drei Pärchen als Sonntagabend allein zu Hause!“ Zum Dessert wird dann noch eine extrasüße Portion Beileid serviert: „Du hast aber auch Pech. Muss furchtbar sein, nach der Arbeit die Tür aufzuschließen, wenn da keiner wartet.“ Dazu gibt es von der Wir-Fraktion viele gut gemeinte Anregungen für die Single-Frau: „Du musst deine Ansprüche mal etwas herunterschrauben.“ „Sei offener!“ „Geh mehr raus!“ Auch die Palette der Vorwürfe lässt sich bunt an: zu unabhängig, zu arrogant, zu anspruchsvoll, zu, zu, zu. „Wie, du bist Single? Selbst schuld!“ Und wenn schon, könnte man jetzt sagen und sich genervt abwenden: Was kann ich dafür, dass meine bisherigen Beziehungen nicht die Standfestigkeit einer alten Eiche hatten?

 

Hohe Ansprüche

Das Phänomen Single-Frau ist ja an sich auch nicht neu. „Neu ist allerdings, dass es erfolgreiche, attraktive Frauen schwerer haben, einen Partner zu finden“, sagt der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck von der Uni Wuppertal. Der Beziehungsexperte von FriendScout24 hat beobachtet: „Viele dieser Frauen stellen sehr hohe Ansprüche an einen potenziellen Partner. Mehr als Männer achten sie auf sozialen Status, Bildungsniveau und Einkommen.“ Kommt Ihnen das bekannt vor? Die Hoffnung auf einen Mann, der, während er das Gemüse für die Pasta schnippelt, die Börsenkurse abfragt und Ihnen zwischendurch den Nacken massiert?

Willkommen im Club, so sehen das viele: In einer exklusiven Umfrage für PETRA hielten 48 Prozent der Befragten Single-Frauen für zu anspruchsvoll. „Ein Mann muss perfekt zu mir passen.“ Den Satz hörte die Hamburger Soziologin Maja Timm oft, als sie eine groß angelegte Single-Studie mit Frauen zwischen 30 und 35 durchführte. Dabei fand sie Erstaunliches heraus: „Die befragten Frauen gaben zwar im Vorfeld an, einen Mann zu suchen, ihre Aussagen im Test jedoch sprachen eine andere Sprache.“ Da bewerteten sie nämlich Kriterien wie Freiheit, Unabhängigkeit, Freunde und Hobbys besonders hoch. „Damit zeichneten sie sich als perfekte Singles aus. Wie gut sie sich mit der Situation arrangiert hatten – autonom, frei, emotional stabil – war ihnen gar nicht bewusst.“ Der Expertin zufolge passiert da vieles im Verborgenen: Wer als Frau keinerlei Bedürftigkeit mehr ausstrahlt (Hilf mir! Beschütz mich!), dafür mit einer Bohrmaschine umgehen kann und an Ritualen hängt (der schwule beste Freund kommt am Wochenende zum Frühstück), tut sich schwer mit der Partnersuche. „Die Frauen wollen nichts davon aufgeben. Da stellt sich die Frage, wer die Rolle an ihrer Seite spielen soll – und welche überhaupt“, sagt Timm und zieht das Fazit: „Single- Frauen sind zwar selbst schuld, können aber im Grunde nichts dafür.“

Rechtfertigungen

Auch in der PETRA-Umfrage glaubten 44 Prozent, dass Single-Frauen zu beschäftigt sind für einen Mann. Der Prinz könnte vorbeireiten – unbemerkt. Sorry, grad’ keine Zeit! Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. „Dadurch, dass sich Singles ständig rechtfertigen müssen, verfestigen sie ihre Gründe, Single zu sein, erst recht“, so Timm. „Niemand fragt einen, warum man verheiratet ist. Aber eine Single- Frau wird gelöchert. Oder mit Blicken durchbohrt. Warum ist die denn allein, warum kriegt die denn keinen ab?“ Im Gegenzug werden Gründe gefunden: etwa der, dass man erst mal sein eigenes Leben mit Sinn füllen, sich selbst besser kennenlernen und nicht von jemandem abhängig sein möchte. „Das passiert dann auch. Je länger man Single ist, desto besser wird man darin“, sagt die Expertin. Das Problem dabei: „Wenn dann einer mit Potenzial kommt, muss der genauso ticken wie man selbst“, so Timm.

Noch etwas kommt hinzu. Wir möchten jetzt nicht über die Umstände jammern. Aber von einer Single-Frau Anfang 30 mit super Abschluss in Jura wird nun mal erwartet, dass sie Karriere macht und einen ebenfalls beruflich erfolgreichen Mann heiratet. Ständig wird sie mit den gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert. So lange, bis sie das Gefühl hat, das Gesamtpaket gebucht zu haben, also einen Ryan Gosling mit dem IQ von Stephen Hawking. Soll sie da vielleicht den netten Krankenpfleger in Betracht ziehen oder den Fleischfachverkäufer im Supermarkt? Currywurst statt Kaviar? Da verzichten viele Frauen lieber und warten auf „den Richtigen“.

Die Single-Frau ist ein Karriere-Weib

Dazu gesellt sich die Tatsache, dass Langzeit-Single-Frauen besonders häufig in Führungspositionen sind. Warum Frauen meist allein auf der Überholspur fahren? Auf den oberen Sprossen der Karriereleiter wird die Beziehungsluft zunehmend dünner. Wenig freie Zeit, gutes Geld, da muss das männliche Pendant schon ein Knaller sein. Viele machen zudem die bittere Erfahrung: Sobald sie einem Mann sagen, was sie beruflich machen, verliert der das Interesse – und den Mut. „Er möchte von einer Frau bewundert werden und sich nicht an ihr messen müssen“, sagt Timm. Und auch um diesen Punkt kommt man bei der Schuldfrage nicht herum: das Alter. Natürlich macht es einen Unterschied, ob eine 23-Jährige entschieden hat, beim Rucksacktrip mit Around-the-World-Ticket lieber ungebunden zu sein. Damit gehört sie zu den zehn Prozent der Singles, die das aus tiefster Überzeugung sind. Die Chance für eine bindungswillige Single- Frau ab 40 hingegen, einen passenden Partner zu finden, scheint kleiner zu sein als ein Sechser im Lotto. Die meisten kennen eine Frau, die attraktiv, erfolgreich und witzig ist – und ohne Mann lebt, aber keinen einzigen Mann in dieser Range, der ohne Frau lebt. Soziologen bezeichnen das als Verteilungsproblem. Heißt, die Zahlen und Fakten passen, nur die Kompatibilitäten nicht: weil viele Männer sich ab spätestens 40 eine deutlich jüngere Frau suchen – und finden. Andererseits entscheiden sich immer mehr Frauen, lieber allein als schlecht liiert zu sein.

Keine faulen Kompromisse

Dass sie in Fragebögen ihr Kreuzchen bei ledig oder geschieden setzen, hat eben auch ganz viel damit zu tun: Der Anstoß zur Trennung geht heute immer öfter von uns Frauen aus. Ja, wir sind mutiger und leichter entschlossen, miese Kompromisse zu beenden und neue Wege einzuschlagen. Männer dagegen bleiben lieber, bis sie nahtlos in die Arme einer Neuen wechseln können. Halten aus Bequemlichkeit und Angst vor Einsamkeit durch, während wir beim Sprung ins kalte Single-Wasser von einem festen sozialen Netz aufgefangen werden. Und zwar so gut, dass wir eine Zeitlang gar kein Bedürfnis verspüren, uns an einen Mann zu binden. Eine Zeitlang ist das auch okay. Völlig okay. Doch irgendwann verändert sich was, meistens, wenn sich das Umfeld paarweise zusammenfindet – und man selbst bleibt irgendwie über. Dann steht man plötzlich vor dem Spiegel und fragt sich: „Was ist bloß falsch an mir?“ Darauf hat der amerikanische Paartherapeut Andrew G. Marshall eine simple Antwort: „Gar nichts. Die besten bleiben über. Es sind nette, hübsche, erfolgreiche Frauen.“Auch in der PETRAUmfrage waren 87 Prozent der Befragten der Meinung, dass Singles nicht einfach selber schuld sind.

Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte. Jeder könnte für sich abklopfen, warum er es ist (Jammere ich über einsame Sonntage, finde es aber insgeheim großartig, Croissants im Bett zu futtern und dabei durchs Programm zu zappen, ohne dass jemand meckert? Sage ich nur, ich könnte gar nichts für mein Single-Sein, damit ich nicht immer schief angeguckt werde?). Ob sie schon bereit sind für die nächste Liebe oder in Wahrheit erst mal allein bleiben möchten. Und ob sie daran wirklich etwas ändern wollen.

Autor: Friederike Schön

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Quelle: Petra, Ausgabe 08/2014