Talk About Sind dünne Frauen glücklicher?

Wespentaille, flacher Bauch und Beine bis zum Himmel: Schlanksein ist das Heilsversprechen unserer Zeit. Wer wenig wiegt, führt ein besseres Leben: kriegt bessere Jobs, mehr Geld und den coolsten Kerl, heißt es. Aber geht ein Fliegengewicht wirklich über alles? Und wer denkt sich das aus?

Schlanke Frau am Strand

"Man kann nie reich und dünn genug sein“, sagte Wallis Simpson einst. Sie hatte gut reden: Die Herzogin von Windsor lebte dank ihres Gatten, König Eduard VIII., ja auch überaus prunkvoll und glamourös. Und war darüber hinaus unverschämt zart, sodass sich die Couturiers ihrer Zeit darum rissen, Abendroben für sie zu entwerfen. Und unsereins? Kann das Chanel-Kleid entweder nicht bezahlen oder nicht tragen: weil der Busen es sprengt, der Po eine unschöne Beule macht und Seide unser Hüftgold nicht gerade umschmeichelt.

Unter uns: So zwei, drei Kilo weniger hätten wir doch alle gern. Zur Bikini-Saison vielleicht sogar fünf. Unsere exklusive PETRAUmfrage ergab jedenfalls, dass wir uns vor allem deshalb schlanker träumen, weil wir dann endlich in all die tollen Klamotten reinpassen. Die Erfindung der Skinny Jeans käme uns nicht mehr wie eine riesige Frechheit vor. Wir hätten nicht länger mit Speckröllchen in der Umkleidekabine zu kämpfen. Müssten keine Dellen im Neonlicht ertragen. Und würden, statt beim Anblick des Reißverschlusses Beklemmungen zu kriegen, lautstark zur Verkäuferin rüberrufen: „Ach, da ist doch arg viel Luft. Könnten Sie bitte eine 36 bringen?“

Allein deshalb müssen dünne Frauen doch glücklicher als der Durchschnitt sein, oder? Alles sieht aus wie maßgemacht, man erntet ständig Wow-Blicke, bekommt Komplimente – und das Wichtigste: fühlt sich so richtig wohl in seinem Körper. Und danach sehnt sich schließlich jede. Schlanksein ist in unserer Gesellschaft zum Heilsversprechen geworden, ebenso wie finanzieller Wohlstand. Wer schlank ist, kennt keine Sorgen mehr, lebt unbeschwerter und zufriedener. So lautet jedenfalls das offizielle Credo. Aber ist es tatsächlich so, dass die Lebensqualität mit jedem verlorenen Pfund steigt? Viele Studien sprechen dafür: „Ein schmales Gesicht, wenig Fettansatz und ein schlanker Körper entsprechen heute dem weiblichen Schönheitsideal“, sagt Johannes Krause, Attraktivitätsforscher an der Heinrich- Heine-Universität in Düsseldorf. Wer diesen Merkmalen entspricht, findet leichter einen Partner – und einen gut bezahlten Job dazu: Längst fand man heraus, dass attraktive Frauen sich in der Bewerbungsphase nicht nur leichter durchsetzen, sondern mit einem Gehaltsbonus rechnen können. Warum das bis heute noch so gilt? Weil schlanke Menschen der öffentlichen Meinung zufolge ehrgeiziger und zielstrebiger sind (schließlich sähen sie nicht so aus, wenn sie dauernd Sahnetorte in sich hineinstopfen würden und Versuchungen nicht widerstehen könnten). Und gesündere Arbeitnehmer versprechen sie ebenfalls zu sein: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenleiden und Herzkasper treffen Versicherungsstudien zufolge ja viel eher die Dicken als die Dünnen.

Hört sich ungerecht und oberflächlich an? Glauben aber sogar Frauen, die sich von derlei Vorurteilen gern frei machen würden. Sie können lange betonen, dass sie das Gesicht ihrer fülligen Freundin attraktiv und ihre weiblichen Rundungen sexy finden. „Am Ende achten Frauen, die das Aussehen ihrer Geschlechtsgenossinnen bewerten sollen, auf die gleichen Faktoren wie Männer“, sagt der Psychologe Martin Gründl von der Universität Regensburg. Und das sind knallhart lange Beine, schmale Taille und hohe Wangenknochen. Kein Wunder, dass die meisten Frauen eine schlanke Figur sogar wichtiger finden als eine glückliche Beziehung. Im Rahmen einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts zeigte sich, dass eine übergewichtige Frau mit wesentlich mehr Problemen konfrontiert wird, als eine Frau, die noch keinen Kerl abgekriegt hat. Während der Single-Status heutzutage nichts Besonderes mehr ist, haben Frauen mit zu vielen Pfunden mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Schlussfolgerung: Mit einer fantastischen Figur ist man heute gesegneter als mit dem perfekten Mann.

In die gleiche Kerbe schlägt unsere PETRA-Umfrage: Denn nicht um das private Glück (21,9 Prozent) oder den beruflichen Erfolg (13,4 Prozent) beneidet die Mehrheit der Befragten andere Frauen, sondern wiederum um die schlanke Linie und die damit verbundene Ausstrahlung (64,7 Prozent). Autsch. Wie kommt es bloß, dass unsere Gesellschaft derart auf Dünnsein gepolt ist? Marilyn Monroe stand gut im Futter, trotzdem wollte jede wie sie sein. „In einer Gesellschaft wird immer das als schön angesehen, was schwer zu erreichen ist“, sagt der Attraktivitätsforscher Krause. Ist die Zeit von einem Mangel an Nahrungsmitteln geprägt, wird bewundert, wer üppig ist. Existiert Essen im Überfluss, tendiert das Ideal zur Schlankheit.

Kranke Auswüchse des Status Quo sind allerdings erreicht, wenn sich alles nur noch ums Abnehmen dreht – und via Selfie dokumentiert wird, wer die schönste Bikinibrücke oder die größte Thigh Gap (das ist die klaffende Lücke zwischen zwei sehr dünnen Oberschenkeln) hat. Heikel auch, wenn die Selbstoptimierung so weit geht, dass Fettabsaugen zum „Lunchtime-Eingriff“ wird. Wer dermaßen im Schönheitswahn feststeckt, kann eigentlich gar nicht mehr glücklich sein. Weil für das Schlanksein alles geopfert wird, was das Leben spaßig macht. Und Frauen, die um alles auf der Welt dünn sein wollen, oft furchtbar verkrampft und verbissen sind. Genießen können sie ihre Size Zero wohl nicht. Das Bonmot der hübschen Herzogin ist offenbar nur die halbe Wahrheit. Was zählt, ist nicht jedes Pfund weniger auf der Waage, sondern jedes Gramm mehr an Lebensfreude. Und zu der verhilft manchmal eben auch Sahnetorte.

Autor: Katja Bosse

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Quelle: Petra, Ausgabe 07/2013