Glatte Haut Klassenunterschiede im Gesicht

Immer mehr Frauen schwören auf die Beauty-Spritze. Aber tun wir uns mit Botox wirklich einen Gefallen? Wir haben die Antworten.

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Was ist, wenn man nicht
 mitmacht? Steht man in 
fünfzehn Jahren als einzige 
Frau mit Falten da? „Ja“,
 sagt die Psychologin Ada
 Borkenhagen, die über die
 Gründe und Auswirkungen
der Schönheitschirurgie
 forscht. „Es kann passieren,
dass man an den Rand der
 Gesellschaft gedrängt wird,
 weil sich die Klassenunterschiede bald im Gesicht
 ablesen lassen werden:
 Frauen, die es sich leisten
 können, von früh an die
 Falten korrigieren zu lassen.
 Und die, die das eben nicht 
können.“ Borkenhagen ist
 sich sicher: „In Zukunft wer
den die Mittelschichtsfrauen
 sich über Jahre Botox und 
Hyaluronsäure leisten
 müssen. Genau wie eine
 teure Kosmetik oder einen
 teuren Friseur.“ Da könnte
 man sich jetzt empört an die Stirn tippen. Aber das hätten die Leute vor fünfzehn Jahren auch gemacht, wenn man ihnen erzählt hätte, dass heute an jeder Straßenecke ein Waxing-Studio steht, in dem sich Menschen unter Schmerzen Intimfrisuren verpassen lassen. Okay, wir Frauen haben schon immer für die Schönheit gelitten. Aber warum sind wir auf einmal so besessen davon, ständig an unserem Äußeren herumfeilen zu müssen?

Mit Botox auf der Suche nach dem Traummann

„Früher war die Biografie eines Einzelnen viel vorbestimmter, zum Beispiel durch Klassen- oder Familienzugehörigkeit. Heute muss sich jeder selber definieren und wird danach auch beurteilt“, erklärt Ada Borkenhagen. „Dazu kommt, dass in westlichen Gesellschaften die Menschen immer älter werden und die Ehen nicht mehr ein Leben lang halten. So muss man im Zweifel öfter auf Partnersuche gehen, und da ist die äußere Erscheinung ein ganz wichtiger Punkt.“ Übrigens stehen nicht nur wir Frauen so unter Druck. Immer mehr Männer lassen sich die Falten behandeln. „Sie wollen fit und dynamisch wirken, um sich beruflich gegen jüngere Konkurrenten durchzusetzen“, sagt Dr. Mehmet Akbas, Facharzt für Plastische Chirurgie und Leiter der Arteo Klinik Düsseldorf. „Sie hoffen, dass sich ihre Ideen mit einem wachen, vitalen Aussehen besser verkaufen lassen.“

Kulturelle Unterschiede

Und so investieren wir viel Zeit und Geld, um mithalten zu können. Allerdings – und das scheint typisch deutsch zu sein: Es ist uns peinlich. In unserer PETRA-Umfrage gaben 64 Prozent der Frauen an, lieber nicht über Botoxbehandlungen zu reden. Im Gegensatz zu Frauen aus den USA oder aus Russland, wo aufgespritzte Lippen oder ein neuer Busen immer noch als eine Art Statussymbol gelten. Man soll sehen, dass der Schönheitschirurg seinen Job getan hat. Das wäre hier undenkbar. Unsere Stars? Nee, die gehen nicht zum Beauty-Doc, die schwören alle auf ihre gesunde Lebensweise. Und man selbst trinkt Detox-Tee, bis er einem aus den Ohren wieder herauskommt, und altert trotzdem. „Ich bin mir sicher, dass so gut wie alle weiblichen Promis über 40 ihr Äußeres mithilfe von minimalinvasiven Eingriffen haben optimieren lassen“, so Dr. Akbas. Wie beruhigend! Im Internet boomen derweil die Beauty-Foren, in denen sich die Mitglieder anonym über geplante oder bereits erlebte Schönheits-OPs austauschen. Nicht wenige Frauen erzählen, dass sie, seit sie sich mit Botox behandeln lassen, nicht mehr unter Migräne und Depressionen leiden. Wie kann das sein? „Menschen, die ihre Stirn durch die Lähmung nicht mehr in die Zornesfalte legen können, sind generell nicht mehr so gut in der Lage, Zorn in der Mimik auszudrücken“, erklärt Ada Borkenhagen. „Darum gibt es auch keine Rückkopplung auf das Empfinden von Zorn. Man kann fast sagen, dass ich mir über das attraktivere Äußere auch eine schönere Seele hole.“ Alles Gründe, die für Botox 
& Co. sprechen.

Trotzdem, wäre es nicht schön, ganz
 in Ruhe alt zu werden? So wie die zwei Mittsiebzigerinnen letztens im Bus. Die sich auf ihren gemeinsamen Theaterabend freuten. Mit Runzeln und Falten und einem inneren Leuchten, das aus ihrer ungebrochenen Neugier aufs Leben resultierte. Sollten das nicht lieber unsere Vorbilder sein? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist schwierig. Vielleicht könnte sie so lauten: Ja, wir wollen in Würde altern und unsere Falten lieben. Aber vielleicht nicht jede...

Autor: Iris Soltau