11. März 2010
Nora Tschirner im Interview

Nora Tschirner im Interview

Sie wirkt süß und ein bisschen tollpatschig – bis sie den Mund aufmacht. Im PETRA-Interview beweist Nora Tschirner (jetzt in „Zweiohrküken“): Sie ist unser smartester Kinostar!

Nora Tschirner im Interview
© Filmbilder
Nora Tschirner im Interview

Witz und Schlagfertigkeit liegen ihr wohl im Blut. Jedenfalls ist Nora Tschirner, 28, im Interview mindestens ebenso lustig wie vor einer Kamera. Ihr Talent als Komikerin beweist sie in „Zweiohrküken“ (Kinostart: 3.12.), der Fortsetzung von Til Schweigers Kassenschlager „Keinohrhasen“. Darin müssen sich Anna (Nora Tschirner) und Ludo (Til Schweiger) mit ihrer ersten großen Beziehungskrise herumschlagen – inklusive Ex-Lovern und einem Haufen Pfandflaschen. Guter Auftakt für ein Gespräch über kleineund große Fallen in einer Beziehung und Geschlechterklischees. Inklusive humoristischer Tipps – von Nora Tschirner selbst getestet und für gut befunden.

PETRA: Frau Tschirner, in „Zweiohrküken“ geht es um eine Beziehungskrise, die durch Alltagsroutine ausgelöst wird. Ist Routine prinzipiell schlecht?
Ach, dieses Alltagsding wird immer so verteufelt. Ich bitte darum, dass ich in einer Beziehung mit jemandem einen Alltag habe. Man muss nur sehen, wie man damit umgeht. Genauso, wie man in der Verliebtheitsphase mit der Aufregungumgehenmuss. Das fühlt sich ja auch nicht immer nur super an.

Im Film gibt es Streit, weil Ludo die Pfandflaschen nicht zurückbringt. Können Alltagsprobleme eine solch tiefe Krise auslösen oder stecken andere Gründe dahinter?
Alltagsprobleme haben meiner Ansicht nach immer eine tiefere Basis. Das zeigt sich ja auch in dem Film: Geht es zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, wenn der Partner etwas sagt? Oder stellt sich sogar ein Gefühl ein, bei dem mandenanderenundseine Sorgen nicht mehr ernst nimmt? Ignoranz ist oft das größte Problem in einer Beziehung. Die Pfandflaschen sind in unserem Beispiel doch nur der Mikrokosmos für den Makrokosmos!

Bei Kleinigkeiten nicht in die Gänge kommen – ist das ein typisch männliches Phänomen?
Ich habe noch keine statistischen Erhebungen gemacht. Aber ich kenne das sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Von mir und von anderen Leuten. Zugegeben: Vielleicht kommt in einer Frau schnellereinNest-Verhaltendurch.Aber ich glaube überhaupt nicht, dass das ein geschlechterspezifisches Problem ist. Nennen wir es doch „zwischenmenschliches Gefügeproblem“.

Im Film bekommen Männer beim Spiel mit den Klischees genauso eingeschenkt wie die Frauen. Richtig so?
Absolut. Ich finde es toll, dass im Film alles gespiegelt wird. Am Ende sitzen Ludo und Anna da und haben beide den gleichenMistverzapft. Undsomussman das auch betrachten: Es ist im Leben nicht so, dass Frauen diese Charaktereigenschaften haben und Männer jene. Klischees? Ja gern, aber sie sollen bitte auch aufgeschlüsselt, gespiegelt und widerlegt werden. Erst dann beginnt’s doch, spannend zu werden.

Meine Ex-Freunde sind alle ok

Haben Sie sich schon mal nach einem Ex zurückgesehnt, weil Sie gedacht haben: Och, der war doch ziemlich okay?
Nö. Meine Ex-Freunde sind alle okay, aber dass ich noch mal zu einem zurückwollte? Nee, das gab’s nicht.

Dabei werden Beziehungen im Rückblick doch gerne mal verklärt …
Das stimmt, aber man sollte sich dann auch gleich fragen, was dahintersteckt. Wenn die Perspektive sich so verändert, dass man seinen Fokus auf eine Ex-Beziehung legt, dann sagt das ja eher was über die aktuelle Beziehung aus. Das ist dann eine kleine Flucht,unddarumsolltemansich in dieser Situation lieber mit der aktuellen Beziehung beschäftigen. Man sollte nicht alte Dinge aufwärmen und an der falschen Stelle suchen.

Interview
© Luminis - fotolia.com
Interview


Sie haben mal gesagt, dass Männer keine „Wimmernudeln“ sein dürfen …
Frauen übrigens auch nicht. Ich finde Wimmernudeln grundsätzlich doof …

Das könnte ein Mann natürlich als Freibrief auffassen, dass Chauvinismus doch okay ist.

Wenn er doof ist, stellt ihm das natürlich einen Freibrief aus. Aber dann gerät er ja direkt ins Fahrwasser eines anderen Extrems, und das ist genauso blöd. Ich finde jegliche Arten von Extremenunglaubwürdig. Außerdem: Wenn jemandeineWimmernudelist, dreht er sich in dem Moment mit ziemlicher Sicherheitumsich selbst. Wenn das dann in einer Beziehung passiert, man rumheult und einem alles zu viel ist, dann ist das in meinen Augen eine sehr unangenehme Form von Egoismus.

Wenn man Ihnen so zuhört, wirken Sie unglaublich aufgeräumt, smart und witzig. Können Sie auch eine richtige Nervensäge sein? Früher konntem an mich bestimmt sehr anstrengend finden. Mittlerweile ruhe ich mehr in mir. Ansonsten kann ich sicher auch anstrengend sein,wenn man sich mit mir auf ein „näheres Abhängigkeitsverhältnis“, also auf eine Beziehung, einlässt. Ich korrigiere: Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, bin ich fordernd – aber ich würde nicht „anstrengend“ sagen.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat Sie mal als „Vorzeigefigur der popkultivierten Post-Wiedervereinigungs- Jugend“ bezeichnet …
Das möchte ich noch mal unterstreichen! Steht auch so in meinem Ausweis.

… und dass in Ihrem Zusammenhang der Begriff „rotzfrech“ nicht fehlen darf. Das war allerdings schon vor gut vier Jahren. Hat sich die öffentliche Wahrnehmung inzwischen geändert?

Keine Ahnung, ich hab ja schon damals nicht verstanden, was das heißen soll. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie mich die Öffentlichkeit sieht. Ich kann das nicht so vonaußen betrachten, und dann genau meinen Status quo definieren. Was meine Arbeit betrifft, verfolge ich keinen Image-Plan. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Ich muss zufrieden sein mit dem, was ich mache.

"In meiner Familie bin ich die Lustigste"

Würden Sie sich als komödiantische Schauspielerin bezeichnen?
Ich würde mich als Schauspielerin bezeichnen.

Worüber können Sie lachen?

Über Wolf Haas, den Autor der„Brenner“- Romane. Der Mann ist ein sprachliches Genie, völlig einzigartig. Sein neues Buch ist ein Traum, darüber lache ich sehr. Und: Timand Eric, zwei US-Komiker. Ich habe von meinen amerikanischen Freunden den Auftrag, hier in Deutschland für die Werbung zu machen. Muss man sich mal bei Youtube ansehen. Ansonsten Christian Ulmen, Hape Kerkeling, Kurt Krömer, Olaf Schubert und Loriot. Der ist Gott, das kann man drehen und wenden, wie man will. Und meine Cousins, meine Brüder, mein Vater sowieso meine Mutter … Ich bin einfach umgeben von saulustigen Menschen. Aber ich muss festhalten: In meiner Familie bin ich die Lustigste. Das können die anderen in ihrem nächsten Interview ja dementieren. Aber die geben ja keine. Ha!

Alles über Nora

FAMILIE Nora Tschirner wird am 12.6.1981 in Ostberlin als Tochter einer Hörfunkjournalistin und eines Dokumentarfilmers geboren.
WAHLVERWANDTSCHAFT
Auf dem Gymnasium lernt sie Sarah Kuttner kennen, die heute noch ihre beste Freundin ist.
MTV-PLAUDERTASCHE Als Moderatorin ist Nora 2001 für ihre Gaga-Wortschöpfungen („ Jetzt machen wir eine Pitzi-Patzi-Pausi“) beliebt.
KINO-DARLING
In Filmen wie „Soloalbum“ oder „FC Venus“ beweist Nora Tschirner ihr Komik-Talent – der große Durchbruch folgt 2007 in dem Riesenhit


Lustig sind auch die Filmszenen mit den Kindergartenkindern – wobei es deutlich weniger sind als bei „Keinohrhasen“.

Die hab ich rausschreiben lassen, die Kids stehlen mir ja jede Szene. Ich hab von Anfangangesagt:„Wenn Cheyenne- Blue wieder so einen Riesenauftritt hat – ohne mich!“ Ich mach das oft, diese kleinen Machtspielchen mit Fünf- und Sechsjährigen. Das sind solche Luder, frag nicht nach Sonnenschein!

Im Ernst: Ist die Arbeit mit Kindern anstrengend?
.
Durchaus,abernicht imnegativenSinn. Kinder sind sehr intuitiv, instinktiv und impulsiv, das fordert einen selbst. Kinder haben bestimmte Höflichkeits- und Durchhaltemechanismen noch nicht, darum muss man sich sehr auf sie einstellen. Das ist immer schwer und eine ziemliche Verantwortung für mich als Schauspielerin – auchwenn die Kinder hier total reizend waren.

Machen Sie sich Gedanken über eigenen Nachwuchs?
Ja, aber ich bin da gerade überhaupt nicht im Stress … Ich habe gar keine konkreten Pläne in dieser Richtung.

Zum Schluss noch mal eine Frage zu „Zweiohrküken“. Der Film gibt am Ende ganz schön Gas, was die große Romantik angeht. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Überhaupt nicht! Das liebe ich an Til – der geht da nicht so zögerlich-deutsch an so eine Szene und sagt: „Reiten am Strand? Um Gottes Willen!“ Nein! Reiten am Strand! Richtig so! Wann hat man das schon mal in einem Film? Ich find das total schön. Das kommt von Herzen, und es ist super, dass wir da so auf dieTube drücken. Es muss nichtimmer nur grau und mit Raufasertapete sein.

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