12. November 2014
Im Gespräch mit Schauspieler Jürgen Vogel

Im Gespräch mit Schauspieler Jürgen Vogel

Er ist nicht nur lässig, er sagt auch kluge Dinge. Zum Beispiel über Gesichtsbehaarung – und über den Zeitpunkt, wann man sich als Frau sofort vom Acker machen sollte. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Jürgen Vogel

Jürgen Vogel im Interview
© Franziska Krug / Getty Images
Jürgen Vogel im Interview

Das können nicht viele Männer. Wir reden über die Gabe, eine Runde von zehn, fünfzehn Frauen dazu zu bringen, wie aus einem Munde „Finde ich gut“ zu sagen. Normalerweise schreit immer eine „Was? Der? Bloß nicht.“ Nur bei dem Schauspieler und sechsfachen (!) Vater Jürgen Vogel nicht. Da sind sich alle einig. Dabei ist der inzwischen 46- Jährige nicht sonderlich hübsch oder über die Maßen studiert. Es ist vielleicht – ja, von seinem unverschämt durchtrainierten Körper einmal abgesehen, aber das wollen wir hier außen vor lassen – diese Gabe, auf eine sehr einfache Art sehr richtige Dinge zu sagen. Und natürlich Vogels Vorliebe für schräge Rollen und seine präzisen Charakterdarstellungen. In seinem neuen Film, der Verfilmung von Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“ (siehe Kasten nächste Seite), spielt er den Ehemann einer hysterischen Frau, einen, der die Ruhe behält, wenn sie mal wieder durchdreht. Wir trafen den gebürtigen Hamburger zum Gespräch – und waren hinterher schwer beglückt. Warum genau? Weil die Welt nur noch halb so kompliziert wirkt, wenn Jürgen Vogel sie erklärt ...

PETRA: In „Schoßgebete“ spielen Sie den Ehemann einer neurotischen Frau. Die ist schrecklich! Warum mag man eine so hysterische Person?

Jürgen Vogel: Ich hab die lieb. Das Tolle an der Figur ist, dass sie nicht nur neurotisch ist, die hat auch ein gutes Herz. Das ist eine warme Frau und keine blöde, berechnende kalte Person. Sie möchte vor allem für ihn alles toll machen. Weil sie sich selbst so anstrengend findet. Und sie denkt, sie müsste ihrem Mann etwas schenken, damit er bei ihr bleibt. Das ist urromantisch.

Trotzdem kann man nicht behaupten, dass „Schoßgebete“ ein Liebesfilm ist...

Es ist schon ein Film darüber, wie eine Beziehung funktionieren kann. Ich finde es aber interessanter, dass der Film aus weiblicher Sicht erzählt wird. Das ist selten.

Verkörpert Georg aus dem Film eigentlich den Prototyp eines modernen Manns?

Wieso?

Immerhin hat er einen Vollbart und viel Verständnis für Frauen.

Ob so ein Bart einen zum modernen Mann macht? Eine Freundin von mir meinte gerade, dass sie glaubt, dass die Männer unter den Bärten eigentlich echt hässlich sind. Aber mit den Bärten sähen die ganz cool aus.

Aber doch nicht jeder!

Na ja, es ist immer schwierig, wenn etwas bei allen angekommen ist. Das ist wie mit Leggings.

Wie bitte?

Na ja, die sah ich vor zehn Jahren in New York das erste Mal und dachte: „Wow, alter Schwede, wie sehen denn hier die Mädels aus? Superschön.“ Aber gleichzeitig dachte ich: „Hm. Wenn das nach Deutschland kommt...“ Und inzwischen ist es richtig schlimm geworden – jetzt siehst du überall Leggings. Auch bei Frauen, bei denen man nicht sofort sagen würde: „Hey, ich kauf dir jetzt Leggings, sieht bestimmt super aus.“ Oft hat es nichts mehr mit dem zu tun, weswegen es mal erfunden wurde.

Das heißt dann ja, dass der Bart ...

Genau, der Vollbart für den Mann ist das, was die Leggings für die Frau sind. Funktioniert nicht für jeden.

Okay, aber was macht denn nun den modernen Mann aus – eine Mischung zwischen Frauenverstehen und Motorradfahren?

Ganz ehrlich? Den modernen Mann gibt es nicht. Das Prinzip hat sich nämlich nicht geändert, das war schon in den 50ern so. Marlon Brando zum Beispiel. Der fuhr eine coole Karre und war auch ein Frauenversteher. Zumindest wusste er, wie man die anfasst und wie man mit ihnen redet. Oder James Dean. Porschefahrer, und sicherlich auch ein Frauenversteher – und Männerversteher. Oder in den 70ern und 80ern, da war es auch so. Es ist nie verkehrt, eine coole Karre zu fahren. Und wenn es um 1800 schon gute Motorräder gegeben hätte, wäre das bei Frauen auch gut angekommen. Man sollte Frauen sowieso gut verstehen, sonst ist es ganz schwierig auf der Welt.

Das heißt, die Ansprüche von Frauen an Männer haben sich seit 200 Jahren nicht verändert?

Nö. Also, nicht so wirklich. Du musst cool sein und geil. Ich meine damit nicht, geil auszusehen. Ein Vollbart allein reicht nicht.

Was muss ein Mann dazu noch mitbringen?

Na ja. Wenn man als Frau in eine Runde von fünf Männern guckt und nur einer traut sich vor und sagt etwas, woraufhin alle lachen müssen, denkt die Frau natürlich: „Na, wenn ich einen wählen soll, dann den.“ Du bekommst keine Frau, wenn du sie nicht zum Lachen bringst. Am Ende ist es ganz einfach.

Das klingt super. Schade nur, dass die Realität manchmal etwas komplizierter ist und man mehr als eine Prise Humor und ein tolles Auto braucht.

Das Problem ist, dass in dem Paket Mann alles drin sein soll.

Im Sinne von – dass der Partner Lover, Prinz und Vaterfigur sein muss?

Genau. Die meisten – Söhne wie Töchter – in meiner Generation sind mit einer nicht besonders engen Vaterbindung aufgewachsen, sondern eher mit einer verstärkten Prägung durch die Mutter. Die Figur des Vaters war meist durch Verlust geprägt, entweder hat er zu viel gearbeitet oder ist abgehauen. Das erzeugt ein Defizit.

Und das muss der Freund später im Leben ausfüllen?

Stimmt, dieses Defizit soll der Partner später ausgleichen. Das heißt: Er ist nicht nur der sexy Typ. Er muss auch Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, muss Nein sagen können und An - sagen machen.

Ja, das ist ziemlich viel auf einmal.

Damit musst du als Typ nicht nur klarkommen, du musst es erst mal begreifen. Deswegen sollte man die Frau auch als Erstes fragen, wie das Verhältnis zum Vater war.

Klingt schon ein bisschen gruselig – und mehr als anstrengend.

Nein! Es heißt auch nicht, dass man die Finger von den Frauen lassen sollte – es heißt nur, dass man sich im Klaren darüber sein sollte, was auf einen zukommen kann.

Vielleicht sollten wir auch einmal über Männer sprechen –was haben die denn für ein Trauma?

Männer sind in der Beziehung anders. Die sind schnell von zu Hause weg, freuen sich, dass sie die Mutter los sind, weil die – übertrieben gesprochen – eh genervt hat. Damit ist das Thema Mutter dann abgehakt. Und wenn es nicht abgehakt ist, musst du dich vor diesen Typ Männern auch fürchten.

Etwas ganz anderes: Im Film gibt es keine Privatsphäre zwischen Georg und Elizabeth. Wäre es nicht besser für eine Beziehung, wenn man zumindest die Toilettentür schließt?

Da bin ich ein bisschen anders gestrickt. Das würde nämlich bedeuten: Du kannst mit einem Mann nie ein Kind haben. Du kannst weder die ganze Schwangerschaftsnummer durchziehen noch die Geburt. Der normale Alltag reicht ja schon – man fühlt sich auch nicht jeden Morgen nach dem Aufstehen supersexy. Es gibt Männer, die signalisieren, dass sie die Frau nicht immer nackend sehen wollen. Da würde ich gleich sagen: Sofort Tür auf, raus mit dem Typen, den kannst du vergessen. Mit so einem Menschen kann man nicht zusammenleben. Wenn ein Typ dich nicht mehr geil findet, nachdem er dich tausendmal nackt gesehen hat, dann ist das nichts. Vergiss ihn! Schieß ihn ab!

Okay, verstanden.

Spannung und Erotik entstehen durch etwas anderes. Du kannst nicht immer top aussehen und die geilste Wäsche anhaben. Sexualität, Intimität und Vertrauen entsteht durch Nähe. Und Sexualität findet auch vor allem im Kopf statt. Es gibt Fragen, die man sich stellen muss: Wie weit bist du mit deiner Braut verbunden und inwieweit könnt ihr eure Fantasien teilen und mitteilen? Kann man sich Sachen sagen, gemeinsam ausprobieren, eine Reise machen? Das ist wie ein Abenteuerspielplatz, auf dem man gemeinsam ausprobiert und daran wächst.

Aber jeder macht ansonsten sein eigenes Ding?

Dass natürlich jeder seinen eigenen Kreis von Aktivitäten und Freunden hat und nicht alles in einer Symbiose erledigt, ist klar.

Und Geheimnisse darf man auch haben, oder?

Klar! Aber man muss nicht künstlich versuchen, interessant zu sein. Oder künstlich Spannung erzeugen. Das sind so Spielchen, die keiner braucht.

Und mit diesen Ratschlägen hält eine Beziehung für immer?

Weiß ich nicht! Aber es ist der erste Schritt, und wenn du Fahrrad fahren willst, musst du treten.

DIE PAAR PROBLEME

Eine Frau, ein Unfall – und sehr viele Probleme Die Verfilmung von Charlotte Roches gleichnamigem Roman „Schoßgebete“ erzählt nicht nur vom Trauma der Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson), die bei einem Unglück ihre Brüder verlor – sondern auch vom ganz normalen Alltagswahnsinn. An ihrer Seite: Ehemann Georg (Jürgen Vogel), der diese seltsame Person trotz (und wegen) allem liebt. Ein Beweis dafür, dass Regisseur Sönke Wortmann nicht nur Komödien drehen kann, sondern auch Filme darüber, wie hart das Leben ist – und wie liebenswert. Start: 18.9.

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