15. März 2010
Sommelière Marlen Duffy

Sommelière Marlen Duffy

Törtchen naschen, Milchschaum schlürfen: Manche Berufe schmecken so gut, dass das Gehalt nebensächlich wird. Wie bei dieser Wein-Testerin. Plus: Mini-Guide ins Glück.

Sommelière
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Sommelière

Frühstückszeit in einem Café in Hamburg-St. Georg – und die Herrin der Weine bestellt einen modernen Klassiker. Nein, keinen violetten Traubensaft, sondern ein trendiges Heißgetränk, einen großen Latte macchiato. Der gelieferte Milchschaum verdient allerdings seinen Namen nicht, und das Gebräu darunter schimmert gräulich. Doch Marlene Duffy steht darüber und gönnt dem verhunzten Gesöff nicht die kleinste sarkastische Bemerkung. Sie schwärmt lieber von ihrem geliebten Edelstoff: „Wein ist unendlich vielfältig. Jeder Jahrgang, jede Rebsorte hat so ihre Eigenheiten.“

Als eine von sehr wenigen Frauen hat sich die 34-Jährige einen Spitzenplatz in der Weinbranche erarbeitet: Von der Industrie- und Handelskammer geprüft, testet und bewertet die ausgebildete Sommelière offiziell Winzer-Erzeugnisse und betreibt seit einem Jahr die Internetseite www.bottleplot.com, einen Videoblog für Weinliebhaber. „Mein Traumjob“, sagt Duffy strahlend. Aber dafür brauchte es viele Zufälle – und eine Reise bis ans andere Ende der Welt.

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Feinste Himbeertöne schmeckt sie aus einem Spätburgunder heraus, ganze Blumenfelder spürt sie im Riesling auf, und solange keine Erkältung die Geschmacks- und Geruchsnerven trübt, kommt sie auch den Schokoladennoten im Shiraz auf die Spur. Poetisch klingt das für die einen – etwas überkandidelt vielleicht für die anderen. Die meisten stellen sich unter einem „Weinkenner“ doch eher einen älteren Herrn vor, der pikiert die Lippen schürzt. Auch Marlene Duffy schmatzt manchmal bei Weinverkostungen – wirkt aber insgesamt eher so, als arbeite sie in einer hippen Agentur oder Künstleretage: freundlich-freches Lächeln, stylisher Kurzhaarschnitt, Jeans und ein Shirt, auf dem Rock-Dino Iggy Pop schief grinst.

„Ich will den steifen Umgang mit Wein auflockern. Den Staub von den Flaschen pusten“, erklärt sie. Ihr Motto: „Lasst uns den Wein befreien, und lasst ihn atmen!“ Schon immer habe sie Roten, Weißen und Rosé gern getrunken – doch wie bei so vielen Menschen, die ihren Job aus purer Leidenschaft betreiben, wurde erst über Umwege ein Beruf daraus. „Ich habe eine Ausbildung zur TV-Redakteurin gemacht, nebenbei in Restaurants gejobbt“, erzählt Duffy. Nach gescheiterten Versuchen, als Rocksängerin, Schauspielerin oder Moderedakteurin ihr Glück zu finden, beschloss sie im Jahr 2003: Ich gehe, und zwar ganz weit weg.

Nicht selten fangen spannende Kinofilme ähnlich an:„Zuerst habe ich mein Auto verkauft und mir ein Working-Holiday-Visum für Australien besorgt.“ Ein Jahr Down Under, ohne konkrete Pläne: Marlene hat nur einen Koffer und dieTelefonnummer einer Bekannten dabei. „Ich kam frühmorgens in Sydney an – und wusste nicht, wohin. Also bin ich in ein Taxi gestiegen und an den Strand gefahren. Als dort die Sonne aufging, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.“ Bald ergattert sie ihren ersten Job in einem Restaurant, in dem viel Wert auf edle Tropfen gelegt wird. Marlene besucht Weingüter und Verkostungen, um den Gästen ihre Neuentdeckungen empfehlen zu können.„ Mein Chef hat mich sehr gefördert – und ich habe entdeckt, wie viel Spaß mir die Weinkunde bringt.“

Das Jahr in Australien verändert Marlenes Leben in jeder Hinsicht: Sie lernt ihren heutigen Ehemann kennen. Michael, der Australier, folgt ihr nach Deutschland. „Zurück in Hamburg, war mir klar, dass ich eine richtige Ausbildung zur Sommelière machen wollte.“ Aber bevor sie ihr neues Ziel in Angriff nimmt, kommt erst einmal Eddie: Ihr Sohn wird 2005 geboren. Ein Jahr später beginnt sie ihre halbjährige Ausbildung an der Deutschen Wein und Sommelierschule in Hamburg und schließt als eine der Jahrgangsbesten ab. Die Schule bittet sie sofort, als Dozentin zu arbeiten – sie wird die jüngste Expertin, die dort jemals Kurse geben durfte.

„Jeder kann Wein schmecken, oft fehlen nur die Worte, um die Eindrücke zu beschreiben“, sagt die Expertin, die schon als weiblicher Jamie Oliver des Weinkellers beschrieben wurde. Ihre Aufgabe sei es, „Vokabeln zu vermitteln, das Gespür für den Geschmack“. Der Begriff Sommelier (weiblich: Sommelière) kommt aus dem Französischen, erklärt sie: „Heute sagt man auch Genussmanagerin.“ Damit ist ihre Mission bestens beschrieben: „Ich möchte die Menschen nicht belehren, sondern Spaß vermitteln.“ Lächelnd führt sie ihre „Toastbrot-Theorie“ aus: „Ein guter Wein muss nicht teuer sein. Manchmal will man einen einfachen Marmeladen-Toast essen. Dafür genügt Supermarktbrot für 60 Cent. Zum Sonntagsfrühstück nimmt man aber eher Bäcker-Toast für vier Euro.“

Infos Nachschenken:

Mehr über Wein bei www.bottleplot.com 

Den üblen Macchiato hat sie fast ausgetrunken, doch ohne ein paar Geheimtipps darf die Fachfrau nicht ziehen. Für windige Herbstabende empfiehlt Duffy Rosé: „Viele denken, den trinkt man nur Im Sommer. Aber er passt auch prima in Die kühlere Jahreszeit."

Und schließlich: „Gute Weine zu schmerzfreien Preisen kommen aus Portugal und Griechenland. Dort gibt es wunderbare Tropfen, die nicht bekannt genug sind, um sie teuer zu verkaufen.“

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NOCH MEHR LUSTVOLLE JOBS

Schlecken, naschen, genießen – und das wird sogar bezahlt

• Hopfen und Malz, Gott erhalt’s: Gute Qualität ist nicht nur bei Wein gefragt: In einer weltweit einzigartigen Ausbildung zum Diplom-Biersommelier (Infos auf www.bier-sommelier.com) lernt man in zweiwöchigen Kursen genau die Farbnuancen und Aromen des Gerstensaftes kennen. Bei mehr als 5.000 Biersorten in Deutschland benötigen Gastwirte und Genießer durchaus Trinkhilfe: Welches Bier passt eigentlich zu welchem Essen? Und machen Sie sich bitte bloß keine Sorgen um Ihre Figur: Ein Bier hat genauso wenig Kalorien wie eine Apfelsaftschorle.

Sommelière
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Sommelière

• Schaumschlägerin: Eine Barista dürfte sich eigentlich nie über Müdigkeit beschweren. Als Kaffeekünstlerin serviert sie alle Varianten des heißen Getränks, fungiert als Meisterin an der Espressomaschine und beherrscht „Latte Art“: die kunstvolle Verzierung des Milchschaums. Voraussetzung: Man muss sich mit Sorten und Röstung auskennen und wissen, wie Milch richtig aufgeschäumt wird. Das lernt man aber zügig in Einsteigerworkshops. Termine finden Sie unter www.barista24.net. Damit glänzen Sie nicht nur beim nächsten Kaffeeklatsch mit den Freundinnen!

• In fremde Töpfe gucken: Ein ordentlicher Appetit ist schon nötig, wenn Sie sich als Restaurantkritikerin erproben wollen. Außerdem erfordert es etwas Mut – denn nicht immer schmeckt’s, und gelegentlich muss man das unverblümt so schreiben. Wer einen Einblick in die Finessen der gehobenen Gastronomie werfen möchte: In „Falscher Hase. Als Spion bei den Spitzenköchen“ (Blanvalet, 384 S., 7,95 €) beschreibt Ruth Reichel, frühere Restaurantkritikerin der „New York Times“, welche Verantwortung, aber auch welche Macht dieser Job mit sich bringt.

• Süße Träume: Endlich Naschen ohne Reue! Schokoladen-Verkoster testen neue Sorten und werden regelmäßig von Herstellern wie Lindt oder Ritter Sport gesucht – einfach auf den Homepages gucken. Falls Sie sich informieren wollen, was gute von schlechten Sorten unterscheidet: Das Buch „Der Geschmack von Schokolade: Schokoladendegustation“ (Christian, 159 S., 24,95 €) verrät es.

• Das Beste kommt zum Schluss: Pralinen, Quarkspeisen, Törtchen: Ein Patissier bereitet reihenweise leckere Nachspeisen zu. Idealerweise hat man eine Koch- oder Konditor-Ausbildung, reinschnuppern können Sie auch bei zweitägigen Workshops, etwa mit Robert Oppeneder, dem ehemaligen Chef-Patissier von Eckart Witzigmann. Termine unter www.sweetart.de

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