18. Januar 2011
Rundum glücklich

Rundum glücklich

365 Tage glücklich – geht das? Gretchen Rubin hat den Selbstversuch gemacht. Für ihr Happiness-Projekt probierte sie einiges aus: Ratgeber-Bücher, Lach-Yoga, Entrümpelungs-Aktionen. Ob ihr das mehr Lebensfreude brachte, verrät sie in unserem Interview.

Frau im Blumenfeld
© iStockphoto
Frau im Blumenfeld

Wenn wir nur vier Kilo abnehmen würden. Wenn wir nicht mehr so viel ackern müssten… Wenn wir doch einen Sechser im Lotto hätten … Ja, wenn, dann wären wir endlich richtig glücklich. Uneingeschränkt und für immer. Glauben wir zumindest. Doch geht das überhaupt? Rund um die Uhr glücklich sein?

Gretchen Rubin aus New York hat sich genau das gefragt. Denn auch ihr fehlte etwas im Leben zum vollkommenen Glück. Und das, obwohl sie so viel hat: eine kleine süße Familie, ein hübsches Zuhause, Erfolg als Juristin und Autorin. Dieses dumpfe Gefühl der Unzufriedenheit, obwohl es dafür keinen triftigen Grund gibt – das ist etwas, was wir alle wohl schon mal hatten. Unmengen an Büchern widmen sich dem Thema, und die Autoren versprechen uns fleißig, nach der Lektüre garantiert zufriedener zu sein … In Gretchen wuchs die Idee auszutesten, welche dieser Glücksthesen nun wirklich klappen – und welche nicht. Ein Jahr lang verschlang sie Ratgeber, beschäftigte sich mit Studien, Philosophen – und testete vor allem alle Tipps an sich selbst aus. Das tolle Ergebnis: Happiness ist machbar.

Und? Lohnen sich Glücksratgeber? Ich habe einige Bücher gelesen, die mir enorm geholfen haben. Es gibt jedoch dazu ein Aber! Wir alle haben ja die Erfahrung, dass uns ein Buch tief berührt oder zu einer neuen Einsicht geführt hat – andere aber sind vom gleichen Werk nicht mal halb so begeistert. Soll heißen: Nur, weil ein Ratgeber mir geholfen hat, hilft er nicht auch automatisch Ihnen oder meiner besten Freundin.

Das Happiness Projekt
Eine Anleitung zum Glücklichsein ist Gretchen Rubins Buch „Das Happiness Projekt“ (Scherz, 384 S., 18,95 Euro)

Sie haben in einem Jahr allerhand angebliche Glücksgaranten ausgetestet: im Job etwas Neues gewagt, eine Leidenschaft ausgelebt, den Kleiderschrank ausgemistet… Was hat Ihnen denn am meisten Spaß gemacht?
Da kann ich mich echt nur schwer entscheiden! Es war ein großartiges Gefühl, eine Lesegruppe für Kinder zu gründen. Oder in nur vier Wochen eine Novelle zu schreiben. Entrümpelungs-Aktionen tun tatsächlich ganz schön gut. Wenn man sich von Ballast befreit, fühlt man sich viel besser und regelrecht erleichtert. Und in der Zeit, in der ich albern und unvernünftig sein durfte, hatte ich ebenfalls echt richtig Spaß.

Das hört sich so an, als seien Sie jetzt wirklich glücklicher als zuvor?
Oh ja, absolut. Ich bin selbst überrascht, wie viel glücklicher ich dank meines Projektes geworden bin. Und das, obwohl mein Leben ja irgendwie immer noch das gleiche ist. Aber ich habe mich eben verändert durch all die Dinge, die ich getan habe.

Welcher Rat hat Ihnen persönlich am meisten gebracht?
Das mag banal klingen, aber es war die Erkenntnis, dass ich stets ich selbst sein muss. Ich nenne das „Gretchen sein“. Denn nur, wer sich selbst versteht und akzeptiert, kann glücklich werden. Aber es gibt da noch was…

Und das wäre?
Nicht lachen… aber Singen am Morgen ist der Hammer! Das kostet zwar Überwindung und Energie, aber die bekommt man tausendfach zurück, weil man so viel unbeschwerter und gelöster in den Tag geht.

Okay, merken wir uns glatt! Gab’s denn auch etwas, was nicht funktioniert hat?
Oh ja. Lach-Yoga zum Beispiel war gar nicht meins. Viele Leute lieben es, weil sie danach besser drauf sind. Ich hingegen hatte danach schlechte Laune. Diese künstlichen Lach-Übungen, schrecklich! Noch schlimmer war der Rat, nichts zu tun. Weil wir angeblich nichts selbst tun können, um unser Glück zu steigern. Aber das habe ich einfach ignoriert!

Waren Sie vor dem Projekt eigentlich unglücklich?
Nein, das nun nicht. Ich war sogar relativ glücklich. Nur manchmal, da habe ich mich gefragt, ob das alles im Leben ist. Außerdem stand ich mir auch manchmal selbst im Weg.

Inwiefern?
Ich verliere leicht die Fassung, bin ungeduldig und hasse es, wenn ich beim Arbeiten unterbrochen werde. Und dann bin ich ziemlich, sagen wir, scharfzüngig. Daher zielten viele meiner Maßnahmen darauf ab, dankbarer, geduldiger und liebevoller zu sein.

Und wir vermuten mal, dass das in Ihrer Umgebung gut ankam…
Sie sagen es! Als ich begann, gelassener zu sein, reagierten meine Kinder sofort darauf. Positiv! Auch als ich aufhörte, an meinem Mann rumzunörgeln, wurde er viel umgänglicher. Einmal zum Beispiel war er ziemlich down. Normalerweise hätte ich ihn mit Fragen bombardiert, warum und wieso. Aber ich hielt mich zurück. Ich umarmte ihn und meinte nur, dass morgen alles besser werden würde. Und so war’s.

Sie waren zufriedener – das wiederum hat Ihre Familie zufrieden gemacht. Glücksgefühle sind also ansteckend?
Und wie! Manche denken, es sei unheimlich egoistisch, nach dem eigenen Glück zu streben. Dabei ist es schlicht so, dass glückliche Menschen auch andere glücklich machen. Sie sind hilfsbereiter, kreativer, sie haben mehr Energie und werden seltener krank.

Was sind Ihre drei Top-Tipps für uns, um auch so glücklich wie Sie zu werden?
Ein guter Start ist, wie ich finde, der eigene Körper: Indem er genügend Schlaf und regelmäßiges Training bekommt. Das müssen keine zehn Stunden pro Nacht und keine fünf Power-Aerobic-Kurse pro Woche sein, sondern gerade so viel, dass man sich mit dem eigenen Körper wohlfühlt. Außerdem sind sich Wissenschaftler und Philosophen einig, dass enge Beziehungen den Schlüssel zum Glück ausmachen.

Die Liebe, Familie und Freunde also…
Genau. Das bedeutet, dass wir unsere Freundschaften besser stärken sollten – indem wir mal wieder anrufen, uns zum Essen verabreden oder einen Kurztrip planen, um jemanden zu besuchen. Und natürlich ist es superwichtig, viel Zeit mit dem Partner zu verbringen. Je intensiver, desto besser!

Und der dritte Tipp?
Man sollte im Moment leben und nichts aufschieben. Mach es jetzt, ist mittlerweile einer meiner Leitsätze. Ach, und noch etwas: Finde deinen eigenen kleinen Glückskick.

Was meinen Sie denn damit?
Na ja, jeden Menschen macht eine andere kleine Sache glücklich. Mein Mini- Glücksmoment bekomme ich, wenn ich im Bett lese! Lesen war schon immer meine Lieblingsbeschäftigung, und im Bett fühle ich mich weich und geborgen. Vor allem, wenn ich die Bücher meiner Kindheit wieder lese – das beruhigt mich ungemein. Andere wiederum legen sich dann in die Badewanne, gehen spazieren oder essen jede Menge Schokoladenpudding…

Mehr Lektionen zum Glücklichsein!

Im Zuge des Projektes haben Sie sich auch mit Ihrem Tod und Ihrem Testament beschäftigt. Nicht gerade das nahe liegende Mittel, um glücklich zu sein…
Das ist richtig, aber indem ich an den Tod denke, erinnere ich mich daran, den Moment zu genießen. Nicht den mit meinem Notar, sondern jeden schönen Moment meines Lebens: Wenn meine kleine Tochter mit einem „Tschüss, Welt“ schlafen geht. Ein gelungener Artikel oder ein Lächeln auf der Straße. Meist lernen wir Dinge erst zu schätzen, wenn wir sie verloren haben.

Ihr Mann fand das ja nicht so lustig…
Als ich es ihm erklärt habe, verstand er es. Es mag sich ja bekloppt anhören, weil es doch selbstverständlich sein sollte: Aber ich liebte ihn mehr als zuvor, weil ich so froh war, dass er am Leben ist!

Nun, wo Sie fertig sind, führen Sie das Projekt für sich selbst weiter?
Doch, ja … Ich habe fast alle Vorsätze aus dem Jahr beibehalten. Ich treibe vor allem mehr Sport, gehe früher schlafen und gucke weniger Fernsehen. Gut, Hypnose und Lach-Yoga habe ich aufgegeben, und das Food-Journal, das ich herausgeben wollte, ist auch noch nicht erschienen. Aber das sind Ausnahmen.

Das hört sich toll an. Aber in unseren stressigen Zeiten ist es oft so schwer…
loszulegen? Hören Sie auf mit den Ausreden! So viele meiner Tipps lassen sich leicht in den Alltag integrieren – ohne mehr Zeit, mehr Energie oder mehr Geld aufzuwenden. Mein Singen am Morgen: Das kostet nix. Oder auch das Ein-Satz-Tagebuch. Es geht ganz schnell, hält schöne Momente aber für später fest und macht so irgendwann einmal glücklich(er).

Sie haben ja recht… Verraten Sie uns nun bitte noch, welche Erfahrung aus Ihrem Selbstversuch Sie ein Leben lang begleiten wird.
Dass auch ich an Grenzen stoße. Ich musste einige Illusionen über mich aufgeben: Ich bin keine Musikliebhaberin. Ich weiß gutes Essen und edlen Wein nicht zu schätzen. Ich bin nicht abenteuerlustig. Außenpolitik interessiert mich nicht sonderlich. Und ich mag weder Schach noch Shopping noch Kreuzworträtsel. Aber das gehört auch dazu, um „Gretchen zu sein“.

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