23. August 2011
Urlaub in Istrien

Urlaub in Istrien

Balkan-Grill war einmal. PETRA-Mitarbeiterin Wiebke Brauer schlemmte sich durch Kroatien und Slowenien. Bekanntermaßen lernt man beim Essen die interessantesten Menschen kennen.

Hafenstadt Piran
© Dennis Williamson
Hafenstadt Piran

Die Sonne scheint mir auf den Bauch. Pinien duften. Eine Mutter im Bikini fängt ein Kleinkind ein, das sich in Lichtgeschwindigkeit in Bewegung gesetzt hat. Ein älteres Ehepaar holt belegte Brote aus dem Korb und blickt auf das Mittelmeer, das vor ihnen leise in der Bucht schwappt. Italien? Nein, nicht ganz Italien, eigentlich gar nicht Italien. Ich stehe in Kroatien an der Bucht von Rovinj, genauer gesagt in Istrien, einer Halbinsel an der Adria.

Istrien besteht aus einem kroatischen Teil (in dem ich mich gerade befinde), einem slowenischen Teil (den ich in zwei Tagen bereise) und einem Fitzelchen Italien (wo ich landete). Nach meiner Reise werde ich also behaupten können, durch drei Länder gejettet zu sein. Das ist aber keine Kunst, weil in diesem Landstrich alles nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegt. Man sagte mir, ich könne von hier aus bei gutem Wetter sogar bis Venedig sehen, aber das scheint mir ein bisschen übertrieben.

Gasse in Piran
© Dennis Williamson
Zum Verrücktwerden malerisch: Wäsche in Pastellfarben in Piran

Um ehrlich zu sein: Ich bin nicht wegen der schönen Aussicht nach Istrien gekommen. Ich bin vorwiegend zum Essen da. Essen gehört zu meinen liebsten Tätigkeiten. Und wenn ich Reisen und Speisen verbinden kann, bin ich glücklich. Als ich jedoch Freunden erzählte, dass ich mich durch Kroatien und Slowenien futtern werde, hieß es: „Viel Spaß im Balkan-Grill. Essen die nicht Cevapcici?“ Nee, essen die nicht. Im Gegenteil: Gestern wurde mir zum Abendessen Seebarsch mit Morcheln serviert, Enten-Confit mit Spargel und eine Kastanien-Trüffelsuppe. Trüffeln findet man in fast jedem Gericht hier, weil Istrien für seine Trüffeln berühmt ist. Das finde ich großartig, für die kostbaren schwarzen Pilze tue ich fast alles. Das Beste: Ich darf am nächsten Tag Ivica Kalcic begleiten, er ist professioneller Trüffelsucher. Schon vor der Reise hatte ich mir vorgestellt, mit einem glücklich grunzen dem Schwein an der Leine durch den Wald zu laufen, das unglaubliche Mengen von Trüffeln für mich erschnüffelt.

Am nächsten Morgen fällt schwerer Regen – und mit ihm meine Laune. Das triste Wetter macht maximal die Pilze im Wald von Livade glücklich. Livade ist ein kleiner Ort inmitten von Istrien, und heimliche Trüffelhauptstadt. Am Waldsaum steht ein sehr runder Mann. Mit zwei Hunden – ohne Schwein. Was für eine Enttäuschung! Den Grund erklärt der 53-Jährige mit einem kroatischen Wortschwall. „Schweine lassen sich nicht so gut dressieren. Außerdem fressen sie die Trüffeln sofort auf.“ Das würde seinen beiden regennassen Rüden Bobbi und Jacki nie einfallen.

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Mittelmeer
© Dennis Williamson
Rumstehen im Mittelmeer: In Blickrichtung liegt übrigens Venedig

Wir stapfen also in den schlammigen Wald, keine halbe Stunde später schlagen die Hunde an. Ivica gräbt eine Trüffel aus, so groß wie ein Golfball. Hundert Euro ist der Fund wert, in Ivicas riesiger Hand wirkt er winzig. Ich darf die Trüffel in die Hand nehmen und schnuppern. Der Duft ist Gold wert. Ganz ehrlich, wer braucht schon ein Schwein, wenn man so einen runden und rosigen Trüffelsucher an seiner Seite hat? Zum Abschied frage ich ihn, ob er die Trüffeln selbst gern verspeist, die er findet. Er grinst von einem Ohr zum anderen: „Schinken ist mir lieber.“

Leider darf ich den gefundenen Schatz nicht selbst verkosten, dafür geht es ins Trüffelrestaurant Zigante. Besitzer Giankarlo Zigante fand einmal eine Riesentrüffel und schaffte es mit seinem Rekordpilz bis ins Guinnessbuch der Rekorde. Auf dem Parkplatz reihen sich zahllose Reisebusse aneinander, im Vorraum zum Speisesaal bleibe ich vor einem kitschig vergoldeten Abbild der Monstertrüffel stehen. Nein, das Zigante wird nicht unbedingt mein neuer Lieblingsladen. Aber die dampfende Pasta mit etwas gehobelter Trüffel versöhnt mich halbwegs damit, in einem kommerzorientierten Erlebnis- Restaurant gelandet zu sein.

Trüffelsucher Ivica Kalcic
© Dennis Williamson
In der Natur unterwegs: Autorin Wiebke Brauer, Trüffelsucher Ivica Kalcic und die beiden Spürnasen Bobbi und Jacki

In Kroatien regnet es, in Slowenien scheint die Sonne. Nachdem ich die Grenze passiert habe und im Küstenort Piran über die Piazza Tartini wandere, wird mir ganz mediterran zumute. Im Hafen schaukeln die Fischerboote, in den Straßencafés schlürft man Espresso. Über verwinkelten Gassen hängt Wäsche, wie bunte Wimpel zur Feier des schönen Tages. Kein Wunder, dass ich mich wie in Italien fühle: Mehr als 500 Jahre war der Ort unter venezianischer Herrschaft, überall prangt der geflügelte Markuslöwe, das Symbol dieser Ära. Zum ersten Mal kann ich mir vorstellen, in dieser Region Urlaub zu machen: über das abgewetzte Pflaster bis zur Kathedrale hochzuspazieren, Souvenirs zu kaufen, Eis zu essen. Leider bleibt dafür keine Zeit mehr, denn ich bin mit Irena Fonda verabredet. Irena züchtet Seebarsche und Miesmuscheln – und zwar ökologisch korrekt. Yummy!

Hafenstadt Piran
© Dennis Williamson
Postkarten-Romantik: Das Hafenstädtchen Piran besticht durch venezianische Architektur

Als ich die schmale schwarzhaarige Frau auf dem Boot sehe, klappt mir der Unterkiefer runter. Das soll sie sein? So habe ich mir eine Fischfrau nicht vorgestellt. Ich dachte eher an etwas Beschürztes und Wuchtiges, an dreckige Witze und raue Hände. Stattdessen steht vor mir eine zarte Person in Armani-Jeans und Designer-Sonnenbrille. Ihr Englisch ist so makellos wie ihr Lächeln, allerdings hat sie raue Hände, wie ich feststelle. Wir fahren hinaus, mitten in die Bucht von Piran. Zwischen den schwimmenden Netzkäfigen, in denen sich die Barsche tummeln, machen wir halt.

Irena erzählt von der Fischindustrie, während sie eine Handvoll des Bio-Futters in eins der runden Becken wirft. Ihre Fische sind glücklich hier, sie dürfen im Meerwasser schwimmen und werden nicht in Betonbecken aufgezogen und mit Chemikalien behandelt. Irinas Barsche sind beim Verkauf so gekennzeichnet, dass man feststellen kann, wann die Tiere gefangen wurden. Das ist gut für den Käufer und schlecht für manch einen Kollegen, der es mit der Frische nicht ganz so genau nimmt wie sie. Irina blickt auf die schäumende Wasseroberfläche, die Fische balgen sich um das Futter: „Ich möchte, dass sie sich gut fühlen.“ Ihre Einstellung gefällt mir – schade nur, dass sie so wenige andere Unternehmer teilen…

Wieder an Land angekommen, schneidet sie rohen Fisch in Scheiben, legt ihn auf frisches Weißbrot, das mit Olivenöl beträufelt und Fleur de Sel bestreut ist. „Wir sind hier in einem 650 Hektar großen Naturschutzgebiet. Das ist ein Wunder, das man erhalten muss.“ Der pure Wolfsbarsch auf dem Baguette schmeckt so sensationell, dass ich Schwierigkeiten habe, ihr recht zu geben oder überhaupt irgendetwas Sinnvolles zu sagen. Aber man muss ja auch nicht immer reden. In dieser Sekunde weiß ich nur eins: Ich will nie wieder etwas anderes essen als glücklichen Fisch aus Slowenien.

Hafen-Romantik in Piran
© Dennis Williamson
Hafen-Romantik in Piran:

Überhaupt: Ich bin verknallt. Ganz Slowenien scheint von charmanten Ökos bevölkert zu sein. Es ist früher Abend, ich lerne Uros Rojac kennen, er ist 36 Jahre alt und Winzer in dem Dorf Gazon. Während er erzählt, dass seine Familie von spanischen Soldaten abstammt und er das Weingut seines verstorbenen Vaters übernommen hat, koste ich einen Bio-Wein nach dem anderen – und werde immer gefühlsduseliger.

15 Hektar bewirtschaftet Uros, 75.000 Weinstöcke besitzt er, 50.000 Flaschen füllt er pro Jahr ab. Ich nicke schicksalsergeben zu jeder Zahl und mache inzwischen Plüschaugen. Ablehnen ist unmöglich. „In a wine cellar you drink – in einem Weinkeller trinkst du“, sagt Uros und drückt mir grinsend seinen Rotwein mit dem Namen „Renero“ in die Hand. Ich nippe vorsichtig daran, und wenn ich nicht aufpasse, kippe ich gleich hintenüber in die Eichenfässer – so schwer ist der Tropfen. Schon in nüchternem Zustand habe ich mitbekommen, dass Uros zwar eine spanische Nase hat, aber einen ausgesprochen slowenischen Humor. Bei uns würde man das „faustdick hinter den Ohren“ und „geschäftstüchtig“ nennen. In Slowenien scheint es ganz normal zu sein, sich über sein klitzekleines Heimatland zu freuen und dessen Erzeugnisse möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Allerdings essen und trinken die Slowenen ihre Produkte gern selbst, Uros hat jedenfalls kräftig mitverkostet.

Für mich klingt der Abend in der Trattoria La Burji aus. Der Familienbetrieb in einem kleinen Dorf mitten in den Bergen ist vollgepfropft mit alten Fotos und staubigen Antiquitäten, Zigarettenrauch und Küchendunst wabert in schweren Schwaden durch den Raum. Eine Frau tanzt mit einem Kleinkind um einen Tisch herum, andere singen zu Schlagern, der Rest plaudert lautstark auf Istrisch, einer eigentümlichen Mischung aus Italienisch und Slowenisch. Serviert wird über mehrere Stunden hinweg alles, was das Land zu bieten hat: Kalb, Lamm, Olivenöl und grüner Spargel, Fenchel, Backpflaumen, gebackene Kartoffeln und Pasta. Leichte mediterrane Küche? Ist in diesem Lokal ein Fremdwort, jede ernährungsbewusste Veganerin würde hier ohnmächtig. Ich blicke über den langen Holztisch, der sich unter der schweren traditionellen Kost biegt, und muss lachen. Na bitte. Willkommen im echten Balkan-Grill.

Sie wollen mehr über das Wein-Land Slowenien erfahren? Dann lesen Sie hier weiter.

Winzer Uros Rojac
© Dennis Williamson
Wein aus Slowenien: Prost! Winzer Uros Rojac entkorkt in Sekunden
HINKOMMEN
  • Alitalia Airlines bietet München-Triest ab 357 Euro an, www.alitalia.com
  • Lufthansa bietet Direktflüge ab 197 Euro an, www.lufthansa.de. Alle Preise hin und zurück inklusive Steuern und Gebühren

WOHNEN

  • Das Kempinski Palace Portorož in Slowenien ist ein Fünf-Sterne-Hotel. Es beherbergt Zimmer mit Meer- und Alpenblick, mehrere Bars und Restaurants. DZ mit Frühstück ab etwa 93 Euro p. P. und Nacht, www.kempinski.com/portoroz
  • Das Fünf-Sterne-Hotel Monte Mulini in Kroatien liegt in einem botanischen Garten direkt am Meer. Es hat zwei Restaurants und eine Spa-Anlage. DZ mit Frühstück ab 218 Euro p. P. und Nacht, Flughafentransfer inklusive, www.montemulinihotel.com
  • Das Trüffel-Paket des Monte Mulini beinhaltet eine Trüffelsuche, einen Brunch (natürlich mit Trüffelgerichten) unter freiem Himmel, zwei Kochkurse und je eine Wein- und Olivendegustation. Das Paket mit zwei Nächten und Frühstück ist ab September buchbar und kostet pro Person ab 716 Euro

ESSEN UND TRINKEN

  • Fischzucht Fonda Ökologisch aufgezogener Wolfsbarsch. www.fonda.si
  • Weingut Rojac Wein aus Ökoanbau, www.rojac.eu. Trattoria La Burji Familienrestaurant mit traditioneller Küche, Nova Vas, 6333 Scolvlje
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