27. Juni 2013
Reisetipp Westberlin

Reisetipp Westberlin

Tschüs, Prenzlauer Berg! Lange kamen alle Trends aus den hippen Vierteln im Osten der Stadt – nun mausert sich die Gegend rund um den Ku’damm wieder mächtig. Nichts wie hin da!

KaDeWe in Westberlin
© JALAG Syndication
KaDeWe in Westberlin

High Heels klackern über den breiten Bürgersteig des Kurfürstendamms, die Frau trägt eine große schwarze Brille auf der Nase und in der Hand schlichte Einkaufstüten. Ein Porsche röhrt vorbei, ein Pulk von Touristinnen schnattert, es riecht nach Baustaub und Veränderung – ausgerechnet hier! Dabei hieß es noch vor zehn Jahren, dem Boulevard im Westen der Stadt gehe jeder Coolnessfaktor flöten. Von wegen: Im Monatstakt eröffnen hier neue Luxusläden. Gerade hat die Edel-Jeans-Boutique 14 oz im denkmalgeschützten Haus Cumberland eröffnet, einige Wochen zuvor zog gegenüber das Luxuslabel Bottega Veneta ein, auch Giorgio Armani und Dolce & Gabbana geben sich wieder die Ehre. Keine Frage, Westberlin is back. Als Modemekka, Inspirationsquelle und kultureller Schmelztiegel.

Iggy Pop und David Bowie in Berlin
© Getty Images
Iggy Pop und David Bowie in Berlin:

Der Mythos Ostberlin

Dabei weht lange Zeit nur eine Nachricht zu uns herüber: im Westen nichts Neues. Kein Wunder, denn im Nachwende-Taumel zogen fast alle Galerien, Bars und Künstler in die hippen Ost-Bezirke. Dort roch die Luft nach Aufbruch und kreativem Neuland, aus Vierteln wie Schöneberg und Charlottenburg kamen keine Trends mehr. Als wäre der Westen von der Geschichte abgeschnitten. Doch wie es scheint, weht nicht nur ein frischer Wind aus Westen, es gibt auch viele Kreative, die sich an goldene Zeiten zurückerinnern. David Bowie veröffentlichte im März sein neues Album, die erste Single "Where Are We Now?" war eine Hommage an seine zwei Jahre in Westberlin, an seine Zeit in der Schöneberger Hauptstraße 155, wo er zwischen 1976 und 1978 mit Iggy Pop wohnte. Der vom Rest der Welt isolierte Westen in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren – das war eine Zeit starker Symbole: Bowie im Lederblouson, der Heroin-Chic von Christiane F., die Lederjacken der Punk-Frauen und später die Neonfarben in der Diskothek Dschungel nahe dem KaDeWe. Eigentlich kein Wunder, dass man nun zurückblickt: Es erscheinen Bücher über die Feierkultur in Berlin wie Wolfgang Müllers "Subkultur Westberlin 1979–89", und pünktlich zu den Berliner Filmfestspielen kündigte eine Produktionsfirma die Verfilmung von Bowies Berlin-Zeit an.

Andreas Murkudis
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Concept Store: Der Concept Store von Andreas Murkudis. Er zog mit seinem Laden in den Westen.

Wiederbelebung eines ehemaligen In-Labels

"Das Interesse am Westen hat viel mit der Bowie-Platte zu tun", sagt Kostas Murkudis, Modedesigner und seit Jahren überzeugter Charlottenburger (West). Der 53-jährige Modedesigner arbeitet nach Stationen bei Helmut Lang und Balenciaga nun für das Label Closed. In den frühen 80ern, als die Menschen vor dem Dschungel Schlange standen, galt Closed als erste Designer-Jeansfirma. 1992 ging die italienische Marke pleite, ein Hamburger Konsortium kaufte die Markenrechte – und machte Closed wieder zum In-Label. Seine erste Closed-Kollektion zeigte Murkudis im Januar anlässlich der Berliner Fashion Week. Viel Lob erntete er für schwarze Damen-Lederjacken, die dank der Ellbogen-Nähte an Motorradjacken erinnerten. "Das hätte auch damals gut in die Zeit gepasst", gibt er zu. Und ja, er hätte sich mit Closed gedanklich in die Ära seiner Jugend begeben, als er mit weißer Lederhose, schwarzem Sakko, weißem Hemd und dünnem Lederschlips zu Visage und Fad Gadget tanzte. "Ich war ein Popper", lacht er.

Andreas Murkudis Store
© Petra
Laden von Murkudis:

Und die Frauen? "Edelpunkig", sagt sein jüngerer Bruder Andreas Murkudis, Ladeninhaber eines Concept Stores und so etwas wie die Stil-Instanz der Stadt. Er erinnert sich an "kurze Röcke aus Lack oder Leder, weite T-Shirts". Auch Andreas Murkudis ist Teil der Westwärtsbewegung. Der frühere Kurator am Museum der Dinge war der Erste, der um die Jahrtausendwende Berlin-Mitte Geschmack und Stil beibrachte. In seinem Laden fand man Kleider von Dries van Noten, Jil Sander und von seinem Bruder Kostas. Und: Vom Hackeschen Markt (Ost) verlegte er seinen Laden an die Potsdamer Straße (West). Seit mehr als einem Jahr residiert er in der ehemaligen Druckerei des "Tagesspiegels", einfach, weil sich der Hotspot Mitte für ihn leergelaufen hatte. Und: "Die Mieten stiegen einfach zu hoch", sagt Andreas Murkudis, "obwohl wir nicht mehr verkauft haben als früher. Das Publikum in Mitte ist ein anderes als im Westen." Viele Rucksack-Touristen kamen zum Schauen in den Laden, einmal fuhr sogar ein Paar mit Fahrrädern mitten hindurch – und ohne Entschuldigung fuhren die verirrten Radler dann wieder hinaus. "Das könnte uns hier nicht passieren", glaubt Murkudis von seinem neuen Standort.

Retro-Mode ist wieder Trend

Zu seinen Stammkunden zählen Galeristen, Zeitschriftenredakteurinnen, Architekten–Menschen, die nicht unbedingt flüchtige Mode haben wollen, sondern auf langlebige Qualität setzen. Man fragt sich, ob mit dem Interesse an den Stadtbezirken auch der Geschmack der frühen 70er- und frühen 80er-Jahre wiederkehrt. Um diese Frage zu beantworten, schaut man sich am besten die Bilder der Amerikanerin Nan Goldin an, die als Fotografin kaputter Beziehungen weltberühmt wurde. Anfang der 80er-Jahre lebte sie in Westberlin. Auf einem berühmten Foto, "Bea mit blauem Drink", das sie 1984 in der Kreuzberger O-Bar aufnahm, sieht man eine Frau mit weißem Pullover, schwarzen Hosen und weißer Plastikbrille. Und siehe da, so ein Brillenmodell könnte man gerade für teures Geld vom Berliner Label Mykita kaufen. Und auf Bildern aus dem legendären Nachtklub Dschungel, in dem sich so unterschiedliche Menschen wie die Humpe-Geschwister, der Philosoph Michel Foucault und natürlich David Bowie zusammenfanden, hängen Mädchen mit taillierten Lederjacken und Dreiecks-Ohrringen herum. Andere tragen leichte Strickpullover mit eingenähten Motiven und weiten Ausschnitten. Moment mal, sind die Motiv-Pullover und die lässig runtergerutschten Shirts nicht gerade der letzte Schrei?

Coffeebar Mediashop Westberlin
© PR
Traum aller Medienschaffenden: Der neue Laden Coffeebar & Mediashop Westberlin

Für Kostas Murkudis und andere Modeschaffende besteht ihre Arbeit keinesfalls aus Zitatklaubereien. Sie gehören einer Generation an, die in den späten 70er-Jahren und frühen 80er-Jahren prägende Erfahrungen gesammelt hat – wie Raf Simons, Chefdesigner von Dior, oder Dirk Schönberger, Creative Director von Adidas. Sie alle greifen bewusst oder unbewusst auf diese für sie wichtige Zeit zurück. Nein, der Osten ist nicht tot, er hat nur eine ernsthafte Konkurrenz bekommen: Westberlin, wir kommen!

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