13. März 2010
Pures Schnee-Vergnügen

Pures Schnee-Vergnügen

Jagertee und und Buckelpisten – für manche ein Horror, für viele das Paradies. Wir überzeugen die letzten Zweifler: Wedeln Sie sich glücklich auf unseren fünf günstigen Geheimrouten abseits der gängigen Gebiete

Ski fahren
© iStockphoto
Ski fahren

An zu Hause zu denken, macht 1.800 Meter über dem Meeresspiegel doppelt Spaß: Wie trist und deprimierend ist es jetzt daheim in Ostwestfalen! Die Wiesen braun, der Himmel taubengrau, schmuddelig der Winter im Flachland. Wie gut, dass ich stattdessen hier sitze! In einem Sessellift, der mich behutsam den Berg hinaufträgt. Die frische Luft wirkt wie eine Luxus-Beauty-Maske auf mein Gesicht, wahrscheinlich strahle ich von einem Ohrläppchen zum anderen. Ich lehnebequeminmeinemTransportmöbel und fühle mich schonamersten Morgen topfit. Klonk, klonk, klonk, klonk, klonk: Wann immer die Rollen einen der Liftmasten passieren, rüttelt mich der Sitz zärtlich durch. Sonst: Stille. Unter mir sucht eine Gämse Schutz im Wald, huscht ins Dickicht.

Wahrscheinlich ahnt sie, dass etwa zwei Stunden später, wenn das Trinkgelage vom Vorabend verdaut ist,auch der Herren-Kegelklub „Die Riesen-Garnelen-Schwänze“ aus Wuppertal in ihr Alpenidyll einfallen wird. Aber ich bin früh unterwegs, noch unberührt funkeln die Pisten in der Morgensonne. Ungezählte Schneekatzen – so nennen Alpinisten ihre Pistenraupen – haben Nachtschicht gefahren und die Flockenprachtplattgewalzt,ummirdieses Vergnügen zu verschaffen: Heute als Erste die Abfahrt hinunterzujagen und jungfräuliche Wedelspuren ins weiße Glitzern zu setzen.

Märchenhaft! Für diesen Moment würde ich jeden Sommerurlaub absagen. Ja, wirklich jeden. Das geht an dich, liebe Freundin! An dich und deine Pisten-Phobie! An die nette und etwas verrückte Großstadtpflanze, die bei „Skifahren“ nur an Frostbeulen und Gehirnerschütterungen denkt. Die die Alpen bloß aus der Bottroper Skihalle kennt. Der schon auf der Wasserkuppe im nordhessischen Mittelgebirge die Luft knapp wird. Die hinter Après-Ski und Hüttenzauber nichts anderes als eine noch billigere Variante des Kölner Karnevals vermutet. Die nicht will, dass eine warme Daunenjacke ihre schlanke Silhouette ruiniert und der Fahrtwind ihren Eyeliner.

Und die gerade nicht weiß, was sie tun soll,weil ihr Herr Wunderbar,den sie im Sommer aufgegabelt hat, jetzt im Winter mit ihr in den Skiurlaub will. „Komm doch mit ins Stubaital, Baby. Du wirst sehen, es gibt nichts Schöneres.“ Genau das hat der Super-Lover zu meiner Freundin gesagt –worauf sie telefonisch bei mir Rat suchte. Ich fand den Mann auf Anhieb sympathisch: „Morgens gehst du in den Skikurs, mittags kupetrasscheln wir uns in die Sonnenstühle auf der Alm, am Nachmittag fahr ich mit dir nur die leichten blauen Pisten und abends, da ist dann Relaxing im Wellness- Hotel angesagt.“

Sanfter Einstieg als Erwachsener

Das alles hat dieser Idealfall von Gentleman meiner Freundin tatsächlich vorgeschlagen! Und was seufzt die im Gespräch mit mir verzweifelt in den Hörer? „Ich will nicht. Ich kann nicht. Hilf mir!“ „Lass doch das Granteln sein und trau dich mal“, entgegnete ich – tough wie ein Schneebrett. Klar ist es einfacher,wenn einen die Eltern schon als Vierjährigeauf die Bretter gestellt haben. Andererseits leidet man als norddeutsches Kind fürchterlich,wenn ein robuster Huaber- Sepp einen rücksichtslos die Abhänge herunterschubst – und in kaum verständlichem Skilehrerdeutsch „Talski belasten!“ brüllt.

Schnauzbärte sind am Berg immer „hip“

Als Erwachsene steigt man viel angenehmer ein – und sieht den kernigen Naturburschen mit der Lederhaut sowieso mit anderen Augen: Wie unbekümmert der ist! Immer weiß er, wo’s langgeht. Diese starken Arme, und erst die furchtlosen Gummiknie! Statt zu überlegen, ob Stirnbänder und Schnauzbärte immer noch „hip“ oder längst schon wieder „out“ sind, trägt er beides mit Stolz – vermutlich seit der Geburt. Und wenn er dich wie eine Feder in den Sessellift lupft, dann möchtest du glatt 30 Jahre Emanzipation vergessen.

Allerdings ist die Geschichte auch an der Bergwelt nicht spurlos vorübergegangen, und manch ein Sepp ist gar keiner mehr! Das musste ich mit einer anderen Freundin feststellen, der flinken Nina, eines der wenigen echten Skihaserln in meinem Freundinnenkreis. Beim gemeinsamen Wedel-Urlaub im österreichischen Großarl wollten wir Pisten- Profis uns einer neuen Herausforderung stellen, sowohl sportlich als auch als Frauen. Wir meldeten uns für den Spezialkurs „Buckelpiste“ an. Nicht ganz billig, aber dafür bei einem echten Toni!

Am Abend vorher wucherten unsere Fantasien: Unser Tag mit Toni –welche Gletscher würde er uns zeigen? Auf welche unentdeckten Gipfelunsführen? Kämen wir je zurück? Oder müssten wir ihm fortanals Liebes-Sklavinnen in Bärenfellen dienen? Goldbehangene Ladys in Bogner-Overalls standen dann am Treffpunkt Schlange. Auch Nina und ich hatten schimmernden Lipgloss mit hohem UV-Faktor aufgelegt.

Doch Toni kam und kam nicht. Bis mir eine gut gelaunte 19-Jährige beherzt auf die Schulter klopfte: „Ja Servus Madeln, I bin di Antonia! Auffi geht’s!“ Was folgte, war ein teurer Tag im Schnee – an dem ich mir von einem Teenie sagen lassen musste, dass mein Fahrstil dem einer Berufsschullehrerin aus den 80er-Jahren ähnele. Trost spenden Hendl, Würstl, Gröstl und Knödel auf der Hütt’n, egal ob der Arm verstaucht oder die Frisur zerstört ist. Am besten schmeckt die Bergkost natürlich im Freien, mit einer Überdosis Sauerstoff.

Mein Traum: Tonis Liebes-Sklavin sein

Das Schleppen der Ausrüstung und das ständige Hinfallen und Wieder- Aufstehen bewirken, dass sich kein Gramm festsetzt. Ähnliches gilt für den Alkohol, den man beim sagenumwobenen Après-Skitrinkt: Meist genügen ein bis drei Jagertee, und jede Gegenwehr erlahmt. Glücklicherweise ist morgens, beim Start in den nächsten Pistentag, alles vergessen. Aber nachts heißt es: Nichts ist peinlich! All die Terror-Schlager über nackte Frisösen und bedenkliche Penislängen: Je höher der Berg, desto lauter das Gegröle. Aber warum eigentlich nicht? Zu Hause wird es ja nie jemand erfahren.

Unsere besten Geheimtipps

Günstig oder exklusiv Ski fahren abseits der bekannten Pisten? Nichts leichter als das: fünf Empfehlungen für Ihren nächsten Skiurlaub

Oberwiesenthal/Erzgebirge ❤ Für Familienfans
DARUM LOHNT ES SICH Ist das aber kuschelig hier! Oberwiesenthal schmiegt sich an den kleinen (1.206 m) und großen (1.215 m) Fichtelberg, ist überschaubar, hat entzückend gastfreundliche Bewohner und fühlt sich erfreulich untouristisch an. Die Tageskarte ab 9 Uhr kostet 21 Euro (Kinder 16 Euro), wer später startet, zahlt weniger, www.oberwiesenthal-ski.de.
ÜBERNACHTEN Am Marktplatz liegt eins der schönsten und ältesten Häuser: das 1750 erbaute Hotel „Deutscher Kaiser“ (Doppelzimmer 89 Euro, Familienzimmer ab 97 Euro, www.deutscherkaiser-oberwiesenthal.de). Der ehemalige Skispringer Jens Weißflog führt ein idyllisches Appartementhotel (pro Nacht im Appartement ab 40 Euro p. P., Kinder 3–9 Euro, www.jens-weissflog.de).

Saklikent/Türkei ❤ Für Skihasen und Seenixen
DARUM LOHNT ES SICH Der eine will ans Meer, der andere in die Berge. Das war’s mit dem Urlaub? Nein, denn hier können Sie beides haben: weißen Sand und feinen Schnee! Saklikent ist ein kleines Skigebiet an den Hängen des Bakirli Dag, auf 1.750 bis 1.900 Meter Höhe, mit rund 300 Tagen Sonnenschein im Jahr. Der Tagesskipass kostet nur 18 Euro. Die Skisaison reicht von Dezember bis in den April, ab März können Sie im Meer baden.
ÜBERNACHTEN Günstig: „Saklikent Ski Resort“ direkt im Skigebiet (z. B. Fr–So DZ für 60 Euro, Kinder bis 6 Jahre kostenlos, bis 12 Jahre zum halben Preis), zu buchen unter Tel. +90/242/312 27 07. Traumhaft: Das Designhotel „The Marmara Antalya“ mit privater Badebucht (1 Woche im DZ mit HP inkl. Flug ab 420 Euro p. P., zu buchen über Ögertours, www.themarmarahotels.com/The-Marmara-Antalya). Direkt am Strand: „Kempinski Hotel The Dome“ (1 Woche HP im DZ inkl. Flug ab 726 Euro p. P., über Ögertours), Tagesausflüge nach Saklikent für 100 Euro (p. P. inkl. Transfer, Skipass u. Ausrüstung), www.oeger.de.

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Krvavec/Slowenien ❤ Für Cityhopper
DARUM LOHNT ES SICH Ach, wie praktisch: Im kleinen Slowenien ist alles nahebei. Der Berg Krvavec liegt nur 25 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Ljubljana, fast schon in Österreich. Aber Slowenien ist günstiger als sein Nachbarland, der Skitagespass kostet 28 Euro. Drei Berge (1.450 bis 1.971 m) und 35 Pistenkilometer umfasst das Skigebiet, und weil alles um die Ecke ist, haben Sie die Qual der Wahl: Wollen Sie Winterurlaub pur? Dann übernachten Sie direkt in Krvavec oder in Cerklje na Gorenjskem, dem kleinen Ort gleich unten im Tal. Wer den Skiurlaub mit einem Citytrip verbinden möchte, kommt von Ljubljana aus per Busshuttle schnell auf die Piste und abends zurück, www.rtc-krvavec.si.
ÜBERNACHTEN Sehr charmant und pistennah: Das kleine Hotel „Jagodic“ (DZ ab 62 Euro, www.penzion-jagodic. si/eng). Geheimtipp in Ljubljana: „Hotel Slon“, im modernistischen Stil der 30er gestaltet und direkt im Zentrum, www.hotelslon.com.

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Baqueira-Beret/Spanien ❤ Für Promijäger
DARUM LOHNT ES SICH Stars in Sicht! Die spanische Königsfamilie kommt jeden Winter, die Beckhams wedelten hier, spanische Promis lassen sich hier immer gern sehen. Das liegt an der wilden Schönheit des Pyrenäentals Val d’Aran, und das Resort auf 1.800 bis 2.500 Meter Höhe gilt als schneesicher. Allerdings kostet der Tagespass 44 Euro, für Kinder 29 Euro, dafür fühlt man sich sehr VIP. Am Wochenende reisen viele Kurzurlauber aus Barcelona an, dann geht es in den Klubs richtig rund. Wer weniger zum Feiern als zum Skifahren gekommen ist, hat mit einem einfachen Trick die Pisten fast für sich allein: Frühstart! Denn das Partyvolk steigt nicht vor Mittag auf die Bretter.
ÜBERNACHTEN Das „Tuc Blanc“ liegt auf 1.500 Metern, nahe der Talstation (DZ ab 204 Euro/Nacht, Wochenarrangements günstiger, www.hoteltucblanc.com).

Poiana Brasov/Rumänien ❤ Für Kulturfreunde
DARUM LOHNT ES SICH Jetzt wird es mittelalterlich – und zum Verrücktwerden idyllisch: Der Ort Brasov wurde im 13. Jahrhundert von Ordensrittern gegründet, die Altstadt gehört zu den schönsten Rumäniens. Von dort kurven Sie in wenigen Minuten zum Skigebiet Poiana Brasov hinauf, das Resort erstreckt sich von 1.100 bis 1.700 Meter. Die fast unberührte Natur lässt Herzen höher schlagen, selten stört eine Bausünde das Panorama der Karpaten. Der Tagespass kostet um 19 Euro, www.poianabrasov.org
ÜBERNACHTEN In der „Vila Daria“ schlief schon Nicole Kidman, als sie „Unterwegs nach Cold Mountain“ drehte (DZ ab 60 Euro, www.viladaria.ro). Im historischen Zentrum von Brasov nächtigt man stilecht im Hotel „Bella Muzica“, das vor 400 Jahren erbaut wurde (DZ ab 63 Euro, www.bellamuzica.ro).

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