31. Dezember 2010
Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer

Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer

Eine Seefahrt, die ist lustig, oder? PETRA-Redakteurin Wiebke Borcholte ging zum ersten Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs – und geriet dort schwer ins Wanken

Kreuzfahrt
© Pavel Losevsky - iStockphoto
Kreuzfahrt

Es wiegt sich. Von einer Seite zur anderen rollt das Schiff im Wellengang, sanft und einschläfernd. Hatte ich nicht vor einer Woche noch behauptet, ich würde seekrank? Ich war mir sicher, dass ich zur Reling schlingere, mich darüber hänge und sterben will. Stattdessen probiere ich seit gestern alle möglichen Schunkelvarianten aus: In der Hängematte, während mir die Sonne auf den Bauch scheint. Im Liegestuhl an Deck, mit Blick auf seichte Wellenkämme. Im zart wogenden Bett zum Einschlafen. Vielleicht ist Schunkeln meine wahre Lebensaufgabe.

Schon vor der Reise schwankte ich, allerdings zwischen Vorfreude und Vorurteil. In die Wärme wollte ich gern – aber nicht mit animierten Rentnern auf einem engen Pott eingepfercht werden. Und als ich meinen Freunden erzählte, ich würde mit einem Kreuzfahrtschiff ins Mittelmeer stechen, kamen zwei gegensätzliche Reaktionen – die einen murmelten betroffen: „Das tut mir total leid für dich.“ Und die anderen freuten sich: „Echt, das ist ja richtig cool. Das wollte ich schon immer mal machen.“

Gestern bin ich in Palma de Mallorca an Bord der „Mein Schiff“ gegangen, heute liegen wir vor Palamós in der Nähe von Barcelona, die frisch geputzte Sonne steht am Morgenhimmel. Weiter geht es nach Marseille, von dort aus schippern wir nach Villefranche und machen einen Ausflug zur berühmten südfranzösischen Parfum-Stadt: Grasse. Und bevor ich in Italien von Bord gehe, läuft die „Mein Schiff“ noch Korsika an.

Während ich über die sonnenbeschienenen Holzplanken zum Frühstück schlendere und auf die Küstenlinie Spaniens blicke, sinniere ich darüber, wo wohl die anderen Menschen sind. Klaustrophobische Anfälle habe ich bis jetzt noch nicht verspürt. Mehr als 262 Meter Länge misst der Rumpf, 1.924 Passagiere tummeln sich mit mir hier. Ich kann mich durch zehn Restaurants futtern, zwei Pools durchschwimmen, 13 Decks durchschreiten und mich in 13 Bars sinnlos betrinken. Das alles klingt nach rummeligem Massenvergnügen – doch auf diesem Schiff verläuft sich die Menge. Wer sie sucht, findet Zusammenrottungen geselliger Menschen an Pools und in Restaurants – aber man kann auch für sich allein den einsamen Matrosen auf See spielen, Bullaugen zählen oder endlos lange auf den Horizont starren.

Auch sonst ist die „Mein Schiff“ nicht so, wie ich mir einen Spaßdampfer vorgestellt habe. Keine Animateure, niemand wird bespielt, der es nicht will. Es gibt weder Partys noch Geduze – und keine feuchtfröhlichen Achtertische zum Abendessen.

Nur in einem Punkt haben mich meine Vorahnungen nicht getrogen: in Sachen Rentnerdichte. Auf dem Weg zum Frühstücks-Buffet umzingeln mich plötzlich Pensionäre. „Mann, sind die alle alt!“, denke ich. Aber das heißt umgekehrt: Ich bin so jung! Ein Hüpfer geradezu! Mit jugendlicher Begeisterung schaufele ich mir Müsli in eine Schale. Und spüre schnell: Die anderen Gäste sind nicht nur älter als ich, sondern auch entspannter. Ich fange ein Gespräch mit einem grau melierten Herrn an, er vermisst das Power-Müsli von gestern. Ich erzähle ihm, dass für mich in Grasse ein Parfum-Kurs ansteht und ich auf Korsika wandern werde. Was ich als Landratte vorher nicht wusste: Das Schiff fährt nur nachts, tagsüber macht man Ausflüge. Die Auswahl reicht vom Stadtrundgang über Kochkurse bis zum Helikopter-Flug. Wer keine Lust auf Rudelwanderungen hat, erkundet die jeweilige Stadt auf eigene Faust. Oder bleibt an Bord. Und genau dort will sich der freundliche Herr die nächsten Tage amüsieren. Er zwinkert mir zu und zieht von dannen.

Drei Tage später bin ich um einige Erfahrungen reicher. Etwa dass man bei Regen – und vielleicht auch sonst – lieber einen Bogen um Marseille macht, weil diese Stadt wenig liebenswert ist. Und auch, dass aus mir nie eine gute Parfümeurin wird. Das stört mich wenig, denn ich hatte eine Menge Spaß beim Zusammenrühren der Ingredienzen. Dank der Stippvisiten bin ich mir sicher, dass ich noch einmal länger nach Grasse und Korsika möchte. Während Grasse durch seinen pastellfarbenen duftigen Charme bestach, verknallte ich mich sofort in die herbe Aura Korsikas. Bisher kannte ich die Insel nur aus dem Asterix-Comic, jetzt weiß ich: Osolemirnix hat recht, wenn er von Korsikas speziellem Duft spricht, der leichten Andeutung von Beifuß, von Rosmarin und Lavendel. Korsika riecht außerdem nach warmen Steinen, nach Wildschweinen und tiefroten Beeren, die man von den Sträuchern pflücken kann. Und es riecht nach dem salzigen und kühlen Meer, in das ich nach einer langen Wanderung springe, auf dass mir die Wellen über dem Kopf zusammenschlagen.

Übersatt von Bildern und Gerüchen liege ich wieder herum, diesmal auf großen weichen Kissen in der Lounge, meinem neuen Lieblingsplatz. Leider muss ich gleich aufstehen. Doch immerhin geht’s zur Brücke: Ich darf den Kapitän besuchen. Der heißt Kjell Holm, stammt aus Finnland und beeindruckt mich schwer. Nicht unbedingt durch seine Körpergröße, aber durch seinen Blick und seine seemännische ruhige Art.

Außerdem sagt er nur Sätze, die ich sofort in Stein meißeln möchte. Harmlos beginnt er mit: „Hier habe ich 42.000 PS“, und zeigt auf einen Instrumententisch. Ich frage ihn nach der Sicherheit an Bord, nach möglichen Gefahren. „Wir haben viel gelernt seit der ,Titanic‘“, antwortet er und blickt mit seinen hellen Augen in die Ferne. Ich nicke wortlos. „Feuer ist das Schlimmste, was auf einem Schiff passieren kann.“ Wieder macht er eine Pause. „Ich habe das einmal erlebt, das ist kein Spaß.“ Schweigen liegt über der Brücke, keiner wagt eine weitere Frage. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Knarren der Holzplanken, eine Pfeife, ein Holzbein, ein Schluck aus der Rumbuddel, das volle maritime Programm. Aber uns umgeben Computer, die weder knarren noch ächzen. In die Stille hinein fragt die große Frau neben mir, ob das Einparken mit einem so mächtigen Schiff nicht sehr schwierig sei. Von unten wirft er ihr einen kurzen eisblauen Blick zu. Pause. Satz: „Alles ist einfach – wenn man es kann.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. In dieser Sekunde wünsche ich mir, nur noch Sätze für die Ewigkeit von mir zu geben. Aber daraus wird wohl nichts.

Nachdenklich verlasse ich die Brücke wieder, blicke auf die weißhaarigen Herrschaften in kurzen Hosen, beobachte das freundliche Personal, das das Leben in dieser abgeschlossenen Welt auf dem Ozean so angenehm macht. „Für Heimweh hat man hier keine Zeit“, sagte mir gestern eine Kellnerin, die schon seit sechs Monaten auf See arbeitet. „Aber dafür ist es etwas ganz Besonderes – auf so einem Schiff“, setzte sie hinzu. Allerdings.

Auch Oscar Wilde hatte mal wieder recht, als er behauptete: „Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf.“ Na ja, mit der geistigen Veredelung bin ich mir nicht so sicher. Aber eins weiß ich: Ich werde jetzt Rentnerin und gehe nur noch auf Kreuzfahrten. Diesen Gedanken sollte ich mal eine Runde ausschunkeln.

AHOI! INFOS ZUM CRUISEN

Die TUI Cruises setzt mit ihrem ersten Schiff auf Kreuzfahrt-Neueinsteiger – und auf mehr Platz und Ruhe. Die „Mein Schiff “ cruist nicht nur durchs Mittelmeer, sondern schippert auch in die Karibik, um Großbritannien oder ins Baltikum. Die nächste Mittelmeer-Tour startet am 9. April in Palma de Mallorca und kostet ab 795 Euro pro Person in der Innenkabine, in der Außenkabine ab 1.299 Euro pro Person. Dazu kommen eventuell noch Kosten für Besuche in besonderen Restaurants an Bord, für Spa-Besuche oder Tagestouren. Die Reise dauert acht Nächte und führt über Villefranche, Korsika, Civitavecchia bei Rom, Neapel und Palermo (siehe Karte unten). Für Familien: Kindern wird ein eigenes Ausflugsprogramm angeboten, und sie können an Bord in drei verschiedene Kids-Clubs gehen. Alles über die „Mein Schiff “, die Touren, Angebote und einen einfachen Preisrechner finden Sie auf www.tuicruises.com

Andere Anbieter – wie AIDA Cruises, Costa, Hapag-Lloyd, Hurtigruten oder Windstar Cruises – setzen auf ihren Touren jeweils andere Schwerpunkte. Die Spannbreite reicht vom Partyboot über den riesigen Luxuskreuzer bis zum Postschiff für Erlebnistouren. Die Branche boomt: Allein 2009 liefen zehn neue Kreuzfahrtschiffe vom Stapel. Eine Übersicht finden Sie z. B. auf www.kreuzfahrt.de

Du hast Lust auf eine Kreuzfahrt bekommen? Dann findest du hier die besten Kreuzfahrt-Routen im Winter und im Frühjahr >>

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