Reisetipp Bereit für ein Flamenco-Kleid?

Diese Reise beginnt mit dem ersten sonnigen Samstag des Jahres und endet in einem Flamenco-Kleid – auch wenn PETRA-Autorin Andrea Tapper gar nicht auf die Tanzfläche wollte.

Sevilla

Diese Stadt liebt den großen, theatralischen Auftritt. Drama, Baby: Nirgendwo schlägt das Herz Spaniens feuriger – was man vielleicht daran erkennt, dass auch Generationen von Tierschützern den Stierkampf nicht ausrotten konnten. Tradition in einer trendigen Metropole? Hier in Sevilla geht das zusammen. Worüber sich allerdings alle einig sind: das gute Wetter. Dass der Frühling hier einfach schon acht Wochen früher beginnt als bei uns, ist eine Tatsache. Sevilla liegt näher an Marokko als an Madrid, und mit 3000 Sonnenstunden pro Jahr zählt dieser spanische Landstrich zu den heißesten Ecken Europas. Den ganzen milden Winter hindurch sitzen die Menschen bei 14 bis 20 Grad rund um die Kathedrale in stylishen Cafés. Eines der schönsten: das Trendhotel Eme. Es beeindruckt außen mit einer pompösen Renaissance-Fassade und überzeugt innen mit puristischer Moderne. Auf der Dachterrasse kann ich bei chilliger Musik die Kathedrale fast mit den Händen greifen, Palmen recken sich in den Himmel. Und wie es hier überall duftet! Pünktlich zum Frühjahrsbeginn erblühen 10.000 Orangenbäume überall in der Stadt.

Shopping in Sevilla

Die Innenstadt mit den Haupteinkaufsstraßen Sierpes und Tetuán steht für den nächsten Tag auf dem Plan. Ich kann sie bestens zu Fuß durchlaufen – heute wird geshoppt! Nahe der Plaza Jesús de la Pasión verkauft die wohl bekannteste Modeschöpferin der Stadt, Pilar Vera, Kleider im – na, was wohl? – Flamenco-Stil. Dort hängen Roben mit Rüschen und Volants, um den Po herum schön eng, ganz so, wie es ihre prominenteste Kundin Penélope Cruz gern mag. „Nach ein paar Tagen Sevilla ist fast jede Frau in der Stimmung für ein Flamenco-Kleid“, sagt die Designerin. Ich bin noch nicht ganz so weit. Aber meine Zeit ist ja auch noch nicht rum. Sollte ich meine Meinung sofort ändern, würde ich in der Boutique Flamenco an der Calle Francos fündig werden. Dort hängen aktuelle Kollektionen spanischer Start-up-Designer, modern – und auch bezahlbar.

Toll finde ich die garantiert rüschenfreie Straßenmode im Global. In dem Laden stöbere ich durch Möbel, Kunst und leckere Olivenöle in einer Gourmet-Ecke. Ein Muss für Hutfans und mein Traum: das älteste Hutgeschäft der Stadt, das Sombrerería Maquedano in der Calle Sierpes – mit wunderbaren Hutkreationen. Im Nice things, dem Shop von Paloma Santaolalla und Miquel Lanna, finde ich die Styles, die ich am liebsten mag – von lässigen Tagesklamotten bis zur Glamour-Robe für die Nacht. Und weil ich schon dabei bin, kaufe ich von jedem etwas.


Einen Tag später hat sich mein Shopping-Rausch gelegt. Da passt es, dass 
sonntags die Läden ge
schlossen sind. Ganz Se
villa bummelt durch das
 Prachtstück der Stadt, den 
Alcázar-Palast, die älteste
königliche Residenz Euro
pas. Hier schlafen Kron
prinz Felipe und seine Frau
 Letizia, wenn sie in der 
Stadt weilen. Das Beson
dere daran: Ihre direkten
 Nachbarn sind ganz einfa
che Sevillanos, denn die
 traumhaften Altstadt-Wohnungen an den Palastmauern kosten nicht mehr als 200 Euro Miete. Es sind Sozialwohnungen aus alter Zeit in bester Wohnlage. Nicht schlecht, denke ich. Ein Palast für jedermann.

Flamenco ist mehr als nur ein Tanz

„Eine Reise nach Andalusien ist immer auch eine Reise zum Flamenco“, so hatte Helena mich zu Anfang meiner Reise eingestimmt. Ich war mir zwar sicher, dem Tanz nicht einfach so zu verfallen, muss nun aber zugeben: Manche der Herz-und-Schmerz-Auftritte waren emotional, andere ganz schön schräg, berührt haben mich alle. Bei einem Trip zu den weißen Dörfern rund um Sevilla erlebte ich eine Art Boulevard-Theater- Vorstellung im Bürgerclub von Alcalá. Wir Zuschauer bekamen Sahnehörnchen und Bier, am Ende standen die meisten auf den Stühlen und klatschten und stampften begeistert mit. Das Kontrastprogramm wurde in der Dorf-Bodega von Mairena del Alvon und Mairena del Alcor geboten: Gezeigt wurde moderner High-Class-Flamenco der Schwestern Maria und Alba Serrano, die bereits in New York, Hamburg und München getanzt haben.

Warum die Flamenco-Weltstars in der Dorfkneipe auftraten? „Ganz einfach: Wir wohnen in der Nachbarschaft“, lüftete Maria Serrano das Geheimnis des Spontan-Gastspiels. „Flamenco ist weit mehr als nur ein Tanz, es ist ein tiefes Gefühl“, fügten sie hinzu. Und nach einer Woche voller Flamenco-Erlebnisse haben all diese Frauen mich so weit: Ich bin bereit für einen Flamenco- Workshop. In einer kleinen Tanzschule sitze ich mit einer Handvoll Lernwilliger auf Baststühlen. Die jüngste Tänzerin, Rocío Suárez, trägt ein Lippenpiercing. Sie hält sich kerzengerade, wirbelt herum, rafft den Rock hoch. Sofort verwandelt sich Rocia in Carmen. Studio-Chef Eduardo Rebollar hat das vorbereitet, was Anfänger immer brauchen – einen Film, der den Takt erklärt. Zuerst sollen wir klatschen, bevor wir ein paar zaghafte Drehungen versuchen. „Von 1 bis 12 zählen die Noten, die Betonung – und jetzt kommt’s – liegt auf 3, 6, 8, 10 und 12.“ Welch ein Vergnügen, plötzlich mitklatschen zu können. Atemlos, pausenlos, theatralisch. Wie Sevilla eben.

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