Reisen 10 Restaurants, 2 Pools, 13 Decks und 13 Bars

Eine Seefahrt, die ist lustig, oder? PETRA-Redakteurin Wiebke Borcholte ging zum ersten Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs – und geriet dort schwer ins Wanken

Kreuzfahrt

Während ich über die sonnenbeschienenen Holzplanken zum Frühstück schlendere und auf die Küstenlinie Spaniens blicke, sinniere ich darüber, wo wohl die anderen Menschen sind. Klaustrophobische Anfälle habe ich bis jetzt noch nicht verspürt. Mehr als 262 Meter Länge misst der Rumpf, 1.924 Passagiere tummeln sich mit mir hier. Ich kann mich durch zehn Restaurants futtern, zwei Pools durchschwimmen, 13 Decks durchschreiten und mich in 13 Bars sinnlos betrinken. Das alles klingt nach rummeligem Massenvergnügen – doch auf diesem Schiff verläuft sich die Menge. Wer sie sucht, findet Zusammenrottungen geselliger Menschen an Pools und in Restaurants – aber man kann auch für sich allein den einsamen Matrosen auf See spielen, Bullaugen zählen oder endlos lange auf den Horizont starren.

Auch sonst ist die „Mein Schiff“ nicht so, wie ich mir einen Spaßdampfer vorgestellt habe. Keine Animateure, niemand wird bespielt, der es nicht will. Es gibt weder Partys noch Geduze – und keine feuchtfröhlichen Achtertische zum Abendessen.

Nur in einem Punkt haben mich meine Vorahnungen nicht getrogen: in Sachen Rentnerdichte. Auf dem Weg zum Frühstücks-Buffet umzingeln mich plötzlich Pensionäre. „Mann, sind die alle alt!“, denke ich. Aber das heißt umgekehrt: Ich bin so jung! Ein Hüpfer geradezu! Mit jugendlicher Begeisterung schaufele ich mir Müsli in eine Schale. Und spüre schnell: Die anderen Gäste sind nicht nur älter als ich, sondern auch entspannter. Ich fange ein Gespräch mit einem grau melierten Herrn an, er vermisst das Power-Müsli von gestern. Ich erzähle ihm, dass für mich in Grasse ein Parfum-Kurs ansteht und ich auf Korsika wandern werde. Was ich als Landratte vorher nicht wusste: Das Schiff fährt nur nachts, tagsüber macht man Ausflüge. Die Auswahl reicht vom Stadtrundgang über Kochkurse bis zum Helikopter-Flug. Wer keine Lust auf Rudelwanderungen hat, erkundet die jeweilige Stadt auf eigene Faust. Oder bleibt an Bord. Und genau dort will sich der freundliche Herr die nächsten Tage amüsieren. Er zwinkert mir zu und zieht von dannen.

Autor: Wiebke Borcholte

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