Reisebericht Wieso eigentlich Seidenweber?

Die meisten verbinden Lyon mit der Kochlegende Paul Bocuse. Dabei kann man hier mehr als nur Schlemmen: PETRA-Autor Olaf Tarmas ließ sich von zwei jungen Köchinnen die schönsten Plätze zeigen. Nach dem Essen, natürlich.

Lyon

Aber wieso eigentlich Seidenweber? „Weil Lyon die Stadt der Seide ist“, erklären mir Laura und Isabelle, als sie später am Abend etwas Ruhe haben und an der Bar noch einen Absacker mit mir trinken. Auf einem Hügel oberhalb der Altstadt entstand ein ganzer Stadtteil der Seidenspinner und Textilarbeiter. „Die hatten nicht viel Geld – und in den Bouchons konnten sie für ein paar Francs satt werden“, erklärt Laura.

Jesus kommt aus Lyon

Am nächsten Morgen wollen Laura und Isabelle mir ihr Lyon zeigen – und führen mich zuerst auf einen Markt. Im Schatten großer Platanen bummeln wir über den „Marché Saint Antoine“ an der Uferpromenade der Saône. „Du musst unbedingt Jesus probieren“, sagt Isabelle, als wir am Fleischerstand vorbeikommen. Nein, ich habe mich nicht verhört: Die Lyoner haben ihre Lieblingswurst nach dem Heiland benannt – und so, wie Isabelle selig gen Himmel blickt, als sie sich ein Scheibchen einverleibt, scheint sie ihr himmlisch zu schmecken. Ich probiere ein Stückchen von einem „Baby-Jesus“ (die kleinere Version), kann aber keinen Unterschied zu einer normalen Salami feststellen. Man muss wohl von hier sein, um diesen Kult zu verstehen…

„Voilà – unsere Stadt!“, ruft Laura mit großer Geste, als wir an der Uferbalustrade ankommen – und wirklich: Von hier aus hat man das Gefühl, ins Herz von Lyon zu blicken. Lyon liegt am Zusammenfluss der Rhône und der Saône. Die Saône strömt erstaunlich türkis und schnell unter großen Brücken hindurch und trennt Alt von Neu. Am gegenüberliegenden Ufer schmiegen sich die rosafarbenen Häuser der Altstadt an einen Hügel, auf dem die Basilika Notre-Dame de Fourvière mit ihren schlanken Türmchen thront. Auf unserer Seite, auf der kleinen Halbinsel, wo sich Saône und Rhône treffen, liegt der modernere Teil von Lyon, der mir vorkommt wie eine Art Pocket-Paris: große Boulevards, elegante Bürgerhäuser, prächtige Plätze mit Brunnen und Cafés – aber hier ist alles, im Gegensatz zur Hauptstadt, überschaubar und zu Fuß erreichbar.

Wir wandern durch das „Carré d’Or“, das „goldene Viertel“, um der zweiten Leidenschaft von Laura und Isabelle zu folgen – Mode. Mehr als 70 Boutiquen kuscheln sich in den Gassen der Altstadt, viele Lyoner Designerinnen sitzen hier. In diesem Bezirk zeigt sich die andere Seite der scheinbar so bodenständigen Stadt: etwas unterkühlt und sehr elegant. Isabelles Lieblingsgeschäft ist „Ma petite robe noire“, verkauft werden ausschließlich kleine Schwarze. Für jede Tageszeit und jeden Anlass, zu jedem Preis, von Economy-Roben zu 150 Euro bis zum Lagerfeld-Modell für das Zehnfache. Einiges von dem, was in den Schaufenstern des Viertels zu sehen ist, können wir ein Stückchen weiter auf dem Rathausplatz bewundern: Dort wirbeln an diesem Nachmittag Salsa-Paare über das Pflaster, mit hohen Hacken und im kleinen Schwarzen, aber auch mit Flipflops und Shorts.

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