1. März 2012
Abenteuer Afrika

Abenteuer Afrika

Irgendwo in Afrika verlor PETRA-Autorin Wiebke Brauer ihr Herz. Kein Wunder, denn auf dem Weg von Durban in den Norden kann man sich schon einmal wider Erwarten in ein wildes Tier verlieben – oder gleich in ein ganzes Land.

Afrika
© istockphoto
Afrika

Weg war es. Wenn ich bloß wüsste, wo genau auf der Reise ich mein Herz verloren habe. Fest steht nur eins – Liebe auf den ersten Blick war es auf keinen Fall. Schon aus Trotz nicht, schließlich wollte ich nicht zu diesen verstrahlten Nordeuropäerinnen gehören, die sich nach ihrem ersten Afrikatrip nicht mehr einkriegen, nur noch den Klassiker „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep gucken und dabei ganz verträumt über ihre Holzgiraffe streicheln.

Mit dieser ehernen Absicht steige ich zumindest aus dem Flugzeug in Durban. Der Vorsatz ist auch noch in Stein gemeißelt, als ich am nächsten Tag ganz sachlich auf Erkundungstour gehe. An meiner Seite: Richard von den „Streetscene Tours“, der sich ein Bein ausreißt, um mir an einem einzigen Tag eine Millionenstadt zu Füßen zu legen. Aha, Durban, denke ich. Mittelmäßig attraktiv auf den ersten Blick. Mit über 3,1 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Südafrikas. Liegt am Indischen Ozean an der Ostküste. Die Briten brachten einst Tausende von indischen Landarbeitern hierher, noch heute liegt der Anteil der indischstämmigen Bevölkerung bei 20 Prozent. Schau an. Mahatma Gandhi arbeitete längere Zeit als Anwalt in Durban. So, so, sehr interessant. Die weiße Bevölkerung macht nur etwa vier Prozent aus. Das ist wenig. Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß bis 1994, dann endete die Apartheid. Unvorstellbar.

All diese Zahlen und Fakten wabern durch meinen Kopf, als Richard mich durch verschiedene Boutiquen schleust, in denen ich kurz einem Kaufrausch verfalle, mir kleine Cafés und Läden zeigt, in denen ich mich sofort pudelwohl fühle, und an den Stadtstrand fährt, an dem Frauen hinter Hunden und Jungs hinter Wellen herjagen. Spätestens in diesem Moment wird mir eins klar: Kapstadt liegt am Atlantik und mag die schönere Stadt sein, aber Durban liegt am Indischen Ozean – und der ist warm. Ein unschätzbarer Vorteil. Richard deutet unauffällig auf ein paar dunkelhäutige Jungs mit Surfbrettern unter dem Arm. „Das sind Straßenkinder, die surfen lernen.“ Ich nicke.

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Regel Nummer 1 in Durban: Eine besondere Stadt. Aber mach den Mund zu

Durban bietet schicke Läden, die man so auch in Berlin-Mitte finden könnte, aber die Armut kriecht durch jede Zaunlücke. Nach einem weiteren Kaffee schleppt mich Richards Kollege Sthembiso über die berühmten Märkte der Stadt. Wir fangen mit dem Kräutermarkt an der Warwick Junction an. „Keine Fotos“, warnt er mich vor, als wir uns dem Markt nähern. Zwei Sekunden später kenne ich den Grund. Mir klappt der Unterkiefer herunter. Auf dieser Meile werden nicht nur Baumrindenstücke, Blattwerk, Kräuter und Blüten verkauft, sondern auch Knochen, Schädel und Häute. Aus den Ingredienzien macht man Medizin, erklärt mir Sthembiso. Kein lieblicher Anblick. Das ist also Südafrika. Blaue Wellen, weiße Wolken, kleine Boutiquen – aber auch graugrüne Kräuter und dunkle Augenhöhlen in gebleichten Schädeln. Vielleicht war das der Moment, in dem mein Herz das erste Mal ein bisschen zuckte. In was verliebt man sich? In das, was man nicht kennt.

Später am Abend sitze ich in der Craft Trattoria und trinke erschöpft mein erstes südafrikanisches Bier. Ich frage Krystle D’Unienville nach den Gegensätzen in ihrem Land. Sie managt den Laden und studiert noch nebenbei. Ihre Haut ist schneeweiß. Sie lächelt: „Weißt du, ich habe die Apartheid nie erlebt – jedenfalls nicht so wie meine Eltern.“ Sie erklärt, dass die Hautfarbe immer unwichtiger wird und dass sich die Gesellschaft langsam mischt. Dann grinst sie: „Aber die Kontraste sind natürlich da. Neulich fragte ich einen anderen Studenten, was er am Wochenende macht. Ich wollte ihn auf eine Party einladen. Er antwortete: ,Ich fahre nach Hause, töte eine Ziege und werde ein Mann.‘“ Das ist typisch für dieses Land. Krystle lacht, und ich muss mit ihr lachen, weil durch ihre Worte alles in diesem Land so einfach und normal erscheint. Ich trinke mein Bier aus und verabschiede mich. Ein langer Tag liegt hinter mir, ein noch längerer liegt vor mir. Schon morgen muss ich in ein Auto steigen und nach Norden zum Isimangaliso Wetland Park fahren. Ich werde wilde Tiere sehen, auf Safari gehen, das volle Programm. Nashörner. Nilpferde. Elefanten. Giraffen. Löwen. Und obwohl ich im weichsten Bett der Welt liege, kann ich vor lauter Herzklopfen nicht schlafen.

lake St. Lucia in Südafrika
© inkie1010
lake St. Lucia in Südafrika

Regel Nummer 2 am Lake St. Lucia: Gefährliche Tiere tragen kein Schild

Auf zu den Viechern! Die Augenringe werden ignoriert, nach dem Frühstück hüpfe ich kurz ins Meer, danach wird die nächste Etappe in Angriff genommen. Nach drei Stunden Autofahrt erreiche ich den Lake St. Lucia. Hier steht zuerst eine Tour mit dem Jeep und eine nachmittägliche Bootsfahrt über die Lagune an. Schon die Landpartie macht mich um einiges klüger. Erste Lektion: Südafrika ist verdammt windig. Wer sich keine Sonnenbrille und einen flugsicheren Hut aufsetzt, sieht hinterher aus wie ein struppiges Tier, dem die Augen tränen und die Haare zu Berge stehen. Zweite Lektion: Gefährliche Tiere tragen kein Warnschild um den Hals. Unser Fahrer Sipho zeigt auf einen Afrikanischen Büffel, der allein in der Ferne steht. „Die Büffel sind sehr aggressiv“, erklärt er. Er blickt auf das einsame Tier am Horizont und setzt grinsend hinzu: „It’s not good to be alone all day“ – es ist nicht gut, den ganzen Tag allein zu sein.

Hat er auch recht. Dass man niemals aus dem Jeep steigt, versteht sich von selbst. In dem Moment, in dem man das Fahrzeug verlässt, erkennt zum Beispiel ein Löwe sofort die menschlichen Umrisse und könnte angreifen. Die zweite gefährliche Tierart – abgesehen von den riesigen herumsausenden Mistkäfern, vor denen man ständig in Deckung gehen muss – sind die Nilpferde im Lake St. Lucia. Beim Anblick des ersten Nilpferds quieke ich noch verzückt und falle fast über Bord, um ein Foto zu machen. 20 Nilpferde später bin ich nicht mehr ganz so enthusiastisch – und vorsichtiger beim Herauslehnen.

Das niedliche Gähnen der Tiere ist eine Drohgebärde, wie ich lerne. Und die lustigen Kolosse mit den rosa Ohren kauen nicht nur auf Seerosen herum, sie verteidigen ihr Revier auch bis aufs Blut. „Nilpferde und Moskitos bringen die meisten Menschen um“, erklärt ein Guide. Respektvoll lehne ich mich zurück. Vielleicht sind mir Giraffen doch lieber. Giraffen sind schön friedlich, klimpern mit den langen Wimpern und kauen ganz pittoresk auf dornigen Zweigen herum.

Kleine Meeresschildkröte am Rocktail Beach
© Jolene Thompson / flickr.com
Kleine Meeresschildkröte am Rocktail Beach

Regel Nummer 3 auf einer Safari: Steige niemals aus. Niemals

Meine nächste Station heißt Rocktail Beach Camp und liegt direkt am Indischen Ozean. Spätestens jetzt ist es um mich geschehen. Der Ozean rauscht in weichen Wellen über den sahneweißen Strand, kleine Krebse sausen über den Sand und verschwinden in ihren heimatlichen Löchern, die Sonne strahlt vom blitzeblauen Himmel, kein Mensch ist in Sicht. Was erschwerend hinzukommt – ich sah heute morgen Wale. Warum berühren uns diese Begegnungen mit Delfinen und Walen so sehr? Ich kann es mir nicht erklären, aber ich konnte mich auch nicht wehren. Ich weiß nur, dass ich heute Vormittag auf einem Schnellboot saß und Buckelwale dabei beobachtete, wie sie durch die Wogen glitten. Bei jedem Auftauchen atmeten sie aus, ein kleiner Regenbogen bildete sich über ihrem Rücken, ein schillerndes Prisma über einem grauen Riesen. Wir haben sie nicht gestört, wir haben sie aber auch nicht interessiert. Spätestens da muss mein Herz über Bord gefallen sein. Will man nicht immer das, was sich nicht wirklich für einen interessiert? Will man. Und als ob diese Begegnung nicht schon gereicht hätte, durften wir hinterher ins Wasser hüpfen und eine Weile schnorcheln. Fische glotzten in meine Taucherbrille, einer biss mir sogar in den Finger, als ich versuchte, ihn anzufassen. Selbst schuld.

Als Trost segelte eine riesige Meeresschildkröte unter mir vorbei, ich sah Fische, bunt wie Fieberträume. Und jetzt liege ich hier auf meinem Bett in der Lodge und blicke über die Baumwipfel hinweg bis zum Meer. Im Rocktail Beach Camp haben die Zimmer keine Wände, nur Zeltplanen trennen Bett und Bad von der Natur. Der Wind streicht über mein Gesicht, Blätter rauschen. Vielleicht sind es auch die Wellen. Jetzt haben wir den Salat. Eine nordeuropäische Frau wird nach Hause zurückkehren, von Riesenkäfern erzählen, von Antilopen und Nilpferden, von den Gegensätzen dieses Landes und der Faszination. Dann wird sie „Jenseits von Afrika“ in den DVD-Player schieben und sich die Augen aus dem Kopf heulen. Na ja, ganz so schlimm muss es nicht kommen. Es reicht ja, sich mal wieder etwas vorzunehmen. Mein neuer Vorsatz: Ich werde zurückkehren. Was soll man auch sonst machen, wenn man sein Herz in Südafrika verloren hat?

Südafrika
© Abendsonne Afrika
Südafrika

HINKOMMEN

South African Airways fliegt täglich nonstop über Nacht. Der Flugpreis von München nach Durban über Johannesburg beginnt ab 877 € inkl. www.flysaa.com oder Tel. 069/299 803 20.

WOHNEN IN DURBAN

The Concierge Hübsches Hotel, DZ ab 100 €. 37–43 St. Mary’s Avenue, Greyville, www.the-concierge.co.za

The Oyster Box Albert und Charlene von Monaco können nicht irren: Schließlich flitterte das Paar in dem Fünf-Sterne-Resort in Umhlanga, einem Vorort von Durban. DZ ab 400 €. 2 Lighthouse Road, Umhlanga Rocks 4319, www.oysterboxhotel.com

WOHNEN AN DER KÜSTE

Rocktail Beach Camp Sensationell: Das Camp mit den 17 geschmackvollen Zeltzimmern liegt abgelegen im Osten Südafrikas (Kwazulu Natal), nahe bei der Grenze zu Mosambik. In 20 Minuten wandert man zum einsamen Strand. Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Zimmer p. P. ab 126 €, Touren extra, z. B. 16 € für Whale Watching. www.wilderness-safaris.com

Phinda Die luxuriöseste Variante, auf Safari zu gehen. Pro Tag werden zwei Touren angeboten, Löwen, Zebras & Co gibt’s garantiert zu sehen. Die Preise starten bei 360 € pro Nacht. www.andbeyond.com

SHOPPEN IN DURBAN

Mooi Wunderschöne Shirts, Schmuck und Tand. î 100 Bulwer Road, Glenwood, Durban. Earthmother Ökoladen mit schönen Dingen. 106 Bulwer Road, Glenwood, Durban, www.earthmother.co.za

Ike’s Books & Collectables Wer gern in Buchläden stöbert, darf sich Ike’s nicht entgehen lassen. 48a Florida Road, Durban.

ESSEN UND KAFFEEPAUSEN

9th Ave. Bistro, Café 1999 und Craft Trattoria Feines Essen und netter Service.

9th Ave. Bistro: 2 Avonmore Centre, 9th Ave., Morningside, www.9thavenuebistro.co.za

Café 1999: 117 Vause Road, www.cafe1999.co.za

Craft Trattoria, 35 Newport Ave., Glenashley, Durban Nord, www.crafttrattoria.co.za

Colombo In diesem Laden wird Kaffee geliebt, vertrieben, aber auch einfach ausgeschenkt. 369 Gale Street, Durban, www.colombo.co.za

The corner cafe: Köstliches Essen, dampfender Kaffee. Das Beste sind die frischen Säfte. 197 Brand Road, Glenwood, Durban, www.thecornercafe.co.za


GUT ZU WISSEN

Streetscene Tours Sehr empfehlenswert: Wer sich für alternative Citytouren und die wirklich spannenden Ecken von Durban interessiert, sollte sich an Richard Powell und sein Team wenden. 170 Mahatma Gandhi Road, 4091 Durban, www.streetscenetours.co.za

Noch mehr Infos: www.merian.de/afrika/suedafrika

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