31. Januar 2013
Was ist ein gutes Leben?

Was ist ein gutes Leben?

Eine Australierin befragte Menschen am Ende ihres Lebens, was sie am meisten bereuen. Heraus kamen fünf wichtige Lektionen, die man sich merken sollte

Drei junge Frauen glücklich am Strand
© Digital Vision / Thinkstock
Drei junge Frauen glücklich am Strand

"Meinst du nicht, dass dir das irgendwann leidtut?“ Dieser Satz meiner ältesten Freundin spukt mir immer durch den Kopf, wenn es in meinem Leben drauf ankommt: Wenn ich selbst entscheiden muss und meine Zukunft nicht an jemand anderen delegieren kann. „Meinst du nicht, dass es dir irgendwann leidtut?“ Ich habe mich das tatsächlich schon oft gefragt. Als ich aus meiner Heimatstadt wegzog. Als ich den ersten Heiratsantrag ablehnte. Als ich mich mit einem guten Freund so zerstritt, dass wir über Jahre nicht miteinander sprachen. Bis heute.

Das Leben schickt einen immer wieder an diese Weggabelungen, an denen man sich nur zwischen rechts und links entscheiden kann. Und man kann noch so viel lesen, reisen oder hundert Jahre alt werden – es wird nie einer sagen, was gut und richtig gewesen wäre. Niemand wird sich hinstellen und es verraten: das Geheimnis für ein gutes Leben. Weil es den einen Schlüssel gar nicht gibt. Denn das Leben ist eben diese Pralinenschachel: Die einen Pralinen schmecken super. Die anderen findet man fürchterlich. Und irgendwie muss man klarkommen, auch mit der bitteren Schokolade. Vielleicht nähert man sich dem guten Leben, wenn man weiß, welche Fehler man nicht machen sollte? Das dachte sich die Australierin Bronnie Ware, als sie mit Menschen am Ende ihres Lebens darüber sprach, was sie am meisten bereuen. Unzählige Stunden saß die Krankenschwester an Betten und hörte alten Damen und Herren zu. All ihre Geschichten verarbeitete sie in einem Buch („The Top Five Regrets of the Dying“, auf Englisch, Hay House, 244 Seiten, 12,99 Euro). Das Ergebnis: nicht das eine große Geheimnis – aber fünf kleine Lektionen, die jedes Leben ein bisschen besser machen, wenn wir uns daran halten.

Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben

Das ist der Punkt, den Bronnie Ware am häufigsten hörte. Es liegt nicht unbedingt in unserer Natur, verrückt und wild zu sein. Aber: Wie oft verbiegen wir uns, weil wir es anderen recht machen wollen? Wie viele Träume bleiben auf der Strecke, weil es gerade nicht passt? Eine Sache erschütterte Bronnie Ware regelrecht: „Ganz viele hatten nicht einmal die Hälfte ihrer Lebensträume überhaupt angepackt“, sagt die Autorin und Bloggerin. „Und das Bitterste war am Ende für die meisten die Erkenntnis, ass es in ihrer Macht gestanden hätte.“ Mal fehlte die Zeit. Mal der Mut, an sich selbst und seine Träume zu glauben. „Wir werden nie die Dinge bereuen, die wir getan haben. Sondern immer die, die wir nicht taten“, sagte der US-Wissenschaftler Randy Pausch, dessen Buch „Last Lecture – Die Lehren meines Lebens“ weltweit zu einem Bestseller wurde. Pausch starb mit 47 Jahren an Krebs. Den Satz sagte er in seiner letzten Vorlesung.

Ich hätte den Mut haben sollen, meine Gefühle zu leben

Es ist der Schlüssel zu seelischer Gesundheit, vielleicht der Türöffner für ein gutes Leben: Authentizität. Leben, was man fühlt. Zu dem stehen, was man sagt. Bei sich selbst bleiben, auch wenn es unbequem ist. Schreien, wenn einem der Kragen platzt. Weinen, wenn es jemand sieht. Aber wir unterdrücken unsere Gefühle, weil wir niemanden verletzen oder nicht anecken wollen. Die Folge: ein recht mittelmäßiges Leben. Klar, so landen wir nie ganz unten – aber leider auch nie ganz oben.

Kinder kichern und können sich gar nicht mehr einkriegen. Irgendwann im Leben kommt vielen diese Fähigkeit abhanden. Zu welchem Zeitpunkt und warum? Es passiert schleichend. Erst sind es ein paar kleine Mäkeleien, wir lassen uns stressen, agieren nicht, sondern rea- gieren nur. Aber die Dinge locker sehen oder drüber lachen, das können wir immer seltener. Wir sind erwachsen, die Sache ist ernst. Und plötzlich sitzen wir da und haben uns eine grundlegende Nörgelei angewöhnt. „Viele merken erst am Ende des Lebens, dass sie sich bewusst für Freude hätten entscheiden können“, sagt Bronnie Ware. Manche hatten es verlernt. Andere hatten schlicht vergessen, im Leben mal ausgelassen und albern zu sein.

Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet

Diesen Fakt nannte fast jeder Mann. Durch die Arbeit hatten die Männer das Aufwachsen ihrer Kinder verpasst und wenig Zeit für ihre Partnerinnen. Bronnie Ware: „Nicht einer sagte: Warum habe ich bloß keine Karriere gemacht? Oder: Warum bin ich nicht reicher geworden? Im Gegenteil – die meisten bedauerten, wertvolle Lebenszeit mit einer Arbeit vergeudet zu haben, die ihnen nur mittelmäßig oder im schlimmsten Fall gar nicht gefiel.“

Ich hätte mich mehr um meine Freunde kümmern sollen

Was bleibt, wenn die Liebe geht? Was bleibt, wenn die Eltern nicht mehr sind? Freunde. Menschen, bei denen unsere Seelen sich zu Hause fühlen, die uns verstehen und unterstützen, egal, was kommt. Nur manchmal sind wir so beschäftigt mit uns selbst, dass sie zu kurz kommen. Nehmen wir uns die Zeit: für ein Telefonat, das nur fünf Minuten dauert. Für den Italien-Urlaub mit der besten Freundin, den wir uns dann ins Buch unserer Erinnerungen schreiben können. Wer seine Freundschaften pflegt, ist selbstbewusster, im Job erfolgreicher und führt die stabileren Beziehungen. Das belegen Studien – und im Grunde wissen wir es auch. Man kann sich das Leben immer irgendwie schönreden. Wir Frauen sind Meisterinnen im „einerseits/ andererseits“. Oder denken gern: Alles Schlechte ist für ewas gut. An den ganz großen Lebensentscheidungen wie Kindern, Auslandsaufenthalt oder Heirat gibt es seltsamerweise nichts zu bereuen. Tun wir es, wissen wir, wie es sich anfühlt. Tun wir es nicht, können wir es nicht bewerten. Was sollten wir dann bereuen? Aufstoßen wird uns immer, was wir zu lange aushalten: miese Beziehungen, schlechte Jobs, falsche Freunde. „Meinst du nicht, dass es dir irgendwann leidtut?“ Wenn ich genau darübernachdenke, weiß ich genau, was mir leidtäte. Wenn ich im Leben nicht lernen würde, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Und genau darum – obwohl ich zwei Dutzend Erledigungen auf dem Zettel habe – rufe ich heute Abend in Ruhe meine älteste Freundin an.

10 Dinge, die man im Leben getan haben sollte

  1. Draußen schlafen
  2. „Ich liebe dich“ sagen- und es meinen
  3. Aus Liebe richtig leiden
  4. Wilde Tiere sehen
  5. Auf einen Berg steigen, auf dessen Spitze noch Schnee liegt
  6. Geld verschenken
  7. Fest an etwas oder jemanden glauben (auch an sich selbst)
  8. Tränen lachen
  9. Glücklich mit dem eigenen Leben sein, wenn auch nur für einen winzigen Moment
  10. Sich entschuldigen
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