12. Juni 2014
Wagen Sie einen Neuanfang

Wagen Sie einen Neuanfang

Als Teenie heulte man nach einer Trennung, dann ging das Leben weiter. Heute ist das nicht mehr so einfach. PETRA-Autorin Wiebke Brauer erklärt, warum es uns immer schwerer fällt zu gehen und wieso ein Neuanfang so kostbar sein kann

Frau mit Ballons
© istock/Thinkstock/ JohanJK
Frau mit Ballons

Natürlich geht die Welt unter, wenn man sich mit 17 trennt. Man ertrinkt in einem Ozean aus Tränen, die Nase leuchtet wie eine Boje, Schluchzer schütteln den Körper wie Starkböen. Niiieeee wieder würde man seines Lebens froh sein. Niiieeee wieder würde man jemanden so lieben. Gut, es hatte nur drei Monate gedauert, aber das war gefühlt eine halbe Ewigkeit. Und es tut sooooo weh. Was man in diesem Moment noch nicht weiß: Es tut mit 17 zweifelsohne sehr weh, wenn das Herz bricht – aber dann geht die Sonne wieder auf und das Leben weiter. Denn nach Marcus kommt Patrick und danach noch ein Jan oder ein Johannes. Und irgendwann hat man Marcus vergessen, weil man nur einen sehr kurzen Weg miteinander gegangen ist. Mit der Zeit werden Beziehungen länger, Hoffnungen größer, Gefühle tiefer. Ehe man es sich versieht, geht es um Kinder und Eigenheime, man zieht zusammen, entwickelt eine eigene Pärchensprache, die sonst keiner versteht. Verdammt, man ist erwachsen geworden! Mit Pärchenfreunden verbringt man Pärchenabende, hat eine gemeinsame Pärchenzukunft, wie Wildseide liegt sie vor einem, kostbar und glänzend.

Wenn Träume wie Ballons platzen

Leider ist das Leben kein Ponyhof, und Beziehungen gehen in die Brüche. Im Jahr 2012 stellten laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts 53 Prozent der Frauen den Scheidungsantrag. Die Gründe sind so unterschiedlich wie die Frauen selbst. Weil der andere so fremd geworden ist, dass man das Gefühl hat, mit einem Marsmännchen zusammenzuleben. Weil man sich unentwegt streitet. Oder weil man sich etwas anderes wünschte. Dann platzen Hoffnungen wie Seifenblasen, und verletzte Sehnsüchte verwandeln sich in Zweifel. War es das? Eine Beziehung darf doch nicht einfach nach so langer Zeit zerbrechen! Auch, wenn mehr Frauen als Männer die Scheidung einreichen – wenn wir zuvor in etwas gut sind, dann im Bewahren von Beziehungen. „Bewahren bedeutet, dass es immer noch eine Hoffnung gibt. (...) Noch ist nicht alles verloren. Oder man wartet auf ein Wunder“, schreibt die Psychoanalytikerin Katharina Ley in ihrem Buch „Die Kunst des guten Beendens“. Vielleicht wird ja auch alles wieder gut. Er gibt sich wieder mehr Mühe. Die Liebe flackert wieder auf, wenn man sein Herz anhaucht. Warum auch nicht? Es ist nicht leicht, alles hinzuwerfen und neu zu beginnen.

Erwartungen analysieren

Wer hadert, ob er gehen will, muss sich fragen, welchen Erwartungen er in seiner Beziehung zu entsprechen versucht. Denen der Gesellschaft oder der Eltern – oder vielleicht ist man auch ein Opfer der eigenen romantischen Ideologie? Relativ knifflig, da eine klare Antwort zu finden, denn meist vermengen sich die Wünsche der Eltern („Das Kind braucht einen Mann an seiner Seite“) mit den eigenen Ängsten („Bloß nicht allein sein…“) und Ansprüchen („Das muss verdammt noch mal der Mann meiner Träume sein“) – und wenn man sich dann auch noch vorstellt, wie der Freundeskreis reagiert, wenn man sich nach langen Jahren trennt, („Oh nein, wir hatten doch immer so viel Spaß zu viert“) verdrängt man den Gedanken an Trennung schnell wieder. Der Schriftsteller Ernest Hemingway hat einmal gesagt: „Wir müssen uns daran gewöhnen: An den wichtigsten Scheidewegen unseres Lebens steht kein Wegweiser.“ Ja, schade eigentlich. Wäre eine schöne Sache, wenn da ab und an mal Gott vom Balkon gegenüber einen praktischen Ratschlag rüberrufen würde oder mit einem Mal ein großes pinkfarbenes Schild in der Küche neben dem Herd stünde, auf dem zu lesen wäre: SEI MUTIG UND GEH. Wobei einem Entscheidungen auch unfreiwillig abgenommen werden können – zum Beispiel, wenn der Typ einen sitzen lässt. Aber das Absurdeste ist: Es macht fast keinen Unterschied, ob man selbst Schluss gemacht hat oder er. Es tut in jedem Fall schrecklich weh.

Sicherlich ist eine Trennung kein Garant für ein zuckersüßes Leben im Schlaraffenland, in dem man allein über eine Blumenwiese tänzelt, zehn Jahre jünger aussieht und die Verehrer mit einem Handwedeln verscheucht wie zudringliche Stechmücken an einem lauen Sommerabend. Trennungen sind schmerzhaft. Traurig. Als hätte man gegen ein Naturgesetz verstoßen, das da heißt: „Beziehungen müssen für immer halten.“ Man fühlt sich wie eine Versagerin, eine Verliererin, eine Zurückgebliebene, an der alle anderen auf der rechten Spur vorbeiziehen. Natürlich mit Verlobungsring von Tiffany an der Hand und drei blond gelockten Bullerbü-Kindern im Schlepptau, während man selbst vor einem Trümmerhaufen aus zerschlagenen Träumen steht. Ohne Ring, klar. Das sind diese Momente, in denen man Hermann Hesse seinen Satz „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ um die Ohren hauen will. Dann will man nur noch in den Arm. Da ist aber kein Arm. Jedoch etwas anderes.

Das andere ist die Freiheit, die so viel Angst macht, dass man erst mal vor ihr zurückschreckt. Die Freiheit, das Beste aus der Vergangenheit mitzunehmen, ganz neu zu beginnen, zu entscheiden – und sich selbst neu zu erfinden. Wie fest hat man an sein Beziehungs-Ich geglaubt und an das, was in der alten Partnerschaft galt! Schließlich definierte man sich in großen Teilen über den anderen, sah sich durch seine Augen. Und mit einem Mal sitzt man da und muss sich mit sich selbst beschäftigen. Was mag man eigentlich und was nicht? Vielleicht ist man gar nicht fürsorglich. Vielleicht will man selbst bekocht werden. Eventuell entdeckt man plötzlich ganz andere Vorzüge an sich. Die Fähigkeit, Witze zu erzählen, während man vorher immer schwieg, weil er so unterhaltsam war. Den prima Musikgeschmack, den man irgendwie vergessen hatte. Die große Reiselust, die endlich gestillt werden kann. Und: Man kann entdecken, auf welche Freunde man sich wirklich verlassen kann. Lernen, dass die Familie doch wichtiger ist, als man dachte. Meinetwegen tauchen auch neue Krankheiten und Zipperlein auf. Aber auch die Möglichkeit, einfach eine Party zu schmeißen, obwohl man kein Teenie mehr ist. Na und? Schampus können Menschen in jedem Alter mitbringen – und tanzen geht immer.

In sich selbst verlieben

Eine Trennung mag nicht die Lösung aller persönlichen Probleme sein – und schon gar nicht für jeden. Sie beinhaltet die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Weil Liebe und Glück kein Zustand sind, sondern etwas, was man sich hart erarbeiten muss. Und man kann sich als Person nicht nur neu entdecken – sondern auch neu schätzen lernen. Was nicht heißt, dass man abends anfängt, reine Bienenwachskerzen für sich anzuzünden und total erleuchtet vom eigenen Charakter darum herumtanzt. Oder nur noch einen reinen Ego-Trip fährt, weil man sich so unheimlich gelungen findet. Es heißt, dass man mit einem Mal feststellt: Mano meter, was für eine beeindruckende Person ist das denn? Sich zu trennen bedeutet, sich ein bisschen neu in sich selbst zu verlieben. Jahrelang hat man das jemand anderem überlassen und schließlich das an sich gemocht, was der andere mochte. Aber ohne diesen Partner steht man da und findet sich mit einem Mal für ganz neue Wesenszüge liebenswert, die man gar nicht kannte – oder die man fast schon vergessen hatte.

An die Liebe glauben – das geht

Und ehrlich? Selbst Frauen mit dem größten Selbstbewusstsein fällt es schwer, sich vorbehaltlos gern zu haben. Wenn keiner guckt, machen wir uns das Leben zur Hölle. Niemand ist fieser zu uns, niemand belegt uns mit hässlicheren Ausdrücken, als wir es selbst tun. Wir finden uns zu fett, zu alt, zu weich und zu nachgiebig, zu erfolglos oder am besten alles zusammen. Deswegen ist es so schön, mit jemandem lange zusammen zu sein: Ein Mann vermag es – unter anderem –, uns tatsächlich ununterbrochen glauben zu machen, dass wir eigentlich ganz prima seien. Aber die Möglichkeit, die Wahrheit selbst zu entdecken, und zwar, dass wir stark, freundlich und großherzig sind – oder einfach schwach, ängstlich und deswegen so besonders – das ist eine grandiose Sache.

Und wenn man ohne Ehemann, Liebhaber oder Hausfreund herausfindet, was für eine liebenswürdige Person man ist und sich plötzlich in sich selbst verknallt, dann ist das schlicht unbezahlbar. Das schenkt einem einen sehr kostbaren Moment, in dem man sich ganz allein mit einem Glas Rotwein auf den Balkon setzen kann, in den veilchenblauen Abendhimmel blickt und sagen kann: Ich habe eine Beziehung an die Wand gefahren. Vielleicht werde ich es wieder tun. Vielleicht habe ich meine Eltern enttäuscht und vielleicht sogar mich selbst. Ziemlich sicher sogar. Aber das zählt nicht. Es zählt nur eins: Ich habe mich verdammt noch mal sehr gern. Und in diesem Moment weiß man, dass man vielleicht nicht alles richtig gemacht hat in seinem Leben – aber das alles seine Richtigkeit hat. Und unter uns – eine Trennung heißt nicht, dass man sich von dem Traum von der großen Liebe verabschieden soll. Es gibt einfach nur mehrere. Und die vielleicht größte sieht man morgens im Spiegel.

Zeit zu gehen?

Nein, Sie sollen sich nicht sofort trennen. Wenn Sie jedoch mehr als zwei der folgenden Fragen mit Ja beantworten, sollten Sie darüber nachdenken, ob Sie es sich etwas zu bequem in Ihrem Alltag machen – und ob es nicht Zeit wäre, ein paar Lebensschrauben zu drehen.

  • Befinden Sie sich fast permanent im Zustand des Ausprobierens? Belegen Sie häufig neue Kurse und lernen Sie immer wieder neue Dinge, ohne sie anzuwenden?
  • Wenn Sie eine Reise antreten – recherchieren Sie endlos im Netz und rufen Freunde an, um Rat einzuholen?
  • Hängen Sie zu lange an Dingen – auch an unbrauchbaren –, wie zum Beispiel alten Kleidungsstücken oder Mitgliedschaften in Fitnessstudios?
  • Wehren Sie sich energisch dagegen, wenn Sie jemand auch nur ein kleines bisschen zur Eile mahnt?
  • Beobachten Sie intensiv, wie andere leben? Menschen, die etwas unbefriedigt in ihrem sicheren Hafen dümpeln, interessieren sich besonders stark für das Leben anderer.

Die Fragen stammen aus dem lesenswerten Buch „Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will“ von Barbara Sher (dtv, 384 S., 9,90 €)

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