3. November 2011
So werden Sie glücklich

So werden Sie glücklich

Endlich im Lotto gewinnen, fünf Kilo weniger, die Gehaltserhöhung bekommen. Dann wäre man doch wirklich wunschlos glücklich, oder? PETRA-Autorin Wiebke Brauer über den neuesten Stand der Glücksforschung – und warum es meist ganz andere Dinge sind, die uns happy machen, als wir immer denken.

Glückliche Menschen
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Glückliche Menschen

Ach, das muss Glück sein. Man aalt sich auf seinem Liegestuhl, das Champagnerglas steht in Reichweite, auf dem Balkon über uns lehnt der Mann unseres Herzens, er sieht aus wie George Clooney und ist reich wie Krösus. Wir blicken an uns herunter. Das Haar wallt, die Oberweite auch. Sieht so ein zufriedener Moment aus? Auf den ersten Blick wahrscheinlich – klingt doch wie der ganz große Wurf. Vielleicht besteht das wahre Glück aber auch aus winzigen Nebensächlichkeiten, die im Alltagstrubel leicht zu übersehen sind und von uns als selbstverständlich erachtet werden: der Geruch von Holzplanken in der Sonne. Das Aufschlagen der ersten Seite eines guten Buches. Der Moment im Restaurant, wenn der Kellner mit dampfenden Tellern aus der Küche kommt und auf uns zusteuert …

Ja, mit dem Glück ist es so eine Sache. Wir haben zwar keinen blassen Schimmer, wie es exakt aussieht, doch das hindert uns nicht daran, ihm unser ganzes Leben lang wie ein Hase im Zickzack- Kurs hinterher zu hechten. Oder den Dingen, die wir dafür halten, weil die Gesellschaft sie uns als wünschenswert vorgaukelt. Reichtum gehört dazu, beruflicher Erfolg, eine ewiglich romantische Ehe, hübsche wie begabte Kinder, vielleicht noch ein fetter Sportwagen, die eine oder andere Traumreise – ach ja, und das Paar italienische Stiefel, das wir uns schon so lange wünschen. Gut, dass Gesundheit an oberster Stelle steht und Geld nicht glücklich macht, wissen wir im Grunde unseres Herzens. Aber soll man deswegen ein Leben als Kirchenmaus fristen, Körner rösten und meditieren? Eher schwierig.

Die Frage lautet also: Was schafft wirklich tiefe Zufriedenheit? In dem Buch „Glück. The World Book of Happiness“ fasst der belgische Autor Leo Bormans den aktuellen Stand der Glücksforschung zusammen, indem er hundert Forscher aus aller Welt aufschreiben ließ, was ihrer Ansicht wirklich glücklich macht. In dem Buch findet sich eine einfache Formel für das Glück. Sie lautet: „Haben plus Lieben plus Sein.“ Dabei besteht das Haben aus unseren Finanzen, dem Auto und der Wohnung, das Lieben natürlich aus der Partnerschaft, der Familie und den Freunden. Das Sein wiederum definiert sich durch das, was uns ganz persönlich befriedigt. Das kann der Job sein, für den wir brennen – aber auch eine klitzekleine, unscheinbare Passion, der wir nachgehen: Tomaten ziehen, bis sie dunkelrot in der Sonne leuchten. Zementharte Kekse backen oder heimlich schillernde Seifenblasen vom Balkon pusten, wenn kein Nachbar guckt. Soll also heißen: Wer ewig auf den Lottogewinn wartet und dabei ständig an den kleinen Kostbarkeiten vorbeirennt, ist am Ende der wirkliche Pechvogel.

Glück ist aber auch Ansichtssache – das mag vielleicht das Merkwürdigste daran sein. Denn 50 Prozent unseres Glückspotenzials sind in unserem Charakter verankert – man muss schlicht eine Veranlagung zur Zufriedenheit mit auf die Welt bringen. Wer grundsätzlich die Meinung vertritt, das Glas sei halbleer, wird niemals seines Lebens froh – da kann man noch so viel Champagner hineinkippen. Wer sich übrigens bei dem Satz ertappt, dass früher alles besser war: Glückwunsch! Die Nostalgiker unter uns sind echte Frohnaturen, weil sie ihre Vergangenheit in rosigen Tönen sehen. Ein bisschen Retro-Wahn schadet also nie.

Und: Nur zehn Prozent unserer Lebenslust sind unseren Lebensumständen zuzuschreiben. Dazu gehört eine Liebesbeziehung, die funktioniert, gute Freunde, ein Gott oder ein paar Heilige und vielleicht Kinder. Klingt so lapidar, ist es natürlich nicht. Freunde wachsen nicht wie Pilze aus dem Boden, und ein Mann an der Seite – wenn man ihn denn hat – macht das Leben nicht automatisch zum Ponyhof. Das gleiche gilt für Kinder. Kinder können zufrieden machen, müssen aber nicht sein – Studien belegen, dass Paare ohne Nachwuchs nicht unglücklicher sind. In jedem Fall gut zu wissen: Freunde schaffen Freude, Familie macht (meistens) froh – und es schadet nie, in einer Kirche mal eine Kerze anzuzünden.

Was übrigens das liebe Geld angeht, spielen Finanzen nur zu vier Prozent eine Rolle. Ein lächerlich geringer Anteil, wenn man bedenkt, wie viel Mühe wir uns machen, um an mehr zu kommen. Wahr ist nur eins: Der Mensch sollte zwar finanziell abgesichert sein, aber jede Summe darüber hinaus macht nicht fröhlicher. Fehlen da nicht noch ein paar Prozent zum Nirwana? Genau: Fette 40 Prozent der Lebenszufriedenheit liegen als Spielmasse in unserer eigenen Hand. Also nichts wie rein ins Vergnügen! Fragt sich nur, in welches. Dr. Ilona Bonivell, Expertin für Positive Psychologie, schreibt im „The World Book of Happiness“: „Die wichtigste Lehre aus meinen Untersuchungen ist, dass man jeden Tag Zeit für sich selbst haben muss. Ein weiteres Ergebnis lautet, dass es wichtig ist, jeden Tag etwas fertigzustellen. Das muss nichts Großes sein; es kann einfach heißen, einen kleinen Teil von einem größeren Projekt zu beenden.“ Wie wahr.

Nichts geht über die Stille, die sich in uns ausbreitet, wenn eine Minute nur uns allein gehört. Alle Geräusche fahren herunter, das Babygeschrei und das Telefongebimmel werden zu einem Summen heruntergedimmt, ein Wolkenfetzen zieht vorbei. Zeit ist kostbar. Ach was, mehr noch. Unbezahlbar. Und nichts befriedigt uns mehr, wenn wir eine von unseren endlosen To-Do-Listen abgearbeitet haben. Eine Einkaufsliste zusammenknüddeln. Zum Verrücktwerden gehaltvoll muss eine Aufgabe nicht sein, um darin aufzugehen. Manchmal reicht es schon, jeden Abend auf ein Puzzle mit 5000 Teilen zu starren – und sich in Millimetern Stück für Stück voran zu kämpfen. Andere fotografieren die Grafittis an Hauswänden ihrer Stadt oder nähen mit unstillbarer Begeisterung Pailletten auf T-Shirts.

Der amerikanische Psychologe und Autor Mihaly Csikszentmihalyi prägte Mitte der 70er-Jahre den Begriff des „Flow“. Damit bezeichnete er den Zustand, den wir fühlen, wenn wir in einer Tätigkeit völlig aufgehen und Raum und Zeit keine Rolle mehr spielen. Klingt nach Drogen und bunte Smarties rauchen? Kann sein, aber Glück fühlt sich eben wie ein kleiner Rausch an. Voraussetzung für den „Flow“ ist, dass man sich von der Aufgabe zwar gefordert, aber ihr auch gewachsen fühlt – klar, denn wer von uns steht schon drauf, zu scheitern? Erfolge machen immer mehr Freude. Genau deswegen lieben wir unsere persönlichen Hobbys – wobei das Wort so uncool ist wie um acht Uhr in die Disko zu gehen. Meist handelt es sich bei unseren Hobbys um Tätigkeiten, in denen wir besonders gut sind und uns trotzdem beweisen können. Niemand quatscht uns rein, wir tun es nicht für Geld, Ruhm oder Anerkennung.

Eine weitere Zutat für das Glück heißt – Gelassenheit. In diesem Zusammenhang gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte lautet: Mit 45 Jahren haben wir unser absolutes Glückstief erreicht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen wir einsehen, dass wir kein Rockstar mehr werden und der Prinz auf dem Schimmel mehr Ähnlichkeit mit einem Gebrauchtwagenhändler hatte. Lebensträume versickern im Sand, Hoffnungen werden begraben. Nicht aufhören zu lesen, jetzt kommt die gute Nachricht! Mit dem Alter kommt die Gelassenheit. Nun können wir getrost unsere Rockerjacke mit Benzin tränken, in Flammen aufgehen lassen und es uns gut gehen lassen, denn die Glückskurve steigt ab 45 rasant und unaufhaltsam. Rente, wir kommen!

Okay, ob diese gesammelten Weisheiten so in Stein gemeißelt werden können – man weiß es nicht. Manche Frauen leben sehr gut ohne Hobby und noch besser ohne Kerl, andere flattern mit 45 ihrem absoluten Hoch entgegen – ein Schema F wie „Frohsinn für alle“ existiert nicht. Zum Glück. Allerdings: Wir alle können uns auf ganz bestimmte winzig kleine Momente einigen, in denen das Herz ein bisschen zieht. Die behagliche Sekunde, wenn jemand einen zudeckt und die Decke feststeckt. Oder der Augenblick, in dem eine Tür zufällt und man es noch knapp schafft, rasch und elegant durchzuhuschen. Das Knacken, wenn man die prallen Bläschen der Luftpolsterfolie zerdrückt. Oder wenn man seinen Wintermantel das erste Mal wieder aus dem Schrank fischt, anzieht, eine Hand in die Tasche steckt und einen Zehner darin findet – zusammen mit einer Kastanie aus dem letzten Jahr. Vielleicht liegt der Zauber des Glücks einfach in der Flüchtigkeit, in der Vergänglichkeit des Augenblicks. Zack, weg war er. Aber der nächste kommt bestimmt.

Sechs leichte Psychotricks glücklicher Menschen

1 Sie führen ein einfaches Leben Zuerst entrümpeln sie die Wohnung – und dann oft ihr Leben. Glückliche Menschen trennen sich von Krempel, der sie nur belastet, genauso wie von den falschen Menschen. Mit „einfach leben“ meint die Glücksforschung nicht unbedingt Askese, sondern vielmehr die Konzentration auf das Wesentliche.

2 Sie sitzen nicht ständig vor dem Fernseher Zu viel Fernsehen macht träge. In den USA fand man heraus: Menschen, die die Glotze aus dem Wohnzimmer verbannten, spürten schon nach vier Wochen viel mehr Lebensfreude. Weil sie Interessen entdeckten, die irgendwo verbuddelt waren zwischen „Two and a Half Men“ und dem Late-Night-Talk.

3 Sie treffen Entscheidungen schneller Wer nicht immer alles aufschiebt, fühlt sich als Gestalter und nicht als Opfer. Ja, und Macherinnen sind einfach glücklicher!

4 Sie haben eine echte Vision Zu wissen, wofür wir aufstehen, was wir erreichen wollen, wofür wir leben, macht nicht erst happy, wenn wir das erreicht haben. Sondern schon auf dem Weg dorthin. Wer wollen Sie sein? Wohin wollen Sie gehen? Marschieren Sie los!

5 Sie tun sich selbst Gutes Sich selbst etwas gönnen können, das gehört auf der Suche nach dem kleinen Glück ganz unbedingt dazu: genüsslich eine Buchpause einlegen, mal zur Mani- und Pediküre gehen, meditieren – Kleinigkeiten, die uns gut tun, motivieren, wenn es auch mal nicht so gut läuft!

6 Sie gehen Risiken ein Das wahre Glück wartet außerhalb unserer Komfortzone. Wer nie Risiken eingeht und nie scheitert, entwickelt sich auch nicht. Und wird auch nie erfahren, wie glücklich er mit all seinen Stärken eigentlich sein könnte ...

Buch-Tipps zum Thema

Leo Bormans: „Glück. The World Book of Happiness“, Dumont Buchverlag, 349 Seiten, 25 Euro

Neil Pasricha: „Fantastisch: 1000 alltägliche Dinge, die uns glücklich machen“, Kailash Verlag, 320 Seiten, 16,99 Euro

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