10. Oktober 2011
Entspannt durch Introvision

Entspannt durch Introvision

Redeangst, Unsicherheit, Zweifel – oft stecken verborgene Ängste dahinter. Introvision bringt sie ans Licht und hilft uns dabei, in brenzligen Momenten cool zu bleiben.

Illustration Introvision
© Sabrina Müller
Illustration Introvision

Wieder dieser Traum. Ich sitze in einem Konferenzraum und soll meine Ideen präsentieren. Schon zu Beginn des Vortrags verliere ich den Faden. Blackout. Verkrampft versuche ich mich an ein paar Einleitungsworten, um Zeit zu gewinnen. Doch meine Stimme quietscht wie eine alte Schranktür. Die Blicke der Kollegen fühlen sich an wie ein Sonnenbrand dritten Grades. Und dann schaue ich an mir herunter und habe noch nicht mal eine Hose an …

Dieser Traum ist so etwas wie ein alter Bekannter, den ich schon seit Jahren kenne – und gerade verschämt der Frau erzähle, die eigentlich ich interviewen wollte: Angelika Wagner ist Professorin an der Universität Hamburg und hat eine gefeierte und vor allem wissenschaftlich erprobte Mentaltechnik zur Auflösung innerer Ängste, Probleme und Blocka den entwickelt. Diese sogenannte Introvision lässt sich angeblich ganz leicht anwenden – und ich bin ganz offensichtlich ihr Versuchskaninchen. „Was fühlen Sie, wenn Sie mir den Traum erzählen?“, fragt sie mich. Nun gut, denke ich mir, spiele ich mal mit, dann sehe ich gleich, ob das hier wirklich klappt. Ich schließe die Augen und betrachte wie ein Zuschauer die Szene. Mir schießen diewildesten Gedanken durch den Kopf: „Ich schaffe das nicht!“ – „Ich werde versagen, mich unsäglich blamieren.“ – „Mein Chef setzt mich auf die Abschussliste!“ Ich spüre eine Hand auf meinem Arm und mache die Augen auf, mein Herz pocht wie verrückt … Frau Wagner möchte nun wissen, ob ich das aus dem echten Leben kenne, Redeangst, die Sorge zu versagen. „Ein bisschen schon“, gebe ich zu. „Gut, dann kommen wir dem Problem näher“, sagt sie.

Und das ist also Introvision? „Richtig! Wir richten den Blick nach innen“, erklärt die Professorin. „Es geht darum, innere Konflikte aufzulösen, die uns daran hindern, in schwierigen Situationen gelassen zu sein.“ Schwierige Situationen? Davon haben wir wohl alle jede Menge im Alltag. Wie oft ärgert man sich, ist wütend oder genervt? Traurig, ängstlich? Gestresst, hektisch? Und dazu diese Sorgen und ewigen Gedanken, die in den immer gleichen Bahnen kreisen („Schon wieder hat er sein Wochenende verplant, ohne mich zu fragen. Was ich will, zählt gar nichts. Liebt er mich nicht mehr?“). „All das lässt sich mit der Introvision bremsen und steuern“, verspricht die Expertin.

Illustration Monster
© Sabrina Müller
Illustration Monster

Aber wie funktioniert das genau? „Machen wir doch weiter mit dem Traum. Was Sie darin beschreiben, ist klassische Redeangst, die kommt häufig vor“, erklärt Angelika Wagner. „Nun stellen Sie sich einen See vor. Dieser See ist das Problem, die Angst vor der Rede. Jetzt versuchen Sie, bis auf den Grund zu sehen, durch alle Trübungen hindurch.“ Und fügt hinzu: „Was Sie dort vorfinden, ist der Kern des Übels, das gefühlt Unangenehmste, das Schlimmste. Damit befassen wir uns.“ Aha! Wir blicken also dem Feind ins Auge. Jenem Gedanken, den wir lieber verdrängen möchten, weil er nicht zu unserem konstruierten Selbstbild passt.

Ich spiele weiter das Versuchskaninchen. Die Professorin stellt mir nun Fragen, wobei sie jeweils das aufgreift, was ich antworte. „Was genau ist so unangenehm, wenn Sie vor anderen reden sollen?“ – „Ich werde mich bestimmt versprechen, das darf nicht sein.“ – „Sie werden sich vielleicht versprechen. Was ist das Irritierende daran, was stört Sie?“ So fragt sie eine Weile weiter, bis er da ist, ein empfindlicher Stich im Magen. Und mit ihm die Schlussfolgerung: „Wenn ich versage, bin ich nichts wert.“ Etwas Enges legt sich um meinen Hals – ich habe wohl den Grund des Sees erreicht …

Angelika Wagner fordert mich auf: „Gucken Sie sich diesen Kernsatz wie ein Bild an, das an der Wand hängt, ohne zu werten.“ Zwei Minuten lang soll ich mir meine Worte verinnerlichen. Ob ich sie mir vorspreche oder sie tatsächlich vor mir sehe, ist dabei egal. Am Anfang finde ich es bedrückend, aber allmählich verschwindet die Enge in meinem Brustkorb. Weil ich erkenne, dass ich viel zu heftig und irrational über mich selbst geurteilt habe. So stark scheitern kann ich gar nicht, dass ich „meinen Wert“ verlie re. Unwillkürlich lache ich auf – was für ein befreiendes Gefühl!

Was passiert da mit mir? „Wir haben entdeckt, dass hinter mentalen Blockaden sogenannte Imperative stecken. Innere Befehle, die wir im Laufe des Lebens verinnerlichen und die größtenteils unbewusst unser Verhalten steuern.“ Befehle also, aha. Beispiel? „Der erste Imperativ, den wir bei Ihnen gefunden haben, war der Satz: Ich darf mich nicht versprechen“, sagt Wagner. „Daran war eine ganze Kette weiterer innerer Befehle geknüpft: Ich darf nicht versagen!“ Ja, kommt mir irgendwie bekannt vor. Und ich ergänze: Ich muss gut sein! Ich will gemocht werden! Es kann nicht sein, dass ich das nicht auf Anhieb kapiere! „Sobald wir den inneren Befehl hinter einem Konflikt gefunden haben, lösen wir ihn auf, indem wir ihn in eine nüchterne oder positive Aussage umformulieren.“ Ich soll also lieber sagen: „Es kann sein, dass ich mich verspreche. Na und? Dann fang ich den Satz eben noch mal an.“ So wird die Spannung weggenommen, und das Problem verschwindet. Und tatsächlich bin ich gleich viel gelassener geworden.

Und wobei hilft Introvision noch? Ein paar Probleme würden mir ja schon noch einfallen: Aufschieberitis (Ich müsste dringend aufräumen, Sport machen und endlich nach einer Gehaltserhöhung fragen), Migräneattacken, Selbstzweifel (à la eigentlich kann ich gar nichts, und bestimmt wird das bald auffliegen!). „Solche Konflikte lassen sich ebenso auflösen wie Entscheidungsschwierigkeiten, Unzufriedenheit und Ängste aller Art“, sagt die Expertin. Was ist mit Phobien, zum Beispiel Flugangst? „Selbst das. Ich kenne viele, die inzwischen selbst bei schweren Turbulenzen den Schlaf der Gerechten schlafen.“

Wirkt die Methode sofort? Ja, erstaunlich schnell. Vor allem im Alltag und bei zwischenmenschlichen Störungen klappt die Methode wunderbar. Habe ich neulich erst ausprobiert, als ich meinen Exvermieter in die Bäckerei gehen sah, in die ich auch gerade wollte. Bei meinem Auszug hatte ich ihm einen bitterbösen Brief geschrieben, weil er mir „wegen einiger Mängel“, die allerdings schon vor mir da waren, meine Kaution nicht vollständig zurückzahlen wollte. Meine erste Reaktion: Hinter die nächste Haus ecke flüchten, bis die Luft rein ist. Dann fragte ich mich, was so dramatisch daran wäre, ihn zu treffen. Da kam der Satz hoch: „Möglich, dass er mich bescheuert findet!“ Sobald ich ihn innerlich ausgesprochen hatte, verzog sich das bange Gefühl. Ich betrat wie selbstverständlich den Laden und grüßte den Mann freundlich. Und sah, dass er derjenige war, der verlegen war.

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