13. April 2011
Ein Blick zurück

Ein Blick zurück

Liebeskummer und Vollkrisen: Hätten wir damals manche Dinge schon früher gewusst, hätten wir in der Jugend sicherlich anders gehandelt. Zwei Autorinnen machen sich Gedanken.

Bilderstapel
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Bilderstapel

Sorglose Jugend? Na ja … Mit 16 meditierte man wochenlang über den Satz eines süssen Typen, glaubte, mit 30 zu sterben, und nahm viele Dinge sehr wichtig: Was Anja gestern über unseren Hintern gesagt hat. Samstagabende. Cool sein. Passbild-Automaten. Geburtstage. Samstagabende. Silvesterpartys. Heute sind Silvesterpartys nicht mehr ganz so entscheidend, Männer nicht mehr ganz so süss – und meditieren tun wir über andere Dinge. Altersweise sind wir nicht geworden, allerdings hat sich eine Gelassenheit eingestellt. Wir glauben nicht mehr, an Liebeskummer zu sterben, und scheren uns nicht länger um jeden Kommentar. Manchmal, wenn man zufällig in alten Fotos wühlt, schleicht ein Gedanke heran: Was wäre, wenn ich damals das Wissen von heute gehabt hätte? Wäre ich ein anderer Mensch geworden, freier und glücklicher? Vielleicht. Alles bereuen, alles anders machen, nein, darum geht es nicht. Aber die Frage „Was wäre, wenn…?“ ist reizvoll. Darum haben wir drei Frauen gebeten, einen Blick zurück in die Zukunft zu werfen.

Miriam Pielhau
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Miriam Pielhau

Miriam Pielhau (35 Jahre, Moderatorin und Buchautorin)

FRÜHER WAR SIE EINE MODERATORIN UNTER VIELEN. 2008 ERKRANKTE SIE AN BRUSTKREBS – UND FÜR IHREN MUTIGEN UMGANG DAMIT BEWUNDERTEN WIR SIE SEHR. HIER SCHREIBT SIE EINEN BRIEF AN IHR 18-JÄHRIGES „ICH“

„Bin ich gut?“ Diese Frage stellst du dir dieser Tage oft. Das Ja-Wort käme dir nicht über die Lippen. Dafür aber jedes Wenn und Aber. Was aber, wenn ich dir das noch sagen will, liebe Miri: Du bist „wow“. Und nicht „autsch“. Ja, ja, schüttel du wild deinen sturen Dickkopf. Finde 1000 Argumente gegen dich statt eines für dich. Ich wünschte, du würdest mir glauben. Dein Glauben, der ist doch jetzt schon so stark. Halt dich daran fest. In guten und noch mehr in schlechten Zeiten. Sei wach und aufmerksam für das Glück. Nimm es wahr. Und nicht nur hin. Wisse, dass es nicht gekommen ist, um zu bleiben. Aber dass es nur geht, um zurückzukehren. Zieh dich warm genug für die kalten Tage an. Stattdessen trägst du rund um die Uhr das Shirt der Selbstzweifel. Und immer die Spendierhosen. Teile nicht nur Geld. Teile deine Gedanken. Du kannst dir keine Liebe kaufen. Die gibt es nur kostenlos.

Mute dich deinen Freunden zu. Nur zu, nur Mut. Halt der Angst vor diesem Leben den Mund zu, bis sie aufhört zu brüllen. Schrei dir lieber den Hals wund bei Rockkonzerten. Arbeite nicht Tag und Nacht. Mach die Nacht zum Tag. Verschwende weniger Zeit mit kritischen Blicken auf deine Seele und auf deinen Hintern. Komm zur Vernunft und sei endlich ein bisschen unvernünftig. Trag Verantwortung. Nicht die Last der Welt. Und trag kurze Röcke. Schiel nicht zu sehr nach übermorgen. Lass das Augenrollen zum Vorgestern. Lebe gegenwärtig. Weißt du, nicht alles, was Mama immer gesagt hat, ist falsch. Ich verrate dir ein Geheimnis: Das Allermeiste stimmt. Und das Beste: der lässigste Moment in meinem Leben, als ich das kapiert habe. Lässig, weil’s gelassen macht. Und Gelassenheit ist ein Geschenk. Gelassenheit, die Kunst vom Lassen. Los… laufen… und sein lassen. Lass dich nicht, lass du die anderen. Nein. Es muss dich nicht jeder lieben. Nein. Nein. Du musst nicht jeden lieben. Damit ein bisschen Liebe übrig bleibt. Für dich. Denn du bist schon ganz schön gut.

Verena Carl (41 Jahre, Schriftstellerin)

WAS HÄTTE SIE ALS TEENAGER GERN GEWUSST? DIE BUCHAUTORIN UND EXKOLLEGIN MACHTE SICH FÜR UNS GEDANKEN

Wahre Liebe? Mit 18 dachte ich, die müsste aussehen wie im Kino. Gefühle im Breitwandformat, mit Sonnenuntergangs-Beleuchtung und symphonischem Geigensound. Meine eigene Beziehung damals erinnerte allerdings eher an das Hobby-Aquarell einer angejahrten Paartherapeutin: braver Samstagnachts-Sex, im Februar die Juli-Busreise an die Costa Brava, und niemals zu viel vom Partner erwarten. Das stand jedenfalls in den Ratgebern, die ich meiner Mutter vom Nachttisch klaute. Einen der wichtigsten Sätze über die Liebe las ich erst zehn Jahre später in der Abschieds-E-Mail eines Kurzzeit-Geliebten: „Man bekommt immer, wonach man fragt.“

Der Mann hatte recht. Es sind keine Schicksalswendungen à la Hollywood, die bestimmen, wie und wen wir lieben. Es ist unsere ureigenste Entscheidung. Auch wenn wir sie in dem Moment selbst nicht durchschauen. Warum tun wir uns mit freundlichen Langeweilern zusammen? Weil wir uns selbst unterschätzen. Oder weil unsere Seele Wellnessurlaub braucht. Warum verlieben wir uns in Männer, die uns schlecht behandeln, verheiratet sind oder gerade nach Aserbaidschan auswandern? Weil wir das Drama brauchen, aber auch die Gewissheit: Dieser Kerl wird uns nie so nahe kommen, dass wir ihm einen Platz in der Wirklichkeit einräumen müssen.

Egal wie die Liebes-Odyssee unserer jüngeren Jahre verläuft, immer bringt sie eine wichtige Lektion mit sich. So lernen wir, dass nicht alle schönen Männer langweilig im Bett sind. Oft sind sie aber so von ihrer Performance eingenommen, dass das Gefühl zu kurz kommt. Wir erleben, dass Begehren durch Fremdheit entsteht und Liebe durch Nähe – und dass beides schwer unter einen Hut zu bekommen ist.

Und wir wissen, dass es verschiedene Liebes-Stile gibt. Manche beglücken uns als hartes Tennis-Match, andere als warmes Wannenbad. Und aller spätestens mit 30 ist (hoffentlich!) Schluss mit der „galoppierenden Interpretitis“. Die klingt etwa so: „Er hat zweimal im Gespräch seine Mutter erwähnt! Heißt das nun, er hat einen Mutterkomplex, oder meint er es besonders ernst mit mir?“ Ziemlich oft leiden wir auch an überzogener Nachsicht: „Er hat gesagt, er braucht Zeit – da kann ich es ihm kaum übel nehmen, wenn er mit seiner Exfreundin für ein Wochenende nach Paris fliegt.“ Dabei ist warten und leiden immer die schlechteste aller Möglichkeiten. Schließlich gibt es stets einen Ausweg: Einfach gehen zum Beispiel, auch wenn’s wehtut.

Die Wahrheit ist so einfach: Ein Kerl, der nicht anruft, sich weder unsere Augenfarbe noch unser Lieblings-Thai- Curry merken kann, der hat auch kein Interesse. Und wir müssen auch nicht mit Sandra und Iris und Elke und Mitzi darüber grübeln, ob er wohl eine schwere Kindheit hatte. Ein verliebter Mann tut dagegen alles, um uns nah zu sein. Da können wir nicht mehr viel falsch machen – wenn wir nicht gerade am Morgen nach dem ersten Sex das Gespräch auf Kindernamen und Eigenheimkredite bringen.

Perfekte Männer gibt es so wenig wie perfekte Frauen. Aber, und das erleichtert die Suche ungemein: Irgendwann wissen wir, worauf es uns persönlich ankommt. Und worauf wir verzichten können. Entscheiden wir uns im Zweifelsfall für den Kerl mit deckenhohem Bücherregal oder den mit Snowboard? Irgendwann treffen wir den Mann, der genau so liebt wie wir. Das passt dann. Manchmal sogar für ein ganzes Leben. Die letzten zehn Jahre bin ich jedenfalls gut gefahren mit einem schwarzgekleideten Kerl ohne Haare auf dem Kopf, der in Venedig auf Italienisch einen Tisch bestellen kann und sich beim Babywickeln von Anfang an geschickter angestellt hat als ich. Da kann ich verschmerzen, dass ich ihn nur ein einziges Mal habe tanzen sehen. Auf unserer eigenen Hochzeit im Walzertakt zu „That’s Amore“ von Dean Martin.

Übrigens: Nur weil wir glücklich verheiratet sind, verbieten wir uns nicht das Fremd-Flirten. Mit einem großen Unterschied: Mit 18 war ein Flirt für mich sofort ein Versprechen auf mehr. Heute ist er ein Tanz, der sich selbst genügt. Denn: Auch wenn Männer sich ernsthaft binden, behalten sie doch ihre erotischen Antennen. Sie ganz zu kappen, wäre Körperverletzung. Die sensiblen Exemplare haben dabei ein Gespür fürs Feintuning: Können treu sein und trotzdem den Kitzel genießen. Oft flirten Männer aus demselben Grund, aus dem sie ein Weißbier trinken oder nach dem Squash in die Sauna gehen: Weil sie sich gut dabei fühlen. Ich jedenfalls freue mich, wenn ich sehe, dass mein Mann die Lust am Spiel noch nicht verloren hat. Dann denke ich: Das ist meiner. Hab ich ein Glück.

Wiebke Brauer (40 Jahre, stellv. Ressortleiterin)

RAUCHEN, SCHREIBEN UND TOUPIEREN BIS ZUM KOPFSCHMERZ – DAS WAREN IHRE THEMEN DAMALS. DAS HAARTHEMA IST GEBLIEBEN, DAS SCHREIBEN AUCH

Mit 17 war ich ein Rotzlöffel. Ich wusste grundsätzlich alles besser, hielt alle ab 30 für scheintot und mich für unfassbar erwachsen. Nebenbei ruinierte ich mir mit Begeisterung Lunge und Leber mit starken Zigaretten und billigem Wein. Gleichzeitig machte ich mir endlos Gedanken über meine Problemzonen und darüber, was andere über mich denken. So tat ich alles dafür, dass niemand entdeckte, dass auch mein Körper der Schwerkraft gehorcht. Dazu gehörte, sich niemals im Bett oder Schwimmbad auf die Seite zu legen – Bauch und Busen könnten sich ja abwärts neigen. So viel zum Thema jugendliche Sorglosigkeit.

Kann ich heute drüber lachen. Es stimmt, was der Schriftsteller George Bernard Shaw schrieb: „Youth is wasted on the young“, die Jugend verschwendet ihr Jungsein. Zum einen machen wir uns keine Gedanken über Spätfolgen von Sonne oder Alkohol. Zum anderen vergeuden wir eine unbeschwerte Zeit mit diffusen Ängsten. War man dankbar für die unendlich vielen Möglichkeiten, die wie hübsch verpackte Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen? Nicht wirklich. Ich bemitleidete mich für die Qual der Wahl und schrieb Tagebücher voll, wie schlecht die Welt sei.

Sorgen um meine Gesundheit habe ich mir wiederum nie gemacht. Zum Glück! Wie schrecklich wäre es gewesen, wenn man damals schon so auf sich geachtet hätte wie heute: Vor 20 Jahren rieb ich mich wie ein Scampi mit Olivenöl ein, um knusperbraun zu werden, und ernährte mich von Fünf-Minuten-Terrinen und Milchkaffee mit Süßstoff. Bereuen tue ich nichts davon. Klar wäre es gesünder gewesen, wenn ich damals im Schattendasein von Wasser und Körnern gelebt hätte. Dann wäre ich heute vielleicht besser in Schuss, hätte weniger Falten und nicht ganz so viele Schwermetalle und Dioxine im Körper. Ja, und?! Wäre ich dann heute glücklicher? Kaum vorstellbar.

Ein paar Umwege mussten sein, für andere fehlte der Mut. Ich fürchtete mich vor Lehrern, vor Chefs, falschen Jeansmarken, schlecht sitzenden Haaren, Songs von Rick Astley und Arbeitslosigkeit. Meine Eltern hatten es erfolgreich vermocht, mir einzureden, dass man etwas Vernünftiges lernen muss – sonst endet man unweigerlich unter einer Brücke samt sehr schlecht sitzendem Haar und ganz ohne Jeans. Also begann ich nach der Schule, Jura zu studieren. Die zwei Semester hätte ich mir sparen können. Und während meine Freunde in die Welt auszogen, nach Neuseeland reisten oder Amerika-Aufenthalte einlegten, klebte ich am jeweiligen Freund, als ob er der letzte Mann auf Erden wäre. Hätte man nicht leichtsinniger und verrückter sein sollen? Hätte ich mir nicht die Haare grün färben müssen, durch die Wüste trampen, Männer und Frauen verschleißen, bunte Pillen einwerfen? Na ja, nicht wirklich. Aber eine grüne Strähne im Haar hätte nicht geschadet.

Es heißt, dass alte Leute gefährlich sind, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben. Ob das so stimmt, sei dahingestellt. Aber man darf nicht vergessen, dass es nie zu spät ist, ein bisschen furchtloser zu werden. Wenn schon nicht mit 18, dann vielleicht mit 38, mit 48 oder 58.

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