Decision Fatigue: Warum auch kleine Entscheidungen manchmal so anstrengend sein können

Was ziehe ich heute an? Was gibt es zum Mittagessen? Soll ich die Nachricht sofort beantworten oder lieber später? Menschen treffen jeden Tag etliche Entscheidungen… und die meisten davon sind nicht besonders wichtig.

Frau ist traurig© Pexels/Liza Summer

Dies bedeutet allerdings nicht, dass sich das Gefühl, immer zwischen verschiedenen Optionen wählen zu müssen, im Laufedes Tages nicht zu einer Belastung entwickeln könnte.

Was bedeutet Decision Fatigue?

Wie belastend all das sein kann, zeigt sich oft anhand von „Kleinigkeiten"… zum Beispiel, wenn am Abend schon die Fragenach dem Abendessen reicht, um genervt zu reagieren. Hinter Situationen wie diesen muss weder mangelnde Belastbarkeit noch fehlende Organisation stecken. Vielmehr können die vielen kleinen Entscheidungen des Tages dazu führen, dass der Alltag anstrengender erscheint, als er eigentlich sein müsste.

Decision Fatigue bedeutet so viel wie „Entscheidungsmüdigkeit". Sie beschreibt einen Zustand, in dem Menschen, die bereitszahlreiche Entscheidungen getroffen haben, Möglichkeiten sorgfältig abwägen. Statt sich dann, zum Beispiel nach einemanstrengenden Arbeitstag, intensiv mit einer Frage auseinanderzusetzen, greifen sie auf die erstbeste Lösung zurück oder schieben die jeweilige Entscheidung (falls möglich) auf.

Lange verband man dieses Phänomen eng mit der Vorstellung, dass es sich bei Selbstkontrolle um eine begrenzte Ressourcehandeln würde. Man war der Ansicht, dass Entscheidungen und andere anspruchsvolle Aufgaben diese Ressource nach und nach aufbrauchen. Diese Erklärung ist in der psychologischen Forschung allerdings umstritten, da umfangreichere Untersuchungen entsprechende Effekte nicht immer zuverlässig bestätigen konnten. Fest steht allerdings, dass Aufmerksamkeit,Stress, Motivation und die Komplexität einer Aufgabe bei vielen Menschen beeinflussen, ob eine Entscheidung als belastendempfunden wird oder nicht. Ob es dann darum geht, sich beim Sport für Kraft- oder Ausdauertraining, beim Essen für Gemüseoder Pizza zum Abendessen oder bei Finanzthemen für eine Debitkarte oder Kreditkarte zu entscheiden, ist weitestgehendunerheblich.

Diese Faktoren können beeinflussen, wie Menschen reagieren,wenn sie sich entscheiden müssen

Ob eine Entscheidung belastet, ist nicht allein davon abhängig, wie wichtig sie ist. Auch die Umstände, unter denen sie getroffen werden muss, spielen eine Rolle.

Ein Beispiel: An einem freien Sonntag fällt es leicht, spontan ein Restaurant auszuwählen. Nach einem langen Arbeitstag,mehreren Besprechungen und zahlreichen Unterbrechungen kann dieselbe Frage dagegen anstrengend wirken.

Vor allem der Wechsel zwischen unterschiedlichen Aufgaben kann zu einer besonderen Herausforderung werden. Wer gerade eine berufliche Nachricht beantwortet, dann mit einer privaten Frage konfrontiert wird und gleichzeitig entscheiden muss, welche To-dos in jedem Fall noch abgearbeitet werden müssen, gerät schnell in Hektik. Immerhin machen esUnterbrechungen dieser Art immer wieder erforderlich, sich neu zu orientieren.

Aber auch die Tagesform kann eine Decision Fatigue begünstigen. Wer ohnehin schlecht geschlafen hat, unter Zeitdruck stehtoder sich bereits mit mehreren schwierigen Problemen beschäftigen musste, hat oft schlicht nicht mehr die Geduld, die es braucht, um abzuwägen.

Ein besonderes Problem: die große Auswahl an Möglichkeiten

Viele Möglichkeiten wirken auf den ersten Blick oft positiv. Immerhin sorgen sie dafür, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, eine gute Entscheidung zu treffen, oder nicht? Fest steht (leider), dass eine umfangreiche Auswahl unter bestimmtenBedingungen auch überfordern kann. Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von Choice Overload und beschreibt damit die Schwierigkeit, sich zwischen zahlreichen Alternativen zu entscheiden.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass dieser Effekt nicht immer auftritt. Entscheidend sind unter anderem die Vergleichbarkeit der Optionen, das Hintergrundwissen der betreffenden Personen und deren persönliche Ziele.

Ein entsprechender Effekt zeigt sich beim Online-Shopping. Wer zwanzig nahezu identische Produkte mit unterschiedlichenEigenschaften vor sich hat, investiert oft viel Zeit, um herauszufinden, welche Unterschiede überhaupt relevant sind. Genau daskann dazu führen, dass das Einkaufserlebnis am Ende weniger Spaß macht als gedacht.

Wenn Perfektionismus Entscheidungen zusätzlicherschwert…

Manche Menschen nehmen sich auch im ganz gewöhnlichen Alltag nicht einfach vor, „nur eine passende Lösung" zu finden. Vielmehr haben sie den Anspruch, unter allen verfügbaren Möglichkeiten die bestmögliche auszuwählen. ImZusammenhang mit besonders wichtigen Entscheidungen kann ein solches Vorgehen natürlich sinnvoll sein. Im Alltag führtdieser Anspruch jedoch mitunter dazu, dass selbst vergleichsweise klassische Fragen unverhältnismäßig viel Zeitbeanspruchen.

Hinter diesem Verhalten steht oft die Sorge, eine Entscheidung später zu bereuen. Je stärker diese Befürchtung ausgeprägt ist, desto schwieriger fällt es, endgültig eine Auswahl zu treffen.

Diese Strategien helfen in vielen Fällen weiter

Diejenigen, die es schaffen, unwichtige und wichtige Fragen strikt voneinander zu trennen, schaffen mehr Platz für Themen,die tatsächlich umfangreicheres Abwägen und Recherchieren erforderlich machen.

Die folgenden Tipps sorgen für mehr Klarheit im Alltag und für das gute Gefühl, nicht mehr Zeit als nötig in Entscheidungeninvestieren zu müssen:

1.    Wiederkehrende Entscheidungen routinierter angehen

Wer sich zumindest einen groben Wochenplan für Mahlzeiten oder feste Zeiten für bestimmte Erledigungen erstellt, sorgt dafür, dass er sich nicht immer wieder neu entscheiden muss. Die entsprechenden Abläufe sollten allerdings flexibel genug bleiben, um auf Veränderungen reagieren zu können.

2.    Der Fokus auf die wichtigsten Kriterien

Hierbei handelt es sich um einen Tipp, der unter anderem das Online Shopping erleichtern kann. Wer sich für einneues technisches Gerät interessiert, sollte zunächst festlegen, welche Funktionen unverzichtbar sind. Danach kannauch schon der eigentliche Vergleich beginnen. Der Vorteil: Auf diese Weise werden weniger relevante Unterschiedenicht unnötig beachtet.

3.    Individuelle Zeitlimits festlegen

Es gibt einige Entscheidungen, die nicht zwangsläufig viel Zeit in Anspruch nehmen müssen. Niemand muss zumBeispiel länger darüber diskutieren, ob ein bestimmtes Gericht heute oder morgen gekocht wird. Wer sich hier eine kurze Frist setzt, verhindert, dass Kleinigkeiten unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit beanspruchen.

4.    Die Verantwortung für einzelne Entscheidungen sinnvoll verteilen

In Partnerschaften, Familien oder Wohngemeinschaften muss nicht immer zwangsläufig dieselbe Person sämtlicheorganisatorischen Fragen beantworten. Wenn die Haushalte auf klare Zuständigkeiten setzen, verteilt sich die mentaleBelastung gerechter.

  1. Entscheidungen bewusst abschließen

Nachdem eine gute Lösung gefunden wurde, sollte man nicht weiter nach Alternativen suchen. Dies giltinsbesondere dann, wenn zusätzliche Informationen voraussichtlich keinen wesentlichen Unterschied mehr machenwürden.

 

Kann eine gewisse Entscheidungsmüdigkeit auch auf größereBelastungen hindeuten?

Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, hin und wieder Schwierigkeiten mit dem Treffen von Entscheidungen zu haben.Anders verhält es sich jedoch, wenn selbst einfache Alltagsfragen über längere Zeit belasten. Eine anhaltende Überforderung dieser Art kann gegebenenfalls mit chronischem Stress, Schlafproblemen oder psychischen Belastungen zusammenhängen.Decision Fatigue ist dabei keine eigenständige medizinische Diagnose und sollte nicht genutzt werden, um sämtlicheKonzentrations- oder Entscheidungsschwierigkeiten pauschal zu erklären.

Wenn die genannten Probleme den Alltag deutlich beeinträchtigen, das Sorgen-Karussell immer wieder anstoßenund/oder gemeinsam mit weiteren Beschwerden auftreten, kann es sinnvoll sein, das Ganze professionell abklären zu lassen.So lässt sich im Idealfall ein ganzes Stück mehr Lebensqualität zurückgewinnen.