11. April 2012
Dabei sein ist alles

Dabei sein ist alles

Sie sagen zu keiner Einladung „Nein“ und checken Ihr Smartphone minütlich nach neuen Nachrichten? Dann haben Sie etwas mit unserer Autorin gemeinsam: die ständige Angst, etwas zu verpassen.

Nichts verpassen
© istockphoto
Nichts verpassen

Neulich, da habe ich es mir so richtig schön auf dem Sofa gemütlich gemacht. Fernsehhose und Kuschelsocken an, im DVDPlayer ein Film mit Mads Mikkelsen, Chips und Fernbedienung in guter Reichweite. Ach, wie wunderbar! Bis auf die kleine Tatsache, dass neben der Fernbedienung auch noch mein Smartphone lag. Bevor mich Mads mit seinen braungrünen Augen anstrahlen konnte, blinkten dank entsprechender App ständig neue Facebook-Meldungen auf dem Display auf. Jeder Eintrag, so schien mir, handelte von all den tollen Dingen, die meine Freunde an diesem Abend erlebten. Ohne mich.

Und natürlich begann es in meinem Kopf zu arbeiten: Warum haben mich Kathrin und Jenny eigentlich nicht gefragt, ob ich mit aufs Konzert wollte? Ob Thomas mich für eine Langweilerin hält, weil ich nicht mit auf diese Vernissage gegangen bin? Meine Vorfreude auf einen gemütlichen Gammelabend war plötzlich einer beunruhigenden Mischung aus Gewissensbissen und der Panik, ausgerechnet heute etwas Denkwürdiges zu verpassen, gewichen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann leiden Sie wahrscheinlich genau wie ich an einer neuen Art Volkskrankheit: FOMO. Der Begriff stammt von amerikanischen Psychologen und steht für das Englische „Fear of Missing Out“, was so viel bedeutet wie die ständige Angst, etwas zu verpassen. Es gibt viele Arten, wie sie sich äußern kann. Wenn man trotz anstrengendem Arbeitstag zu keiner Verabredung „Nein“ sagen kann zum Beispiel. Oder wenn man sich während eines Partygesprächs ständig in der Menge umschaut, um zu sehen, ob es nicht doch irgendwo im Raum spaßiger zugeht. „Das ist doch nichts Neues!“, denken Sie jetzt? „Dieses Gefühl ist doch so alt wie die Menschheit selbst.“ Das stimmt natürlich. Auch Oma und Opa fanden das Gras der Nachbarn schon grüner als ihr eigenes. Allerdings mussten sie sich auch nur mit ihren Nachbarn, Kollegen und Verwandten vergleichen. Doch seit es soziale Netzwerke gibt, steht uns plötzlich die ganze Welt zur Verfügung. Und Sie ahnen es schon: Im Vergleich mit der ganzen Welt schneidet das eigene Leben nicht immer ganz so gut ab.

Eigentlich genieße ich es ja, dank zahlreicher Bilder auf Facebook, am Leben all meiner Freunde teilhaben zu können, die für regelmäßige gemeinsame Barabende zu weit weg wohnen. Ich fühle mich dann mit ihnen verbunden. Doch obwohl ich mich über ihre Schnappschüsse freue, stelle ich mir beim Betrachten dennoch immer wieder die Frage, ob mein Leben eigentlich interessant genug ist. Dieses Gefühl ist ganz typisch für unsere digitale Zeit. Fotos oder sogar Videos von lustigen Abenden oder spannenden Urlauben zu betrachten, an denen wir nicht teilnehmen konnten, stimulieren andere Punkte unseres Gehirns, als das bloße Erzählungen tun könnten. Dadurch, dass wir einem vergangenen Ereignis ohne Umschweife ausgesetzt sind, haben wir plötzlich eine genaue Antwort auf die Frage: Was wäre gewesen, wenn? Dadurch beginnt in unserem Kopf ein aktiver Prozess des Bereuens.

Immer wieder fragen wir uns, ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben. Auf der Suche nach einer (meist negativen) Antwort zermürben wir uns selbst. Und diese Angst, etwas zu verpassen, kann sich auf jeden Lebensbereich ausdehnen. Wir sind einfach nicht daran gewöhnt zu sehen, wie etwas passiert, wenn wir nicht dabei sind. Der Mensch kann nur mit einer gewissen Menge an Informationen umgehen. Permanente Status-Updates, Bilder und Urlaubsvideos reizen diese Aufnahmefähigkeit völlig aus, sie sprengen sie manchmal sogar. Das kann über das unangenehme Gefühl des Verpassens hinaus sogar zu Erschöpfung oder depressiven Verstimmungen führen, schreibt der amerikanische Psychologieprofessor Dan Ariely. Als Reaktion halsen wir uns viel mehr Verabredungen auf, als wir eigentlich wollen. Oder halten uns bei der Freizeitplanung ständig eine zweite, vermeintlich bessere Option offen.

Eine Lösung wäre es, sich öfters mal zurückzuziehen und sein Telefon aus zu lassen. Klingt schwierig. Aber es geht. Seit ein paar Tagen lasse ich abends mein Handy zum Beispiel immer auf lautlos gestellt in meiner Tasche liegen und nehme nur Verabredungen an, zu denen ich wirklich Lust habe. Bei denen lasse ich mir von Urlauben und Partynächten auch gleich wieder direkt von meinen Freunden erzählen, anstatt mir nur die Bilder bei Facebook anzusehen. Zum einen kann ich mich so viel besser an ihren Erlebnissen erfreuen. Zum anderen verbringe ich gleichzeitig einen schönen Abend, der mein schlechtes Gewissen über das, was ich möglicherweise verpasst habe, sofort wieder zum Schweigen bringt. Und wenn mich trotz allem mal wieder dieses Gefühl von Neid beschleicht, dann versuche ich das als Inspiration zu sehen, meine eigenen Erlebnisse zu planen. Und wenn es nur ein Abend mit Mads-Mikkelsen-Filmen ist…


Wie stark lassen Sie sich vom Vergleich mit anderen beeinflussen? Finden Sie es mit unserem Kurztest heraus. Kreuzen Sie einfach all die Aussagen an, die auf Sie zutreffen.

1. Ich fantasiere oft über ein Leben, das so ganz anders ist als meins

2. Ich zappe ständig, sogar wenn ich mich auf einen Film konzentrieren will

3. Beziehungen sind für mich wie Kleider: Ich probiere möglichst viele aus

4. Egal wie gut mir mein Job gefällt, ich sehe mich ständig nach Alternativen um

5. Wenn ich mein Smartphone nicht dabei habe, werde ich sehr nervös


Auflösung:
An mehr als zwei Aussagen ein Häkchen gesetzt? Dann ist FOMO ihr ständiger Begleiter. Versuchen Sie sich auf das zu besinnen, was für Sie wirklich wichtig ist, und öfter mal abzuschalten.
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