3. Mai 2013
Bis zum Hals im Dispo - na und?

Bis zum Hals im Dispo - na und?

Während unsere Mütter brav Haushaltsbücher führten, nehmen wir es nicht mehr so genau mit dem Kreditlimit: Wir gönnen uns schöne Dinge, zur Not auch auf Pump. Wofür wir bereit sind, Schulden zu machen – und in welche Fallen wir dabei gerne tappen.

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© iStockphoto/Thinkstock
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Eins steht fest: Hätte Kollegin W. diesen Text geschrieben, würde er ganz anders klingen. W. hat noch nie ihr Girokonto überzogen, allein beim Gedanken daran stellen sich ihr die Nackenhaare auf. Es wäre sicher ein sehr vernünftiger Text geworden. Nun liegt der Auftrag auf meinem Schreibtisch. Und während ich versuche, ein paar Fakten zu recherchieren, poppen immer wieder diese hübschen Sneakers auf dem Computerbildschirm auf. Die habe ich mir irgendwann mal im Netz angeguckt, seitdem folgt mir der Onlineshop selbst auf seriöse Nachrichtenseiten, blinkt und ruft: „Nun kauf sie endlich!“ Das ist wirklich hinterhältig und gemein – und, was soll’s, ich kauf sie jetzt. Obwohl ziemlich viel Monat übrig ist und die Autoversicherung auch noch bezahlt werden muss. Leben am Rand des Dispos? Willkommen in meiner Welt.

Psychologie:

Aber dort bin ich anscheinend nicht alleine: Unsere aktuelle PETRA-Umfrage besagt, dass 83 Prozent der befragten Frauen kein Problem damit haben, ihr Konto zu überziehen. Und 41 Prozent gehen dabei sogar über 1000 Euro und mehr hinaus. Moment mal, wir befinden uns mitten in einer Wirtschaftskrise, sollten wir da nicht besser sparen? Oder ist dieser Kaufrausch eine Trotzreaktion auf unsere Regierung, die so fleißig Hilfspakete für andere Länder schnürt? Nach dem Motto: Wer weiß schon, was morgen mit unserem Geld sein wird? Lasst uns lieber jetzt ein bisschen Spaß haben. Wenn ich allerdings sehe, wie viel Kreditzinsen ich meiner Bank in den Rachen werfe, hört der Spaß auf, und das schlechte Gewissen meldet sich. Zumindest so lange, bis ich an der nächsten Boutique mit „Sale“-Schild vorbeimarschiere. Warum nur ist es so schwierig, in Sachen Geld die richtige Balance zu finden? Laut einer Schufa-Studie ist die Zahl der Frauen, die Konsumkredite aufnehmen, in den letzten Jahren gewaltig gestiegen. Was daran liegt, dass immer mehr Frauen berufstätig sind. Zwar arbeiteten wir schon immer, doch die Entwicklung der weiblichen Kaufkraft (bedeutet: Frau gibt ihr selbst verdientes Geld für persönliche Wünsche aus) nimmt mit rasanter Geschwindigkeit zu. Und darauf stellen sich auch die Konzerne ein, die ihre Werbung viel mehr auf Frauen zuschneiden und „gefühliger“ gestalten. Oder glauben Sie, dass irgendein Kerl wegen George Clooney eine Kaffeemaschine kauft?

Psychologie:

Wir Frauen sind also ständigen Shopping-Gefahren ausgesetzt. Wobei mir persönlich schon eine Verkäuferin reicht, die mit mittlerer Begeisterung „Diese Hose steht dir super!“ sagt, während sie nebenbei ihre Nägel feilt. Echt? Ja! Dann nehm ich sie mit! Das Problem ist nämlich: Ich will Geld ausgeben. Vor allem nach einer anstrengenden Arbeitswoche möchte ich eine Tüte mit einem schönen Produkt nach Hause tragen – das im besten Fall noch in feines Seidenpapier eingeschlagen ist. Man nennt es wohl den „Ich muss mich jetzt belohnen!“-Faktor. "Wenn Frauen etwas kaufen, werden Endorphine ausgeschüttet“, erklärt die Berliner Diplom-Psychologin Sandra Jankowski. „Genau wie bei psychisch kranken Menschen. Dieses Gefühl macht süchtig. Das sind kleinere Triebe, die wenig überschaubar sind und deshalb so eine große Gefahr darstellen. Männer empfinden das auch so, aber die kaufen sich eher ein Auto.“ Im schlimmsten Fall schiebt die Frau dann ihren zwanzigsten hellgrauen Kaschmirpulli unausgepackt mit Preisschild in den Kleiderschrank. Was nicht so auffällt wie ein nigelnagelneuer Sportwagen vor der Tür.

Aber Shopping soll uns nicht nur zu einem besseren Gefühl, sondern auch zu einem schöneren Leben verhelfen. „Kauft sich eine Frau ein bestimmtes Designerkleid, fühlt sie sich individueller und hipper“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, Autor des Buchs „Alles nur Konsum – Kritik der warenästhetischen Erziehung“. „Denn sobald wir unser eigenes Milieu überschreiten und uns ausprobieren können, empfinden wir ein kleines Freiheitsgefühl. Wir sind dann in einer anderen Welt.“ Nie wurde uns das Nachstylen einfacher gemacht als heute, wo es im Internet haufenweise Fotos von Stars in coolen Outfits gibt – ein Doppelklick auf die Must-have-Sonnenbrille von Alexa Chung, schon ist sie auf dem Weg zu uns.

Und dann ist da noch dieser Satz, der Ihnen sicher bekannt vorkommt: „Der Mantel war runtergesetzt, und für das gesparte Geld habe ich mir noch eine Kette und ein paar Schuhe gegönnt.“ Wir Frauen sind Meister darin, uns selber in die Tasche zu lügen. Dafür gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff. „Man nennt es Vermeidung von kognitiven Dissonanzen“, erklärt Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Dr. Walter Becker. „Wir benutzen typische Ausreden, um das irrationale Verhalten vor uns selbst und anderen zu rechtfertigen. Dadurch bewahren wir uns ein inneres Gleichgewicht, das liegt in unserer Natur.“ Ja, darunter fallen auch diese jämmerlichen Versuche, „ab jetzt wirklich nur noch beim Aldi“ einzukaufen, weil es unbedingt die Longchamp-Tasche sein musste.

Psychologie:

Mit Pech kommt dann irgendwann der Tag, an dem wir die Straßenseite wechseln, wenn uns unser zuständiger Bankberater entgegenkommt. Und sich die Panik einschleicht, dass mit dem nächsten Gehaltsscheck eben nicht alles gut wird. „Wenn man zu extremem Shopping neigt, sollte man immer in bar bezahlen“, lautet ein Tipp von Becker. Und die Quittung einstecken, damit zur Not umgetauscht werden kann. „Ich empfehle, ein Haushaltsbuch zu führen, so wie früher“, erklärt Constanze Hintze, Geschäftsführerin von „Svea Kuschel & Kolleginnen“, die Finanzberatung für Frauen anbietet. „Oder moderner: eine Excel-Tabelle. Inzwischen gibt es dafür sogar spezielle Apps.“ Man sollte transparent machen, was an Geld hereinkommt und was raus geht. Bevor man über seine Verhältnisse lebt, unbedingt die Notbremse ziehen und eventuell Hilfe bei einer Schuldnerberatung suchen. „Wichtig ist auch, sich ein zukunftsorientiertes Denken zu bewahren: Was passiert bei Arbeitsunfähigkeit, einer Trennung oder Kündigung?“ Hmm. Ich denke an das Paar Turnschuhe, das ich just erstanden habe.

Sich dank Planung etwas gönnen können

Und an den geplanten Trip nach Barcelona, der doch teurer wird als ursprünglich gedacht. Vor meinem inneren Auge erscheint Peter Zwegat und klappt sein Flipchart auf: „Einen Latte macchiato? Wirklich jeden Morgen?“, fragt er und lässt fassungslos den Edding sinken. „Da musste es mit Ihnen ja den Bach runtergehen.“ Kreisch! Also doch lieber sparen? Kaffee wieder selber kochen? Am Wochenende einen Almodóvar-Film auf DVD gucken und Rotwein vom Discounter trinken? Danach ganz schnell den Lichtschalter an- und ausstellen, um Club-Feeling zu simulieren? „Nein“, sagt Constanze Hintze und schlägt folgenden Plan vor: „Stellen Sie genau fest: Wie viel Geld brauche ich im Monat zum Leben und für die Miete? Wie viel kann ich in meine Altersvorsorge stecken? So schaffen Sie sich ein Polster. Für die Summe, die übrig bleibt, sollten Sie sich ruhig etwas gönnen: eine teure Tasche, eine Reise oder einfach nur mal wieder nett essen gehen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen.“ Okay, so werde ich das ab jetzt machen. Oder genauer gesagt: ab morgen. Heute muss ich noch nach Feierabend dieses tolle und, na ja, nicht ganz billige Duschgel kaufen, das so lecker nach Minze duftet. Weil es in Griechenland hergestellt wird. Und die Griechen, das ist ja bekannt, brauchen jetzt einfach meine Hilfe.

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