Talk About Lügenpresse?

Da sagt man immer, wir seien so unpolitisch. Stimmt aber gar nicht. Wir gehen nur nicht mehr zwingend zur Wahlurne. Wo wir uns heute engagieren und warum es okay ist, nicht alle Bundesminister auswendig zu kennen

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Tatsächlich waren wir noch nie so gut informiert wie heute

Wir schauen die Tagesschau, hören Radio und in den 40 Stunden, die wir laut einer Postbank-Studie in der Woche online sind, lachen wir nicht nur über drollige Katzenvideos, durchforsten Onlineshops nach Schnäppchen oder schielen neidisch auf Maries Malediven-Fotos bei Facebook. Wir laden auch Apps runter, die uns die Schlagzeilen direkt auf das Smartphone-Display schicken, legen im Browser Lesezeichen für die wichtigsten Nachrichtenseiten an und liken wie wild alle Onlinemedien in den sozialen Netzwerken. Dadurch wissen wir natürlich, dass Griechenland seit Jahren finanziell vor dem Kollaps steht und Tausende Flüchtlinge in Nussschalen verzweifelt über das Mittelmeer fliehen.

Das Problem dabei: Wir können die Flut an Informationen, die täglich auf uns niederprasselt, gar nicht richtig verarbeiten. Stattdessen überfliegen wir kurz die Meldungen und schmeißen die „unwichtigen“ Informationen schnell wieder von unserer körpereigenen Festplatte, um Platz für Neues zu schaffen. Andernfalls wäre unser Gehirn binnen Stunden völlig überlastet. Selektion als Selbstschutz sozusagen. Die Welt ist zu komplex geworden. Oder genauer gesagt: Sie war es schon immer.

Aber erst durch die Globalisierung und die digitale Vernetzung in den vergangenen 20 Jahren erleben wir das Weltgeschehen in Echtzeit auf der heimischen Couch in Dötlingen. Das verwirrt und überfordert. Tobt beispielsweise der Bürgerkrieg in Syrien besonders schlimm, können wir natürlich einen Zusammenhang herstellen, warum ein paar Wochen später der Wohnraum für Asylbewerber in Deutschland knapp wird. Um aber zu verstehen, wie der Konflikt überhaupt entstanden ist, bedarf es schon fast eines Masters in Politikwissenschaft. Und selbst wenn man sich intensiv in ein Thema reinlesen möchte und dafür im Internet recherchiert, muss das, was man da so entdeckt, längst nicht der Wahrheit entsprechen.

Lügenpresse?

Online-Zeitungen buhlen mit semiseriösen Blogs und Verschwörungstheoretikern um die Deutungshoheit politischer Vorgänge. Zu jedem Thema streiten und widersprechen sich zig echte und selbsternannte Experten. Die Folge: Wir sind völlig verunsichert, weil wir nicht mehr wissen, wem oder was wir glauben sollen. Selbst die etablierten Leitmedien sind kein Garant mehr für objektive Berichterstattung. So veröffentlichte die ARD nachweislich einseitige und fehlerhafte TV-Berichte über den Ukraine-Konflikt. Nur sehr zögerlich räumten die Verantwortlichen Lücken in der Recherche ein und entschuldigten sich bei den Zuschauern. Förderlich für das Vertrauen war dieser Vorfall sicherlich nicht. Und möglicherweise auch einer der Gründe, warum etliche Menschen die Medien mittlerweile als „Lügenpresse“ bezeichnen.

Autor: Sinah Hoffmann