Rollenwechsel in der Familie Ein Rollenwechsel mit gemischten Gefühlen

Sie waren unsere Helden – und eines Tages sind sie es, die unsere Unterstützung brauchen. Wenn Eltern älter werden, schleichen sich Sorgen in unser Leben. Ein Report darüber, wie man den Rollenwechsel meistert und eine glückliche Familie bleibt.

Mutter und Tochter

Unsere Eltern, die immer alles wussten, immer alles konnten, brauchen plötzlich unsere Unterstützung. Und je hilfsbedürftiger sie uns begegnen, desto gereizter reagieren wir auf das ständige Erklären. Ein Rollenwechsel mit gemischten Gefühlen – auf beiden Seiten. Immer öfter sitze ich mittlerweile am Steuer des Autos meiner Mutter, weil Fahren sie „nervös“ macht. Die Lautstärke des Fernsehers hat deutlich zugenommen, genau wie die Dioptrienzahl ihrer Lesebrille. Mein Vater neigt neuerdings dazu, alles dreimal zu erzählen. Und als ich vor Kurzem mit ihm spazieren war, fing er bereits nach zehn Minuten an, schwerer zu atmen. Mein Vater: der Mann, der einst Jugend-Sportmeister war, bis heute den Schulrekord im Speerwerfen hält, früher einen Flickflack aus dem Stand hinlegte und mich mit einer Hand hochhob. Dankbar nahm er auf der Bank Platz, auf die ich ihn bugsierte. Und ich kriegte es den Rest des Tages nicht weg: dieses mulmige Gefühl im Bauch. Mein Vater und Schwäche – das passt nicht! Das soll nicht, das darf nicht sein! Ich war fast sauer auf ihn: Er soll gefälligst stark und cool bleiben, für ewig und alle Tage. Fitter zu sein als er, mag zwar auch irgendwie eine kleine Genugtuung sein – aber darauf kann ich getrost verzichten.

Sich um die Eltern Sorgen machen

Schließlich wird man automatisch auch mit dem eigenen Alter konfrontiert und den Verpflichtungen, die mit jedem Jahr mehr werden. „Wenn man registriert, wie die einst unermesslich starken, unverwundbaren Eltern schwächer werden, ist das ein harter Einschnitt, weil es den Abschied von der Kinderrolle bedeutet“, erklärt die Hamburger Psychologin Dr. Angelika Faas. „Die Eltern sollen bleiben, wie sie immer waren. Die Enttäuschung darüber, dass sie langsam, aber sicher nachlassen, und die Verantwortung, die einem dadurch aufgehalst wird, lösen nicht selten Wut aus. Viele Kinder machen ihren Eltern unbewusst ihr Alter zum Vorwurf.“

Sich Sorgen machen müssen um die Eltern, die ja eigentlich seit jeher um uns besorgt sind – das ist tatsächlich ein sehr ungewohntes, unbequemes Gefühl. „Früher achtete meine Mutter sehr genau auf meine Ernährung und schleppte dauernd Tüten voller Bio-Lebensmittel an, heute mache ich mir Gedanken darüber, ob sie nicht vielleicht zu ungesund isst“, berichtet mir meine Freundin Susanne, 34. „Und auch darum, warum Papa sich seit einer Woche nicht gemeldet hat und ob er beim Äpfelpflücken eventuell von der Leiter stürzen könnte.“ Umstände, die vor nicht allzu langer Zeit völlig harmlos wirkten und nun die Alarmglocken schrillen lassen. „Ich möchte meine Eltern schützen, beschützen“, fügt Susanne hinzu. „Deswegen gehe ich oft besorgter mit ihnen um als sie damals mit mir.“ Eine nachvollziehbare Reaktion, aber zwischendurch schadet es auch nicht, den Eltern zu vertrauen, dass sie wissen, was sie tun und was sie sich zumuten können.

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