Wie echt wir wirklich sind Ängste sind das größte Hindernis

Perfekte Liebe, viele Freunde, tolle Klamotten – alles geht darum, sich möglichst cool zu präsentieren. Wie echt sind wir eigentlich noch? Fragt sich Autorin Miriam Kaefert.

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Der Autor Mike Robbins hat über die Misere mit der Authentizität ein Buch geschrieben: „Sei du selbst, alle anderen sind vergeben“. Der US-Amerikaner meint: „Ängste sind das größte Hindernis, das wir auf dem Weg zu einem authentischen Leben überwinden müssen. Oft haben wir Angst davor, wir selbst zu sein, weil wir fürchten, dann von unseren Mitmenschen abgelehnt zu werden.“ Und eben das gilt besonders im Internet. Soziale Netzwerke wie Twitter, Xing, Lokalisten oder Facebook sind reine Selbstdarstellungsplattformen, die mit dem wirklichen Leben nicht viel gemein haben. Hier geht es ausschließlich darum, klug, schön und schlau rüberzukommen. Entweder, um potenzielle Arbeitgeber zu ködern – oder eben, um virtuelle „Freunde“ zu beeindrucken. Sicher kennen viele den oben erwähnten Fotografen Nobuyoshi Araki nicht. Aber niemand würde das im Netz zugeben. Dann lieber bei Google schnell ein bisschen Halbwissen aneignen, einige kritische Bemerkungen über seine Bondage- Fotografie fallen lassen – und damit die Gemeinde beeindrucken. „Das Internet verführt dazu, Scheinrealitäten für die wirkliche zu halten“, sagt der Psychotherapeut Ulrich Rodeck aus Hamburg. „Und das ist gefährlich, weil sich niemand mehr traut, authentisch zu sein. Dadurch wird die Kommunikation oberflächlich – und verliert an Wert, weil es nicht um wahre Gefühle, sondern um Inszenierung geht.“ Deshalb sollte man virtuelle Plattformen als das sehen, was sie sind: ein bunter Spielplatz der Eitelkeiten, auf dem man sich herrlich amüsieren kann, den man aber keinesfalls zu ernst nehmen sollte. Anders ist das im Job – der Beruf macht schließlich einen großen Teil des „wahren Lebens“ aus. Wie viel Authentizität können wir uns da heute noch erlauben? Vor den eigenen Kollegen die Powerfrau zu geben, die alles im Griff hat? Das ist kaum durchzuhalten, unglaubwürdig und irgendwie auch unsympathisch. Pure Echtheit wiederum führt auch zu Problemen: „Wenn jemand sagt, mir geht es heute nicht so gut, ihr müsst ohne mich klarkommen, dann ist er zwar tierisch authentisch, sägt aber am eigenen Ast“, sagt Wirtschaftspsychologe Rainer Niermeyer, Autor des Buches „Mythos Authentizität“. Und so ist im Job die Mischung aus jeder Menge Eigenmarketing und einem sympathischen Quäntchen Wahrheit am ehesten unausweichlich.

Autor: Miriam Kaefert