Eltern Mutti ist die Beste. Oder?

Sie hat uns aufgezogen, angezogen und erzogen, ist Vorbild und Feindbild in einem – die Mutter. PETRA-Autorin Ellen Mangold über eine schwierige Beziehung. Und fünf Frauen über das große und das kleine Drama mit Mama – und wie man sich trotzdem weiter lieb hat.

Mütter ziwschen Haushalt, Kind und Karriere

Töchter erleben, dass die Rolle der Mutter durch mangelnde Wertschätzung geprägt ist – und lehnen sie für sich ab.“ Anders gesagt: Als Kind beobachten wir eine sich abmühende Person, der niemand dankt. So werden wie sie? Niemals. Und schon ist der Gedanke geboren, alles viel besser zu machen als sie – und vor allem ganz anders zu werden und zu sein. Dazu machen sich die Mütter bis heute das Leben selber schwer, weil sie wiederum am Muttermythos verzweifeln, der nach wie vor durch die Gesellschaft wabert: Selbstlos soll eine Mama sein, fürsorglich, gefühlvoll und gleich - zeitig stark, kurz gesagt: übermenschlich. Kein Wunder, dass sich jede Mutter irgendwann unzulänglich vorkommt und jede Tochter enttäuscht werden muss.

Dieses fragile Gefühlsgebilde wird in dem Moment noch einmal auf die Probe gestellt, wenn die Eltern aus dem Berufsleben ausscheiden und man selbst eine Familie gründet. Spätestens dann fokussiert sich Mama auf den Menschen, mit dem sie die wichtigste Zeit verbracht hat und mit dem sie die engste Verbundenheit empfindet – auf uns. Dazu kommen noch ein paar gut gemeinte Ratschläge von Omi in Sachen Kindererziehung – und schon flammen alte Konflikte auf, von denen man eigentlich dachte, die hätte man schon in der Pubertät geklärt. Pustekuchen, da sind sie wieder. Dazu wird Mutti mit den Jahren ein wenig wunderlich. Erst erzählt sie länglich von einer Renate Lindemann, die man noch nie im Leben gesehen hat, dann fügt sie noch einen ausführlichen Bericht über das gestrige Mittagessen hinzu („Der Spargel aus Peru war wirklich köstlich.“). Hilfe, wie soll das erst in 20 Jahren werden?

Mütter und Töchter sind selten ehrlich miteinander

Ja, schwierig. Doch anstatt sich darüber aufzuregen, wie unmöglich sie sich benimmt, sollte man sich überlegen, wie man dauerhaft schwelende Streitigkeiten löst. Dazu gehört erstens, sich an die eigene Nase zu fassen und sich zu über - legen, wie bequem man es sich in der Opferrolle gemacht hat. Onken rät zudem: „Das Erste, was Töchter tun müssen, ist, Mütter innerlich zu rehabilitieren und die Rolle der Mutter von der Person trennen.“ Warum wollte man nie so sein wie sie? Wie schwer hatte sie es wirklich? Hat man sie jemals danach gefragt? Nein, hat man nicht. Anstatt ihr mal wieder eine direkte Frage zu stellen, ist jedes Zusammentreffen und jedes Telefonat von den üblichen Familienritualen geprägt. Mütter und Töchter sind selten ehrlich miteinander. Zum einen, weil Ehrlichkeit unbequem ist, zum anderen, weil es schmerzhaft werden könnte. Wer will schon wissen, wie es wirklich damals für sie war? Wie knapp das Geld, wie hoch der eigene Anspruch und wie schwierig die Grätsche zwischen Job, Mann und Kind. Und doch: Vielleicht sollte man mal nachfragen – und zuhören! Dem Menschen von einst, nicht der Mutter, die doch eigentlich perfekt sein sollte, es aber eben nicht war.

Und vielleicht kommen dann noch ganz andere schöne Schätze und indirekte Liebeserklärungen zutage, die wir längst vergessen hatten: Wie man bei Albträumen zu ihr ins Bett krabbelte. Wie man mit ihr zusammen lernte, Fahrrad zu fahren. Wie sie uns zuliebe endlos „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielte, obwohl sie es eigentlich nicht mehr ertragen konnte. Das Gefühl, auf der Rückbank des Autos zu sitzen und aus dem Fenster in den Regen zu schauen. Wie sie dann ein ziemlich leckeres Käsebrot nach hinten reichte – genau in dem Moment, wo der Magen anfing zu knurren. Und das alles zusammen – das Käsebrot, die Wärme unter der Bettdecke, diese merkwürdige Frau, die es nur gut meinte, die Distanz, aus der man sie noch einmal neu betrachten könnte –, das alles zusammen könnte doch dazu führen, dass man im Herzen weiß, dass man diesen Menschen irgendwie lieb hat. Und vielleicht sollte man auch nicht vergessen, dass man selbst in ferner Zukunft in einem Sessel sitzt und sich ganz feste darauf freut, seiner allerliebsten Tochter vom Mittagessen gestern zu erzählen. Es gab Spargel aus Peru, und er war wirklich köstlich.

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