Neues aus der Glücksforschung Glück ist wie ein Rausch

Endlich im Lotto gewinnen, fünf Kilo weniger, die Gehaltserhöhung bekommen. Dann wäre man doch wirklich wunschlos glücklich, oder? PETRA-Autorin Wiebke Brauer über den neuesten Stand der Glücksforschung – und warum es meist ganz andere Dinge sind, die uns happy machen, als wir immer denken.

Glückliche Menschen

Glück ist aber auch Ansichtssache – das mag vielleicht das Merkwürdigste daran sein. Denn 50 Prozent unseres Glückspotenzials sind in unserem Charakter verankert – man muss schlicht eine Veranlagung zur Zufriedenheit mit auf die Welt bringen. Wer grundsätzlich die Meinung vertritt, das Glas sei halbleer, wird niemals seines Lebens froh – da kann man noch so viel Champagner hineinkippen. Wer sich übrigens bei dem Satz ertappt, dass früher alles besser war: Glückwunsch! Die Nostalgiker unter uns sind echte Frohnaturen, weil sie ihre Vergangenheit in rosigen Tönen sehen. Ein bisschen Retro-Wahn schadet also nie.

Und: Nur zehn Prozent unserer Lebenslust sind unseren Lebensumständen zuzuschreiben. Dazu gehört eine Liebesbeziehung, die funktioniert, gute Freunde, ein Gott oder ein paar Heilige und vielleicht Kinder. Klingt so lapidar, ist es natürlich nicht. Freunde wachsen nicht wie Pilze aus dem Boden, und ein Mann an der Seite – wenn man ihn denn hat – macht das Leben nicht automatisch zum Ponyhof. Das gleiche gilt für Kinder. Kinder können zufrieden machen, müssen aber nicht sein – Studien belegen, dass Paare ohne Nachwuchs nicht unglücklicher sind. In jedem Fall gut zu wissen: Freunde schaffen Freude, Familie macht (meistens) froh – und es schadet nie, in einer Kirche mal eine Kerze anzuzünden.

Was übrigens das liebe Geld angeht, spielen Finanzen nur zu vier Prozent eine Rolle. Ein lächerlich geringer Anteil, wenn man bedenkt, wie viel Mühe wir uns machen, um an mehr zu kommen. Wahr ist nur eins: Der Mensch sollte zwar finanziell abgesichert sein, aber jede Summe darüber hinaus macht nicht fröhlicher. Fehlen da nicht noch ein paar Prozent zum Nirwana? Genau: Fette 40 Prozent der Lebenszufriedenheit liegen als Spielmasse in unserer eigenen Hand. Also nichts wie rein ins Vergnügen! Fragt sich nur, in welches. Dr. Ilona Bonivell, Expertin für Positive Psychologie, schreibt im „The World Book of Happiness“: „Die wichtigste Lehre aus meinen Untersuchungen ist, dass man jeden Tag Zeit für sich selbst haben muss. Ein weiteres Ergebnis lautet, dass es wichtig ist, jeden Tag etwas fertigzustellen. Das muss nichts Großes sein; es kann einfach heißen, einen kleinen Teil von einem größeren Projekt zu beenden.“ Wie wahr.

Nichts geht über die Stille, die sich in uns ausbreitet, wenn eine Minute nur uns allein gehört. Alle Geräusche fahren herunter, das Babygeschrei und das Telefongebimmel werden zu einem Summen heruntergedimmt, ein Wolkenfetzen zieht vorbei. Zeit ist kostbar. Ach was, mehr noch. Unbezahlbar. Und nichts befriedigt uns mehr, wenn wir eine von unseren endlosen To-Do-Listen abgearbeitet haben. Eine Einkaufsliste zusammenknüddeln. Zum Verrücktwerden gehaltvoll muss eine Aufgabe nicht sein, um darin aufzugehen. Manchmal reicht es schon, jeden Abend auf ein Puzzle mit 5000 Teilen zu starren – und sich in Millimetern Stück für Stück voran zu kämpfen. Andere fotografieren die Grafittis an Hauswänden ihrer Stadt oder nähen mit unstillbarer Begeisterung Pailletten auf T-Shirts.

Autor: Wiebke Brauer

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