Positive Power Neidgefühle sind ganz normal

Niemand ist frei von dem fiesen Gefühl – und das ist auch gar nicht schlimm. PETRA-Autorin Katja Bosse zeigt, wie man aus Missgunst Motivation zieht und giftige Gedanken in positive Power verwandelt.

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Neidgefühle sind ganz normal

Wenn ich genauer darüber nachdenke, gibt es nur wenige Leute, die ich um nichts beneiden würde. Ich bin neidisch auf meine Freundin, die sich ein sterneverdächtiges Menü aus dem Ärmel schüttelt, während ich mich grundsätzlich ans Kochbuch kralle – nur, um statt einer Prise Salz nicht versehentlich eine Messerspitze zu nehmen. Meinen Vater beneide ich um sein unerschöpfliches Allgemeinwissen – mich wird wohl nie jemand zum Telefonjoker küren. Und unsere Nachbarn beneide ich schlicht und ergreifend um ihr großes Auto, das ihnen selbst vor einem zweiwöchigen Urlaub samt Kühlbox und Kuscheltieren noch Beinfreiheit und Rückblick gestattet. Bin ich jetzt eine missgünstige Mutti? Ein Neidhammel? Unzufrieden und ungerecht? Dabei finde ich mein Leben doch prima – und meine Mitmenschen meistens auch.

„Neidgefühle sind ganz normal“, sagt Martina Frisch, Life- und Jobcoach aus Hamburg. „Weil wir uns permanent vergleichen und am liebsten nach dem streben, was wir an anderen bewundern.“ Aber sind solche Empfindungen nicht auch ganz schön fies? Zumal, wenn sie sich gegen jemanden richten, der mir lieb und wertvoll ist? Oder der zumindest nichts dafür kann, dass er hat, was ich begehre? „Die Emotion wird gern tabuisiert, obwohl wir in einer regelrechten Neidgesellschaft leben“, sagt Frisch. Schon als Kind wurde uns auf die Finger geklopft, wenn wir der Sandkastenfreundin das Spielzeug neideten. „Leider wurde den wenigsten beigebracht, wie man mit dem Gefühl richtig umgeht.“ Und so schämen wir uns lieber still, statt unseren Neid offen zuzugeben und der Person ein ehrliches Kompliment auszusprechen: für das, was sie Tolles hat, kann oder tut. Je nach Charakter, Neidgrad und Tagesform reagieren wir stattdessen empört, traurig oder gar feindselig. Frauen verfallen in Depri-Stimmung; Männer ärgern sich über sich selbst.

Statt mich übers Sprachgefühl, die Sportlichkeit und spannende Reisen der anderen zu freuen, stochere ich also beleidigt in meinem Salade niçoise herum, verziehe mich frustriert in die Umkleidekabine und betone, dass mir Las Vegas eh zu viel blinkt. Dabei gefallen mir meine „gelben Seiten“ gar nicht.

„Schämen Sie sich nicht für Ihre Gefühle“, sagt Sozialpsychologe Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud- Instituts in Frankfurt am Main, „sondern nutzen Sie das Gefühl lieber als Signal, das Ihnen etwas über Sie selbst verrät.“ Dann könne Neid sogar positiv sein, weil man anfange zu reflektieren: Warum versetzt es mir einen Stich, wenn meine Schwester die Festgesellschaft mit Klaviermusik beglückt? Warum entgleitet mir das Gesicht, wenn eine Kollegin rhetorisch brillant ihr Projekt präsentiert? Wahrscheinlich, weil Sie selbst nicht so musikalisch und wortgewandt sind, es aber gern wären. „Wenn Sie zu dieser Einsicht gelangen, ist schon ein großer Schritt getan“, sagt Haubl, der eine Studie zu „Neid und Neidbewältigung in Deutschland“ durchgeführt hat. Um den nervigen Neid ganz loszuwerden, könne man ihn nun in Motivation umwandeln: „Was müssten Sie denn selbst dafür tun, um diese Fähigkeiten zu erlangen – oder sie noch zu verbessern?“

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