Charakter Dabei sein ist alles!

Sie sagen zu keiner Einladung „Nein“ und checken Ihr Smartphone minütlich nach neuen Nachrichten? Dann haben Sie etwas mit unserer Autorin gemeinsam: die ständige Angst, etwas zu verpassen.

Nichts verpassen

Eigentlich genieße ich es ja, dank zahlreicher Bilder auf Facebook, am Leben all meiner Freunde teilhaben zu können, die für regelmäßige gemeinsame Barabende zu weit weg wohnen. Ich fühle mich dann mit ihnen verbunden. Doch obwohl ich mich über ihre Schnappschüsse freue, stelle ich mir beim Betrachten dennoch immer wieder die Frage, ob mein Leben eigentlich interessant genug ist. Dieses Gefühl ist ganz typisch für unsere digitale Zeit. Fotos oder sogar Videos von lustigen Abenden oder spannenden Urlauben zu betrachten, an denen wir nicht teilnehmen konnten, stimulieren andere Punkte unseres Gehirns, als das bloße Erzählungen tun könnten. Dadurch, dass wir einem vergangenen Ereignis ohne Umschweife ausgesetzt sind, haben wir plötzlich eine genaue Antwort auf die Frage: Was wäre gewesen, wenn? Dadurch beginnt in unserem Kopf ein aktiver Prozess des Bereuens.

Immer wieder fragen wir uns, ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben. Auf der Suche nach einer (meist negativen) Antwort zermürben wir uns selbst. Und diese Angst, etwas zu verpassen, kann sich auf jeden Lebensbereich ausdehnen. Wir sind einfach nicht daran gewöhnt zu sehen, wie etwas passiert, wenn wir nicht dabei sind. Der Mensch kann nur mit einer gewissen Menge an Informationen umgehen. Permanente Status-Updates, Bilder und Urlaubsvideos reizen diese Aufnahmefähigkeit völlig aus, sie sprengen sie manchmal sogar. Das kann über das unangenehme Gefühl des Verpassens hinaus sogar zu Erschöpfung oder depressiven Verstimmungen führen, schreibt der amerikanische Psychologieprofessor Dan Ariely. Als Reaktion halsen wir uns viel mehr Verabredungen auf, als wir eigentlich wollen. Oder halten uns bei der Freizeitplanung ständig eine zweite, vermeintlich bessere Option offen.

Eine Lösung wäre es, sich öfters mal zurückzuziehen und sein Telefon aus zu lassen. Klingt schwierig. Aber es geht. Seit ein paar Tagen lasse ich abends mein Handy zum Beispiel immer auf lautlos gestellt in meiner Tasche liegen und nehme nur Verabredungen an, zu denen ich wirklich Lust habe. Bei denen lasse ich mir von Urlauben und Partynächten auch gleich wieder direkt von meinen Freunden erzählen, anstatt mir nur die Bilder bei Facebook anzusehen. Zum einen kann ich mich so viel besser an ihren Erlebnissen erfreuen. Zum anderen verbringe ich gleichzeitig einen schönen Abend, der mein schlechtes Gewissen über das, was ich möglicherweise verpasst habe, sofort wieder zum Schweigen bringt. Und wenn mich trotz allem mal wieder dieses Gefühl von Neid beschleicht, dann versuche ich das als Inspiration zu sehen, meine eigenen Erlebnisse zu planen. Und wenn es nur ein Abend mit Mads-Mikkelsen-Filmen ist…

Autor: Yvonne Adamek

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