Job-Psychologie Identifikation mit Beruf und Position

Acht Stunden Job-Rollenspiel gehen an keinem spurlos vorbei: Und plötzlich spielt man privat das Alphatier oder die Oberlehrerin. Dabei wollte man nie so werden! Wir zeigen, warum die Arbeit Ihre Persönlichkeit verändert – und was Sie tun können, um nach Feierabend schnell wieder Sie selbst zu sein.

Frau am Laptop

Arbeitsbeziehung

Acht Stunden Minimum verbringen die meisten von uns im Job. Klar, dass das Spuren hinterlässt. Das Berufsleben verändert den Inhalt des Kleiderschranks, die Sprache, den Freundeskreis, unser Denken und Verhalten, sogar die eigenen Werte. Wir identifizieren uns mit unserer beruflichen Position, denn sie ist Statussymbol und Zeugnis dessen, was wir draufhaben. Und um zu funktionieren, unterwerfen wir uns den Regeln der Firma oder Branche. Mit dem Ziel, ein respektvolles Nicken von anderen zu ernten, gibt man sich mal effizient, mal ehrgeizig, mal egoistisch – je nachdem, was die Situation eben erfordert. Ist die wirtschaftliche Lage so angespannt wie momentan, intensiviert sich das. „Je mehr Druck im Arbeitsumfeld herrscht, desto mehr werden wir zum Kämpfer und verschieben die eigenen Werte“, sagt Kastner. Der Job kann vorhandene positive Charaktereigenschaften, aber eben auch negative, verstärken. „Das ist wie in einer Beziehung: Manche Partner bringen die schönen, andere die weniger schönen Verhaltensweisen zum Vorschein.“

Austricksen und ausstechen

Gleich beim Verlassen des Büros den Kippschalter von „Job“ auf „Privat“ stellen – das schafft kaum einer. „Das ist normal“, so Psychologe Michael Kastner. „Unsere Gehirnpfade sind so eingetrampelt, dass wir das im Privatleben oft nicht mehr los bekommen. “Das Problem beginnt dann, wenn wir – um nicht aus dem Firmenraster zu fallen – plötzlich Dinge tun, die wir früher nie für möglich gehalten hätten. Etwa, die Idee der Kollegin als die eigene verkaufen, um sich selbst besser dastehen zu lassen. Oder man kauft einen Stapel Rhetorikbücher, um zu erfahren, wie das funktioniert mit dem Manipulieren anderer zu eigenen Gunsten. „So wollte ich doch nie werden“, denkt man dann. Und fragt sich vielleicht verunsichert: „Aber vielleicht bin ich ja im Job nur ich selbst, vielleicht zeigt sich hier mein wahres Ich?“ Die Antwort darauf ist nicht leicht. Vor allem, weil hier meist auch das Bauchgefühl versagt. Man spürt nichts, außer, dass man sich in seiner Haut nicht mehr wohlfühlt.

Ich, dringend gesucht!

Der erste Schritt zur Trennung von „Job-Ich“und„Privat-Ich“ ist eine selbstkritische Analyse des Umfelds: Haben Freunde vielleicht schon mal die Augen verdreht, weil Sie nach einem Treffen mit dem Ex von einem „suboptimalen Output“ gesprochen haben – anstatt zu verraten, wie schlecht das Essen gelaufen ist? „Wenn Sie sichergehen wollen, starten Sie eine Umfrage: Fragen Sie gute Freunde, ob sie zum Beispiel Ihre Dauerverplantheit oder Ihr Fachjargon nervt“, rät Cornelia Topf, Coach und Persönlichkeitstrainerin (www.metatalktraining.de). Hilfreich ist dabei der Selbstbild/Fremdbild-Abgleich (siehe Test "Wie bin ich wirklich"). MiteinemsolchenBogen erfahren Sie ganz konkret, wie Kollegen und Freunde Sie wahrnehmen. Haben Sie Verhaltensweisen erst einmal identifiziert, die Sie ändern möchten, dann „binden Sie Ihre beste Freundin oder Ihren Partner ein, um Ihr ungewolltes Verhalten zu bemerken. Eine ‚Da war’s wieder!‘-Rückmeldung hilft beim Umtrainieren“, so Topf.  

Spontan bleiben

Auch wichtig, um sich weniger über den Job zu definieren und in der Freizeit wieder mehr Sie selbst zu sein: „Machen Sie sich bewusst, was Ihnen guttut – und was nicht, und handeln Sie entsprechend.“ Und bevor Sie nach der Arbeit mit Ihren Freundinnen etwas trinken gehen: ab nach Hause zum Umziehen (damit streifen Sie Ihre Berufsrolle ab, inklusive Verhalten und Sprache) und eine halbe Stunde auf dem Sofa abschalten. So trommeln Sie später weniger ungeduldig auf den Tisch, weil eine Bekannte bei ihrer Dating-Geschichte nicht gleich auf den Punkt kommt. Auch hilfreich, um das Leben außerhalb des Büros in seiner Fülle zu begreifen: Erweitern Sie Ihren Freundeskreis oder aktivieren Sie alte Bekannte, die aus einer ganz anderen Branche kommen.So bleiben Sie offen für Kritik und werden sehen: Ihr Job ist gar nicht so bedeutend, wie Sie das im Büro immer vermittelt bekommen. Es gibt auch anderes, das wichtig ist.

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