Zukunftsreport Wie wollen wir leben?

Am liebsten in einem Dorf mitten in der Stadt. Wie das genau aussieht – und wie sich Wohnen und Alltag in den nächsten Jahren entwickeln, verrät ein neuer Zukunftsreport. Den haben wir uns einmal genauer angeschaut

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Was ist die Zukunft?

Die Zukunft? Die war doch eigentlich mal klar definiert. Da trägt man eng anliegende Ganzkörperanzüge, fliegt mit einem silberglänzenden Space - ship durchs All, und das Essen kommt in Pillenform. Zumindest in der Welt von „Raumschiff Enterprise“. Tatsächlich wird

unser Leben wohl eher so aussehen: Wir werden Dreck unter den Fingernägeln haben, weil wir in unserer Freizeit Kohlrabi anbauen. Wir fahren nicht mit dem Raumschiff, sondern dem Retro-Fahrrad in unseren Workspace. Wir jagen keine Aliens, sondern chillen lieber mit unseren Freunden auf der Dachterrasse unseres gemeinsamen Wohnprojekts. Und, Entwarnung: Unser Essen kochen wir am liebsten selber.

So sieht es zumindest der „Immobilien report 2015“ voraus, den das Berliner Architekturbüro GRAFT im Auftrag des Zukunfts - instituts erstellt hat. Und der einen spannenden Blick darauf wirft, wie wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten leben werden. Nämlich ganz beschaulich im „Neo-Biedermeier“.

Der Begriff klingt zwar eher spießig als fortschrittlich, macht aber Sinn. Im Biedermeier des 19. Jahrhunderts zog sich das Bürgertum in die Sicherheit des trauten Heims zurück, weil ihm die Veränderungen durch die Industrialisierung nicht geheuer waren. Heute sucht der moderne Mensch Zuflucht in seinen vier Wänden, weil der Alltag immer schnelllebiger und unübersichtlicher wird. Auch beim Design gibt es Parallelen zur Ästhetik des Biedermeiers: einfach, funktional, mit klaren Linien und unter Verwendung von lokalen Materialien, das galt damals wie heute als schick.

Es leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land

Laut GRAFT-Report leben schon jetzt mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Und da will man am liebsten beides haben: alle Möglichkeiten der Großstadt – aber auch die Zusammengehörigkeit des Dorfes. Trends wie „Urban Gardening“ belegen diese Sehnsucht: Zusammen mit Freunden beackert man Gemeinschaftsgärten oder bringt Verkehrsinseln zum Blühen. Und wer keinen grünen Daumen hat, strickt: Laternenpfähle, ganze Straßenzüge kriegen bunte Woll-Kreationen übergestülpt. Das ist charmant, hip und garantiert etwas, worüber man beim Einkaufen im lokalen Tante-Emma-Markt sprechen kann. Ebenfalls typisch für das „Wir wollen es cool, aber muckelig“-Gefühl ist der Boom der Streetfoodmärkte. Die Foodie-Treffen, bei denen das gemeinsame Genießen von kleinen Leckereien im Mittelpunkt steht, finden meistens in ausgedienten Fabrik- oder Lagerhallen statt. Ein Abend auf einem Streetfoodmarkt ist wie ein Essen mit guten Freunden, bei dem jeder vom Teller des anderen naschen darf. Die Zutaten kommen natürlich alle aus der Region, und die Rezepte stammen häufig aus Omas Kochbuch. Ach ja, das Marmelade- Einkochen erfreut sich ebenfalls großer Beliebtheit bei Hipstern. „Das Einweckglas ist das Accessoire der neuen Häuslichkeit,“ so schrieb die „Zeit“ kürzlich.

„Workspaces“

Da die Miete in der Stadt immer teurer und Eigentum immer weniger erschwinglich wird, bedeutet das für die Zukunft: Man baut sich ein Haus gemeinsam mit Freunden. Dabei bieten sich ganz neue Alternativen an, wie etwa Kleinstwohnungen in Anlagen, in denen man sich Terrasse oder andere Gemeinschaftsflächen teilt. In Zukunft werden die Menschen weniger an Orte gebunden sein als früher, denn auch die Arbeit wird flexibler. Schon länger gibt es viele sogenannte „Workspaces“, in denen man temporär einen Schreibtisch anmieten und seinen Laptop anstöpseln kann. Neues Projekt? Neue Stadt? Neue Steckdose.

Aber wie verbringen wir in Zukunft unsere Freizeit? In der GRAFT-Studie fällt das Stichwort „New Relevance“: das Bedürfnis nach kulturellen und authentischen Erlebnissen, die so einmalig wie möglich sein sollen. Außergewöhnliche Reisen gehören dazu oder Nachbarschaftsevents wie das beliebte „White Dinner“. Die moderne Variante eines Wellness- Urlaubs ist der Aufenthalt in einem Healing Hotel, in dem man nicht nur in der Sauna schwitzt, sondern von Fachärzten auf potenzielle Krankheiten untersucht und bei Bedarf therapiert wird. Aber bei allem, was wir tun, bleibt eine Sache wichtig: Das Erlebnis muss „kuratierbar“ sein, also im Foto festgehalten und schnellstmöglich mit Freunden und Bekannten geteilt werden. Kein Wunder, dass es an angesagten Touri- Zielen immer mehr „Selfie-Punkte“ gibt, die auf gute Foto-Möglichkeiten hinweisen.

Onlineshopping

Da Onlineshopping es möglich macht, sich rund um die Uhr alles zu beschaffen, wächst der Bedarf nach Produkten, die sich eben nicht jeder schnell mal mit ein paar Klicks kaufen kann. Darum schlägt jetzt die Stunde der Pop-up-Stores. Improvisierte Ladenflächen, die nur für kurze Zeit ihre Waren (gern irgendwelche Limited Editions) anbieten. Das erhöht die Konsum bereitschaft natürlich enorm – das Gleiche gilt für Pop-up- Restaurants, -Bars oder -Galerien, die alle von unserem Bedürfnis nach exklusiven Erfahrungen profitieren.

Wie wir in Zukunft bezahlen werden? Vielleicht mit Tweets, so wie Marc Jacobs das im Frühjahr 2014 mal kurzfristig austestete. In seinem New Yorker Pop-up-Store für den Duft „Daisy“ wurde kein Bargeld akzeptiert, sondern nur die „social“ Währung in Form von Tweets, Instagram und Facebook-Posts. Wer seine Markenliebe ordentlich verbreitete, bekam exklusive Proben geschenkt.

Auch bei den Produkten geht der Trend laut GRAFT weg von Massenware hin zu „Rough Luxe“. Der Begriff beschreibt einfache Produkte, die ruhig teuer sein dürfen, aber auf jegliche Marken-Angeberei verzichten müssen. Nur echte „Auskenner“ wissen, was das Produkt kann und wo sie es beziehen können. Das Design sollte traditionell und handgefertigt erscheinen. Im Wohn bereich bedeutet das vor allem, dass Bau elemente mit Geschichte recycelt werden: Alte Schiffsplanken oder historische Mauerziegel sollen unserem Highspeed-Leben ein Gefühl der Beständigkeit geben. So gesehen werden wir in Zukunft ja ganz kuschelig wohnen. Wobei – wenn wir uns eine Sache wünschen könnten, dann die automatischen Schiebetüren, die sich im „Raumschiff Enterprise“ immer mit diesem coolen „Schwusch“- Geräusch öffneten …

Autor: Iris Soltau

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Quelle: Petra, Ausgabe 01/2015