Trend Was guckst du?

Juhuu, die neuen Staffeln unserer liebsten Trash-TV-Shows laufen wieder an. Doch bevor wir uns auf die Couch verkrümeln, fragen wir: Was genau macht die Faszination von „Dschungelcamp“ & Co. aus? Und müssten wir uns nicht eigentlich ganz doll dafür schämen?

Trash TV

Trash-TV beherrscht unser Fernsehprogramm

Kleiner Test. Woran denken Sie, wenn Sie Sätze wie „Let’s getty to Rambo!“, „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ oder „Du hast echt unglaubliche Augen“ hören? Antwort a) Keine Ahnung, was soll das jetzt?, Antwort b) Kreischattacken vor dem Fernseher. Haben Sie Antwort b gewählt? Dann gehören Sie zu der Gruppe von TV-Fans, die sich in den nächsten Wochen von der echten Welt abmeldet. Weil die neue Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ startet und danach „GNTM“ und „Der Bachelor“. Da wird das Leben um die Sendetermine herum koordiniert, man guckt mit Freunden oder alleine und teilt seine Beobachtungen über Twitter oder auf Facebook. Selbst wer nicht vor der Glotze sitzt, kriegt das Geschehen mit. Gesichter, die man nie zuvor gesehen hat, poppen plötzlich auf den Titelseiten der Boulevardpresse auf. In der Kantine rufen sich die Kollegen die lustigsten C-Promi-Sprüche zu. Und jeder Party-Small-Talk beginnt mit der Frage „Hast du gestern geguckt...?“

Woher kommt die Faszination für Trash-TV?

Unsere Gesellschaft hat ein großes Faible für Trash-TV. Aber woher kommt diese Faszination? Und wie viele Kunst-Dokumentationen auf Arte müssen wir gucken, um unser TV-Karma wieder reinzuwaschen? Beim „Dschungelcamp“ schalten im Schnitt acht Millionen Zuschauer ein, um zu sehen, wie abgehalfterte Schlagerstars oder Ex-Soapdarsteller mit dem Verlust von Frisur und Würde kämpfen. Während die C-Promis im australischen Urwald Maden verputzen, sitzen wir mit der Schüssel Erdnussflips auf dem Sofa und frönen unseren niederen Instinkten: Der Mensch fühlt sich besser, wenn er sieht, dass es anderen schlechter geht. Und wenn „die anderen“ auch noch Sarah, Georgina oder Larissa heißen – umso besser!

Distanziertes Amüsieren

Bei Zuschauern mit einer höheren Bildung, erklärte der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger in einem Interview, sei die Motivation eine andere: „Sie können sich bei solchen Shows distanziert amüsieren.“ Die lachen nicht, weil Kandidat A kopfüber in einen Tümpel fällt. Die lachen über den Kommentar aus dem Off, der sich über die laufende Insolvenz von Kandidat A lustig macht oder seinen angestrengten Versuch, beim Sturz den Bauch einzuziehen. Das Beste ist jedoch: Niemand muss sich mehr schämen, wenn er das „Dschungelcamp“ guckt – immerhin ist die Show im vergangenen Jahr für den Grimme-Preis nominiert worden.

Doku-Soaps erwecken Fremdscham und viel mehr

Dann gibt es da noch die schmuddelige kleine Schwester der Guilty-Pleasure-Unterhaltung: Doku-Soaps, die scheinbar „normale Leute“ zeigen, wie sie durch ihren Alltag stolpern. Da trifft man auf Nadine, die ganz neue Ernährungstheorien aufstellt: „Bio is’ für misch Abfall“ oder „Frisches Essen is’ für misch wischtisch. Für meine Kinder kann es auch mal aus der Dose sein.“ Oder man beobachtet schwer vermittelbare Langzeit-Singles, wie sie sich langsam näherkommen und naiv die Vorschläge der Redaktion („Sing doch mal ein romantisches Lied für den Sascha!“) umsetzen. Mit dem Erfolg, dass sich der Zuschauer – je nach Sensibilität – vor Lachen auf den Teppich wirft oder schwer peinlich berührt die Augen zukneift. Mit etwas Pech landet diese Szene dann als Clip bei YouTube, wo ein Kommentar wie „Die Celine Dion des Unterschichtenfernsehens“ noch ganz eindeutig zu den netteren gehört.

Reality-TV lebt von schrägen Charakteren

„Reality-TV erlaubt es, sich auf andere Schicksale einzulassen, ohne Verbindlichkeiten einzugehen“, so der Kommunikations- und Medienpsychologe Daniel Süss: „Die Formate wecken starke Emotionen, sei es Anteilnahme, Überraschung, Schadenfreude oder Empörung.“ Egal, ob jetzt eine Schwiegertochter, eine neue Nase oder eine Partnerin für den Schweinemastbetrieb gesucht wird, all diese TV-Shows leben von den schrägen Charakteren. Es gibt inzwischen sogar Casting-Agenturen, die nichts anderes machen, als nach Menschen zu graben, für die wir uns später fremdschämen können. Diese Kurzzeit-Stars offenbaren ihre Privat- und Intimsphäre, nur um im Rampenlicht zu stehen.

Was passiert nach Ausstrahlung?

Und danach? Wie tritt man seinem Chef unter die Augen, wenn man plötzlich bei Stefan Raab in Dauerschleife läuft? Reality-TV-Formate boomen, weil sie relativ kostengünstig zu produzieren sind. Doch wenn Leute vorgeführt werden, nur weil sie zu dick, zu dünn oder zu doof sind, bleibt da einfach ein schaler Beigeschmack. Aber, hey, wir wollen ja nicht meckern, es geht immer noch schlimmer. In den USA läuft zum Beispiel die Show „Best Funeral Ever“, in der es um bizarre Trauerfeiern geht. In der ersten Episode treffen sich die Hinterbliebenen in einem Bowlingcenter, um den Sarg mitsamt einer Leiche namens Rudy die Bahn runterzuschubsen. Auf den Kegeln, die mit lautem Krachen umfallen, steht „Ruhe in Frieden, Rudy“ gepinselt. „Das hätte sie sich so gewünscht, sie war schließlich eine leidenschaftliche Bowlerin“, erklärt eine Freundin der Toten. Alles klar. Falls RTL also in Zukunft eine Show namens „Die geilsten Beerdigungen ever!“ planen sollte, wird es Zeit, sich über die Wahl seines Hobbys noch mal Gedanken zu machen.

Skurriles hat keine Grenzen

Ebenfalls aus den USA stammt die Sendung „Freaky Eaters“, in der Essgestörte porträtiert werden. Aber eine normale Bulimie reicht da nicht aus, um ins Fernsehen zu kommen. Die Betroffenen sind Extremfälle. So wie die 150-Kilogramm-Frau, die sich nur von Maisstärke ernährt, oder eine andere, die beim Erbrechen von Sauce Tartare einen Orgasmus bekommt. Prost Mahlzeit! Die Briten machen es sich da einfacher. Für „Gogglebox“ werden Leute gefilmt, während sie eine Woche lang auf dem heimischen Sofa sitzen und fernsehen. Langweilig? Ja, aber ein riesiger Erfolg auf der Insel. Es gab sogar ein Promi-Special, das Naomi Campbell und Kate Moss beim, nun ja, Fernsehen zeigte. Bei der japanischen Show „Dokkiri Awards“ stehen so krasse Streiche auf dem Drehplan, dass selbst die Klaas- und-Joko-Challenges dagegen wie Kindergeburtstage aussehen. Einmal wurde ein japanischer TV-Star nichtsahnend im Tiefschlaf in seinem Bett an Drahtseilen durch das Dach seines Hauses katapultiert. Da soll sich noch mal einer im Ausland über unser „Wetten, dass..?“ aufregen. Nein, niemand muss sich schlecht fühlen, wenn er beim „Dschungelcamp“ reinzappt oder über die platten Anmachsprüche des „Bachelors“ lacht. Erst wenn man seine Katze Sarafina-Estefania-Loredana nennt, Freunden T-Shirts der Marke „Roberto Geissini“ zum Geburtstag schenkt oder sich Deko-Tipps bei „Bauer sucht Frau“ abguckt – dann ist es Zeit, mal wieder ein Buch zur Hand zu nehmen.

 

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Quelle: Petra, Ausgabe 02/2015