Leben Mein Leben in zwei Ländern

Erst mal klingt das traumhaft. Immer mehr Frauen probieren es aus. Aber fühlt es sich auch so an? Und wie geht das überhaupt? Vier Frauen, ein Trend – und achtmal Heimat.

Frau lebt in den USA und in Paris

Es war 1990, nach dem Abitur, ich besuchte eine Freundin, die als Au-pair-Mädchen nach Rom gegangen war. Die Liebe zu dieser Stadt traf mich wie ein Blitz. Unser Leben war wie im Film: Tagsüber lief ich mit meiner Freundin durch die Gassen, wir aßen Eis und Pizza und ließen uns von hübschen Italienern hinterherpfeifen. Nachts flitzten wir mit dem Vespa-Roller durch die Straßen und spürten den warmen Wind auf unserer Haut. Wir saßen auf der Piazza Navona, tranken Rotwein, streichelten die streunenden Katzen und machten Straßenmusikern schöne Augen. Um vier Uhr morgens gab es die ersten Cornetti beim Bäcker, dazu den besten Kaffee der Welt. Hier wollte ich leben. Ich stellte mir vor, dass ich in Rom plötzlich eine andere Person wäre: eine von diesen stolzen, schönen Italienerinnen, die sich nachts heimlich mit ihrem Geliebten im Borghese-Park trafen und diese wunderbar melodiöse Sprache sprechen konnten. Doch es kam anders: Ich erhielt einen Studienplatz im Ruhrgebiet. Rom blieb ein schöner, unerfüllter Traum. Wie gern hätte ich beides gehabt: ein Leben in Italien und eines an der deutschen Uni. Doch Anfang der Neunziger gab es noch kein Internet, keine Handys oder Billigfluglinien.

Der Segen internationaler Mobilität

"Heute ist es definitv leichter und preisgünstiger, in zwei Ländern zu leben. Das Reisen ist einfacher geworden, und wir können mit Freunden und Familie auch über große Entfernungen kommunizieren", sagt Isabel Rosales vom GIGA Forschungsinstitut für globale und regionale Studien. Zudem, so die Wissenschaftlerin, gebe es immer mehr Selbstständig und Freiberufler, die in der Wahl ihres Lebens- und Arbeitsortes flexibel seien. Sie pendeln zwischen Aachen und Avignon, Berlin und Barcelona oder Chemnitz und Chicago. An beiden Orten haben sie eine Wohnung, einen Freundeskreis und eine Beschäftigung. "Transnationale Ortspolygamie" nennt der Soziologe Ulrich Beck dieses Phänomen in seinem Buch "Was ist Globalisierung?": "Das eigene Leben ist kein ortseingebundenes mehr, kein gesetztes, kein sesshaftes Leben. Es ist ein Leben auf Reisen, ein Nomadenleben, ein Leben im Auto, im Flugzeug, in der Bahn oder am Telefon, im Internet, ein transnationales Leben."

Doppelleben - Stress oder Chance?

Und ein aufreibendes Leben, so scheint es, für das auch wirklich nicht jeder geschaffen ist. Um mit zwei Lebensmittelpunkten glücklich zu werden, sollte man mutig, kontaktfreudig und gut organisiert sein. Und doch ist es verlockend, sich einmal nicht zwischen zwei Optionen entscheiden zu müssen. Das Überangebot an Möglichkeiten, dem wir heute ausgesetzt sind, macht uns doch oftmals nichts als Stress: Wollen wir nun Ärztin werden oder doch lieber Designerin? Kinder haben oder auf Weltreise gehen? Da tut es gut, ausnahmsweise mal zu beidem Ja zu sagen. Wenn wir wollen, können wir in jedem Land andere Facetten von uns ausleben: auf Bali leichter leben als im getakteten Brüssel. In Italien ungehemmter flirten als in Iserlohn. Wer die Chance nutzt, verliert die Angst, etwas zu verpassen, einen Teil von sich ungelebt zu lassen. Ich jedenfalls werde Rom demnächst noch mal einen Besuch abstatten. Mal sehen, was draus wird.

Autor: Ulrike Schäfer

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Quelle: Petra, Ausgabe 11/2013