Interview Freiheit ist für sie ein wichtiges Thema

Wie kleine Maschinen stehen wir jeden Morgen auf und meistern unseren Alltag. Was aber, wenn man nicht so läuft, wie man soll? PETRA-Autorin Christine Fenger sprach mit Kaffee-Erbin Louise Jacobs über das Straucheln – und wie man wieder aufsteht.

Louise Jacobs mit Gitarre

Bei Ihrer Heimkehr wogen Sie nur noch 39 Kilo, landeten in einer psychiatrischen Klinik und wären fast an einer Lungenentzündung gestorben. Was hat Sie damals gerettet?

Die Erkenntnis, dass ich endlich anfangen musste, mein Leben selbst zu gestalten. Ich wusste, wenn ich frei sein wollte, musste ich es packen und schütteln. Kennen Sie den Country-Song „Drinkin’ And Dreamin’“ von Waylon Jennings?

Leider nein.

Darin heißt es: „Some people are born to be tied down, some people are born to be free.“ Manche Menschen fühlen sich in ihrer Schublade wohl. Zu denen wollte ich nicht mehr gehören. Ich wollte frei sein, ein Cowboy!

Freiheit ist für Sie ein wichtiges Thema?

Ja, dieses Thema hat mich immer sehr ergriffen. Ich bin ein Riesenfan von „All the pretty horses“ von Cormac McCarthy, ich habe alles von ihm gelesen. Wie die beiden Freunde nachts im Mondschein durch den Rio Grande Richtung Mexiko waten, nackt auf ihren Pferden sitzen, über den Schultern die umgedrehten Stiefel voller eilig reingestopfter Sachen – das war immer meine absolute Idealvorstellung! Toll! Dieses Buch war meine Bibel.

Was ist das für ein Gefühl, dass Sie jetzt Ihre schlimmsten Krisen öffentlich gemacht haben?

Ein gutes Gefühl. Ich empfinde das gar nicht als Enthüllung.

Wie reagierten denn Ihre Eltern und Geschwister auf das Buch?

Noch gar nicht. Ich weiß nicht mal, ob sie es schon gelesen haben. Mein größter Wunsch wäre es, dass ich anderen damit eine Hilfe sein kann. Meine Babysitterin …

Sie haben einen zweieinhalbjährigen Sohn, den Sie alleine erziehen …

Genau. Meine Babysitterin ist 14 und ein tolles Mädchen. Sie meinte, nachdem sie mein Buch gelesen hat: „Jetzt habe ich endlich eine Gleichgesinnte gefunden!“ Das hat mich wahnsinnig gerührt. Ich kann nachvollziehen, was sie in diesem Alter durchmacht: die vielen Erwartungen, das eigene Ich, das man finden muss. Wenn ich da eine kleine Hilfestellung geben kann, ist dies das schönste Kompliment. Man muss eben nicht Banker oder „Germany’s next Topmodel“ werden. Diese Nachricht würde ich auch gerne in Schulen tragen.

„Lasst Euch nicht von Euren Lehrern kleinmachen“, so lautet Louise Jacobs’ Botschaft. Sie selbst hatte nur einen Lehrer, an den sie sich gern erinnert und zu dem sie heute noch Kontakt hat. Mit warmen Worten erzählt sie von ihm: Eines Tages gab er ihr die Aufgabe, aufzuschreiben, wer sie wirklich sei. Was sie geschrieben hat, daran erinnert sie sich nicht mehr. Wohl aber daran, wie gut es tat, dass zur Abwechslung mal jemand gefragt hatte. Am Ende nimmt sie noch ein Buch aus ihrer Handtasche: „Das müssen Sie unbedingt lesen!“ Es ist „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ von dem amerikanischen Autor Norman Maclean. Louise Jacobs hat es geschafft, sich selbst aus dem Schlamassel zu ziehen – indem sie sich selbst und ihren Talenten vertraute.

"Fräulein Jacobs funktioniert nicht – Als ich aufhörte, gut zu sein", Knaur, 335 S., 19,99 Euro.

Autor: Christine Fenger

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