Nostalgie im Wohnzimmer Die Trend-Spots in Berlin-Mitte sind eingerichtet wie Lehrerzimmer aus den 70ern

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen Trendsetter in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme

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Heute sieht halb Berlin-Mitte aus wie ein westdeutsches Realschul-Lehrerzimmer von einst: Ob Geheimtipp-Bar oder Hipster-Wohnung, alles ist vollgestellt mit „Dansk Design“, ergonomisch abgerundeten Holzmöbeln,

die vor zehn Jahren noch unbeachtet in Reihenhaus-Kellern lagerten, weil eigentlich jeder das Zeug als „hässlich“ empfand. Wie durch ein Wunder kloppen sich nun aber Mittdreißiger bei Ebay um die skurrilsten Schirmständer, Barschränkchen und Nachttischlampen aus Omas und Opas Schuppen. Warum bevorzugen so viele Menschen tendenziell die etwas schrabbelige, leicht schräge Variante von Gebrauchsgegenständen? Oder, wenn sie sich für Neuware entscheiden: Warum muss das Neue dann doch irgendwie „alt“ aussehen? Es geht um das Bedürfnis nach Heimat, Aufgehobensein, Entschleunigung – da sind sich die meisten Expert(inn)en einig.

"Die Trend-Spots in Berlin-Mitte sind eingerichtet wie Lehrerzimmer aus den 70ern – und alle finden es schön"

„Mit unseren Sachen kann sich jeder wohlfühlen“, sagt etwa Andrea Dahmen, eine wahre Fachfrau für Retro-Utensilien. Kauf Dich glücklich (www.kaufdichgluecklich.de) heißt die kleine Ladenkette, die die 38-jährige Kölnerin mit einem Geschäftspartner aufzog. Der Stamm-Shop liegt, wie sollte es anders sein, am pulsierenden Prenzlauer Berg in der Hauptstadt und ist vollgestopft mit liebevoll zusammengestelltem Trödel und limitierten Auflagen aktueller, handgemachter Designer-Mode. „Wir verkaufen keine Coolness, sondern Spontaneität und Lebensfreude“, sagt Dahmen, die sich selbst als „Flohmarkt- Junkie“ bezeichnet.

Bis in japanische Trend-Blogs hat es der ursprünglich als Studenten-Gag gegründete Laden inzwischen geschafft. Im Sortiment finden sich Turnschuhe der Marke Zeha, die bei der WM 1974 die DDR-Fußballer trugen, oder auch Seventies- Sessel vom Düsseldorfer Flughafen. Mittlerweile expandiert das Geschäft kräftig: Erst folgte die Eisdiele „Glücklich am Park”, dann kamen Accessoires- Filialen in Hamburg, Düsseldorf, Bremen, Münster und Stuttgart.

„Wie süß!“ oder „Wie ulkig!“ möchte man angesichts 30 Jahre alter Wackeldackel oder adretter Pepita-Kostüme oft rufen. Ja, tatsächlich: Der eigentlich altmodische Look macht sehr oft sehr viel Spaß – etwas Ironie gehört dazu. So schneidert die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek (www.lenahoschek.at) taillierte Jäckchen, Pencil Skirts und Blümchenkleider wie aus den Fifties – ohne aber die Frauen wieder in ein biederes Rollenkorsett zwingen zu wollen. Moderne Frauen tragen den hyperfemininen Look mit einer ganz anderen Haltung als einst die Vorfahrinnen, eher wie eine Art Fashion-Verkleidung für einen speziellen Anlass. Und schon am nächsten Tag wird die Wespentaille abgelegt und gegen bequeme Boyfriend-Jeans getauscht, kombiniert mit einer Sergeant-Pepper-Jacke, die einst Vorzeigejäckchen der Beatles war.