Nostalgie im Wohnzimmer "Retro" kein Spezial-Kniff für Fashion-Insider

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen Trendsetter in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme

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Längst ist „Retro“ kein Spezial-Kniff für Fashion-Insider mehr. Alle machen mit, so scheint’s. Völlig egal ist es, welches Jahrzehnt gerade besonders groß gefeiert wird – ob das dritte Eighties-Revival oder eine neue Welle des Fifties-Looks. Als „schön“, „interessant“ oder „originell“ gelten generell Dinge, Klänge, Formen und Farben aus der Vergangenheit – von den Audrey-Hepburn-Ballerinas bis zum Butterkuchen vom Blech. Zugegeben: Ganz neu ist das „Best of früher“- Prinzip nicht. Schon die Künstler der Renaissance bezogen sich auf ihre Vorfahren. Neu ist heute allerdings, dass die Jahrzehnte einfach kunterbunt vermischt werden. Eine junge Frau, die Blockstreifen-Shirts im Nena-Stil trägt, ihre Wohnung mit dem „röhrenden Hirsch“ aus dem Gelsenkirchener Barock schmückt und sich Cool Jazz im Elektro-Remix in die Ohrmuscheln stöpselt: eher die modische Regel als der Ausnahmefall.

„Eklektizismus“ nennt die Soziologie das Zusammenwürfeln verschiedenster Epochen, den wilden Mix aus Vorgestern, Heute und Übermorgen. Anders ausgedrückt: „Irgendwie von früher“ ist der Massen-Geschmack von heute. Niemand kann sich dem Rückwärts-Sog entziehen. Sogar Hollywood-Ladys führen auf roten Teppichen Vintage Couture spazieren, gut erhaltene, höchst edle Secondhand- Roben, die bei Spezial-Händlern wie Lily et Cie in Los Angeles Preise bis zu 75.000 US-Dollar erzielen. Penelope Cruz etwa trug bei der jüngsten Oscar-Verleihung ein Traumkleid von Pierre Balmain aus den 50er-Jahren und riss internationale Fashion-Kritiker zu begeisterten „Ah“s und „Oh“s hin.

"Mit Stil-Zitaten aus der Vergangenheit schaffen wir uns Wohlfühl-Ecken: Es sieht aus wie früher, fast wie bei Muttern"

Und nicht einmal in seiner digitalisierten Form kommt das „Ich“ am großen, gemütlichen „Damals“ mehr vorbei: Dutzende iPhone-Apps und Fotobearbeitungsprogramme sorgen dafür, dass Selbstporträts möglichst alt, vergilbt, verblichen wirken. „Yearbook yourself“ heißt die entsprechende Facebook-Anwendung. Beinahe ist es etwas unheimlich: Die ganze Welt ist voll von Vergangenheit – und keiner weiß so ganz genau, woher das kommt.

„Die Zeit der großen (Ent-)Würfe ist vorbei“: So schlicht formuliert es der renommierte Produkt-Designer Lorenzo Ramaciotti. Er versucht damit, wenigstens die eine Seite der Medaille zu erklären: den reinen Look, die Oberfläche, die Lust auf eine Gestaltung jenseits aller Hightech-Stromlinienförmigkeit. Obwohl wir Nierentische und Makramee-Wandteppiche schon tausend Mal gesehen haben, oft bei den Eltern oder Großeltern, kriegen wir einfach nicht genug davon. Tja – zufällig fällt den Designern auch gerade nichts Neues ein, sagt Ramaciotti.

In der Tat begannen schon Ende der 90er-Jahre Möbelhersteller wie Habitat (www.habitat.de) oder Vitra (www. vitra.com), alte Klassiker nachzubauen. Sie brachten fabrikneue Neo-Originale wieder auf den Markt, etwa die Spätfünfziger- Möbel des US-Designer-Paars Robin und Lucienne Day, Einzelstücke aus der Bauhaus-Ära der 20er- und 30er-Jahre oder die berühmten Swing Chairs von Verner Panton aus den Sixties.