Die Öko-Angst der Achtziger war plötzlich vergessen

In der Mode, in der Musik, im Nachtleben: Die Nineties sind zurück. Kein Wunder: Das Jahrzehnt war zwar kindisch und geschmacklos - aber von einer Sorglosigkeit, die wir heute ganz schön vermissen.

90er

Das Unfertige, das Improvisierte, das Verspielte war unser Motto. „Das Leben ist eine Baustelle“ – das galt nicht nur im Kino oder für unsere dauernden WGWechsel, sondern immer und überall. Wir tanzten in alten Industriehallen oder stillgelegten Straßenbahndepots statt in durchgestylten Discos, wir chillten auf Sperrmüllmöbeln statt auf dem Designer-Barhocker. „Ich bin gerne Girlie!“, plapperte die VIVA-Gute-Laune-Granate Heike Makatsch einem „Spiegel“-Interviewer ins Mikro und hielt ihre Zöpfe in die Kamera. Sogar der Neue, der 1998 den Endlos-Kohl ablöste, war irgendwie kindisch: Gerhard Schröder rüttelte am Kanzleramt und rief: „Ich will da rein!“, posierte geckenhaft im Brioni-Anzug, statt mit Genossen Grundsatzdebatten zu führen. Doch auch wenn wir uns äußerlich als Grunge-Girls gaben, im Winona-Ryder- Slacker-Look auf Siff-Sofas herumlungerten, als wären wir gerade aus dem Filmset von „Reality bites“ ausgebrochen – wir konnten uns diese Verspieltheit nur leisten, weil unter dem Trödler-Teppich ein goldener Boden lag. 

Wir waren die letzte „Generation Festanstellung“. Auch wenn wir es nicht ahnten. Mein erster Arbeitsvertrag 1995 war nur befristet durch das Erreichen des Rentenalters mit 65. Sechser im Lotto? Nö, ganz normal. Abends beschwerte ich mich bei meiner Clique über den spießigen Paragraphen: „Ich fühl mich so alt!“ Was für ein Luxusproblem. Immer schön ironisch bleiben, bloß nicht festlegen – so tanzten wir durch das Jahrzehnt. Dazu kippten wir Caipirinha, rauchten nicht nur das, was man für fünf Mark am Automaten ziehen konnte, und hatten mehr Sex an einem Wochenende als eine Beziehungskomödie mit Katja Riemann in drei Akten. Die da oder die da? Der da oder der da? Am liebsten beide. Zugegeben: Das lag nicht nur am Jahrzehnt, das lag auch am Alter. Aber trotzdem: Da war etwas in der Luft, eine Love-Parade-Stimmung, die bis auf die Futonmatratzen unserer Schlafzimmer reichte. „Definitely Maybe“, „auf jeden Fall vielleicht“ - der Titel eines Oasis-Albums stand Pate für unser Liebesleben. Ich erinnere mich gut an dieses Gefühl: unverwundbar zu sein. Unverwundbare Lunge, unverwundbare Leber, unverwundbares Herz. Wenn ich dann doch mal tief getroffen wurde, genoss ich auch das. Setzte mir den Discman auf (iPod? Gab’s noch nicht!), legte mich auf die Wiese und weinte wie im Videoclip, während The-Verve-Frontmann Richard Ashcroft die „Bittersweet Symphony“ meines Lebens besang. Dann traf ich mich mit einer Freundin und zog dem nächsten Abenteuer entgegen. 

Autor: Verena Carl