Trend Coachella - Woodstock für Hipster

Jedes Jahr treffen sich Stars und Sternchen beim Coachella Festival in der kalifornischen Wüste. Aber geht es da überhaupt noch um Musik – oder nur noch um Selbstdarstellung? Lesen Sie hier mehr zum kalifornischen Musik-Festival.

Coachella - Woodstock für Hipster
Amber Rose mit Federkopfschmuck, Diane Kruger in ultrakurzen Shorts und Fransenstiefeln, Kate Bosworth mit Blumen im Haar: Jedes Jahr um diese Zeit tauchen Fotos von Models, Fashion-Bloggern und Stars auf, die im Hippie-Look durch die kalifornische Wüste laufen. Sie besuchen das Coachella Valley Music and Arts Festival, den Hipster-Magneten mit musikalischem Rahmenprogramm. Noch vor einigen Jahren wussten die wenigsten, wie man Coachella buchstabiert, heute bietet H&M unter dem Namen sogar eine eigene Festival-Kollektion an. Die Frage ist nur: Warum jetten Promis aus aller Welt in die Wüste und posten massenhaft Bilder von sich? Interessiert sich da überhaupt noch jemand für die Musik oder dreht sich alles nur ums Sehen-und-gesehen-Werden? Zeit für einen Besuch.
 

Coachella - Festivalfeeling oder Selbstdarstellung?

Das angesagteste Festival der Welt liegt im Nirgendwo zwischen Los Angeles und Las Vegas. Wie eine Oase taucht der kleine Ort Indio mitten in der Wüste auf – eine Oase, das erkennt man beim Näherkommen, die einer riesigen Urban-Outfitters-Kampagne gleicht: überall Boho-Schlapphüte, Fransenshirts, Ethno-Prints und Crop Tops. Makellose Abercrombie&Fitch-Körper feiern die Party ihres Lebens. Dazwischen Models wie Cara Delevingne und Kendall Jenner oder Fashionblogger wie Leandra Medine und Aimee Song. Spätestens im Sommer werden diese Looks nach Berlin, Köln oder Bad Oldesloe geschwappt sein. Obwohl es das Coachella Festival bereits seit 1999 gibt, entwickelte es sich erst in den vergangen fünf Jahren zum absoluten Fashion-Hotspot – also fast zeitgleich mit dem Siegeszug von Instagram und Pinterest. Fragt sich nur: Wenn die Besucher die ganze Zeit mit dem Posten und Pinnen ihrer Outfits beschäftigt sind, bleibt da das Festivalfeeling nicht auf der Strecke?
Wer einmal auf dem Glastonbury im englischen Somerset mit Gummistiefeln im Matsch stand oder im Regen auf dem Rock am Ring abgesoffen ist, dem dürfte das Wochenende im sonnigen Indio wie eine Spa-Anwendung vorkommen. Doch es ist nicht nur das Wetter, das das besondere Flair ausmacht. Es ist auch der Stil: Statt Wettsaufen stehen auf den Zeltplätzen Yoga-Stunden und Massagen unter Palmen auf dem Programm. Das Gelände mit den Imbiss-Trucks gleicht einem angesagten Street-Food-Markt, es gibt vegane Burger und Bio-Shakes für die ernährungsbewussten Kalifornier. Statt Bandshirts werden Designerkleider in Pop-up-Stores geshoppt, und an Beauty-to-go-Ständen kann man sich professionell aufhübschen lassen. Sogar der Rasen sieht frisch manikürt aus.
 

Prominenter Besuch und horrende Preise

Genau das richtige Terrain für Promis aus dem nahen Hollywood – und die verstecken sich nicht wie sonst gern bei Lachs-Häppchen im VIP-Bereich, sondern mischen sich unter das Publikum. So kann sich jeder persönlich davon überzeugen, dass Leonardo DiCaprio nicht tanzen kann, dass Rosie Huntington-Whiteley gern Smoothies schlürft oder Kristen Stewart am liebsten mit ihrer Entourage auf dem Rasen chillt. Celebrities lieben das Coachella. Und sie sind gern gesehene Gäste, denn mittler- weile hat sich das Festival an der Musik vorbei zu einer beliebten Mode-Plattform entwickelt. Designer und Labels wissen, dass ihre neuen Kollektionen von hier aus blitzschnell in allen Social-Media-Kanälen und damit auf dem Smartphone der Zielgruppe landen. Und wenn dann noch Stars wie Alexa Chung und Katy Perry ihre Lieblings-Styles bei Twitter und Instagram posten, sind die Klamotten ratzfatz ausverkauft. Laut dem Magazin „Hollywood Reporter“ zahlen Modefirmen fünfstellige Summen an Promis, damit sie in ihren Outfits auftauchen. Oder sie machen es so wie die Labels Diesel und Guess, die Poolpartys im nahe gelegenen Palm Springs schmeißen und dazu Stars und Sternchen einladen. Coachella ist sehr exklusiv, das schürt natürlich den Hype. Wer mitfeiern will, muss nicht nur berühmt oder sehr schnell sein (die Tickets sind innerhalb von Minuten ausverkauft). Er muss auch reich sein. Die günstigsten Tickets gibt es für knapp 400 Dollar. Wer das zahlt? Rich kids aus Los Angeles oder anspruchsvolle Partybesucher aus der ganzen Welt. Die buchen sogar Luxus-Pakete für 6500 Dollar. Darin enthalten sind ein Concierge zum klimatisierten Edeltipi und Zugang zum VIP-Bereich. Das Vier-Gänge-Menü im Rosengarten kostet extra – und wer sich nicht wie die anderen Normalos stundenlang mit dem Auto durch die Wüste kämpfen will, macht es wie Rita Ora oder Jared Leto und lässt sich vom Coachella-Privatjet in L.A. abholen.
 

Kritik am kalifornischen "Festival"

Das alles klingt ziemlich absurd, vor allem, wenn man das Coachella mit Woodstock vergleicht, der Mutter aller Festivals. Vor 50 Jahren ging es um Love, Peace & Happiness, die Besucher protestierten gemeinsam mit den Künstlern gegen den Vietnamkrieg. Und heute? Zählen da nur noch Hashtags und Likes? Okay, in Zeiten von iTunes, Spotify und YouTube konsumieren wir Musik anders als früher. Aber warum können sich die Fans nicht einfach mal ganz entspannt auf die Songs einlassen – ohne Handy vor der Nase? „Die Art und Weise, wie junge Leute Musik erleben, hat immer weniger mit der Musik an sich zu tun“, erklärte Josh Kun, Musikkritiker und Professor aus Los Angeles, kürzlich in einem Interview. „Musik wird eher als Teil einer größeren sozialen Erfahrung erlebt.“ Das Gefühl der Kollektivität ähnele vielleicht noch Woodstock, mit dem Geist des kostenlosen, chaotischen Musikevents von 1969 habe das durchorganisierte, überteuerte Coachella jedoch nicht mehr viel zu tun. Was den Festivalbesuchern von heute vor allem fehle, so der Musikexperte, sei eine politische oder kritische Haltung. In den USA wird schon länger über die Kommerzialisierung des Events gespottet. „Gut aussehen ist hier wichtiger, als Musik zu hören“, schrieb etwa die „New York Times“. Trotzdem werden jedes Jahr mehr Tickets verkauft. Fast 600 000 Besucher zelebrierten im vergangenen Jahr den Spring Break für Fashionistas. Dabei hat die heutige Mega-Luxusparty auch mal als überschaubares Indie-Event begonnen. Anfangs drehte sich im Valley alles nur um die Musik, die Tickets waren fast umsonst, und statt Grünkohl-Smoothies gab es nur ein paar Hotdog-Stände. Heute, so schimpfen einige, gehe es den Promis nur um PR, den normalen Besuchern um das perfekte Selfie. Im vergangenen Jahr stand eine Kunstinstallation sinnbildlich für das Festival und seinen Wandel: In der verspiegelten Oberfläche riesiger Würfel fotografierten sich Besucher dabei, wie sie sich selbst fotografierten. Me, myself(ie) and I. Irgendwie ist hier jeder ein Star. Man braucht nur einen Instagram-Account.
 

"Alle feiern sich selbst und das Leben"

Wer zur Abwechslung mal sein Smartphone in die Tasche packt und einen Blick auf eine der Bühnen wagt, sieht Megastars wie Pharrell Williams oder die Red Hot Chili Peppers. Es gibt Überraschungsauftritte von Beyoncé und Gwen Stefani, die einfach mal so auf die Bühne hüpfen. Die musikalische Bandbreite ist derart weit gefasst wie auf keinem anderen Musikevent. Elektro und Rock, Hip-Hop und Heavy Metal. Während David Guetta sein DJ-Set auflegt, rocken Motörhead im Zelt. Das Coachella verbindet Generationen. Vor zwei Jahren stand auch Clint Eastwood im Publikum. Mit 82 Jahren. Und bei aller Kritik – es gibt doch eine Gemeinsamkeit zwischen Coachella- und Woodstock-Fans: Sie alle feiern sich selbst und das Leben. Dazu gibt es dafür vermutlich keinen schöneren Platz als diese Oase mitten in der Wüste. Ein magischer Ort, an dem tagsüber die Berge des Coachella Valleys rötlich schimmern und nachts Tausende Sterne über der Wüste funkeln. Sandstürme lassen Palmen tanzen und die Luft flirren. Die Leute hier mögen makellos sein – der Ort übertrifft sie alle. Und wenn man hier etwas garantiert nicht braucht, dann ist es ein Filter fürs Selfie.
 
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Quelle: Petra, Ausgabe 05/2015