Heirat Der Zauber des Brautkleids

Achtung, jetzt wird’s hochromantisch – denn es geht (auch) um Brautkleider. Die verschwinden nach dem großen Tag im Schrank. PETRA-Autorin Jessica Braun hat ihres noch einmal angezogen: zum Hochzeitskleid-Ball auf einem Schloss.

Hochzeitskleid-Ball

Schöne und skurrile, bewegende und melancholische Erinnerungen begleiten das Essen. Die Paare haben an drei runden Tischen im klassizistischen Speisesaal Platz genommen. Ihre Silhouetten spiegeln sich in den von der Nacht verdunkelten Fenstern. Weiß beschürzte Hotelangestellte tragen die Gänge auf und sorgen dafür, dass das Feuer im Kamin nicht ausgeht. Die Gespräche drehen sich, natürlich, ums Heiraten. "Unser zweijähriger Sohn 
ist während der Trauung 
vor Aufregung mit seinem Stuhl umgekippt", 
erinnert sich eine junge 
Ärztin, die auf Schloss
 Gaußig geheiratet hat.
 "Weil er so geweint hat,
 habe ich ihn vor dem Altar auf meinen Schoß 
gesetzt. Es gibt ein Foto
 von diesem Moment – es ist eines der persönlichsten, die der Fotograf gemacht hat."

Wie es zu der Idee des Hochzeitskleid-Balls kam

Auch Cordula Fest, Violinisten bei den Dresdner Symphonikern, und ihr Mann Gerald wurden in der Schlosskapelle getraut. "Den Antrag hat er mir nebenan im Porzellankabinett gemacht", sagt sie. Das Paar fühlt sich dem Schloss dadurch eng verbunden. Es war Cordula Fests Idee, hier einen Hochzeitskleid-Ball zu veranstalten. "Ich habe Frau Moritz gefragt, ob sie nicht einen Ball für Bräute ausrichten könnte, die ihre Kleider noch einmal tragen möchten. Im Spiegelsaal kann man wunderbar Walzer tanzen." Und getanzt wird viel. Wie erwartet nicht zu "White Wedding", sondern zur Musik des Salon Streichorchesters Dresden. Angeleitet vom Conferencier betreten die Paare zur berühmten Fächerpolonaise die Tanzfläche. Es ist das Stück, mit dem auch auf dem Wiener Opernball der Tanz eröffnet wird. Auf das gemeinsame Schreiten folgt ein Wiener Walzer. Weit schwingen die Röcke über das Parkett, Absätze klackern. Ein Tänzer dreht sich mit seiner Partnerin rundherum um den Saal. Er schaut sich nicht ein Mal um. Sein Blick ruht auf ihrem Gesicht, das er seit der Hochzeit sicher schon oft gesehen hat, lachend, wütend, mit den ersten Falten. Seine Zuneigung ist so offensichtlich, dass ich die aufsteigenden Tränen wegblinzeln muss. Hochzeiten bringen mich immer zum Weinen.

"Ich wollte mein Kleid unbedingt noch einmal anziehen"

Almut Fauser, Typ junge Mia Farrow, setzt sich zwischen zwei Tänzen auf den Stuhl neben mir. Ich mache ihr ein Kompliment, sie winkt ab: "Auf so einem Ball fragt man sich natürlich, wer wohl die Schönste ist." Eine Frage, die man sich während der eigenen Hochzeit nicht stellt. Fauser und ihr Mann haben vor einem Monat geheiratet. "Ich wollte mein Kleid unbedingt noch einmal anziehen", sagt sie. Das Paar, das aus der Region stammt, ist für den Ball extra aus Zürich angereist. Erst seit ihrer Hochzeit gehen die beiden einmal pro Woche zur Tanzstunde. Doch beim Cha-Cha-Cha wirken sie, als hätten sie Jahre Zeit gehabt, um sich aufeinander einzustimmen. "Es ist die Leidenschaft, die einen großen Tänzer ausmacht", soll die Tänzerin Martha Graham einmal gesagt haben. Wenn die Leidenschaft der Maßstab ist, dann gibt es in dieser Nacht auf dem Schloss nur große Tänzer.

Im Speisesaal haben Cordula und Gerald Fest stellvertretend für die anwesenden Paare die Hochzeitstorte angeschnitten. Ich mag nichts essen. Mir fehlt mein Mann. Durch die Tür kann ich in den Spiegelsaal sehen. Dort tanzen sie gerade Tango. Mir wäre Billy Idol jetzt lieber: "Dancing with myself". Ich mache mit dem Handy ein Foto von mir und schicke es meinem Mann. Es dauert nicht lange, bis die Antwort kommt: "Und ich Idiot bin in der Schweiz." Der Zauber eines Brautkleids hält wohl länger als nur einen Tag.

Der Hochzeitsball

Ein 3-tägiges Arrangement auf Schloss Gaußig kostet ab 295 Euro pro Person, ohne Übernachtung 95 Eurp pro Person. Infos unter schloss-gaussig.de.

Autor: Jessica Braun