10. Juli 2013
Frauen erobern das Web

Frauen erobern das Web

Nichts gegen Männer – aber ginge es nur nach ihnen, wäre das Internet ein ödes Lexikon. Frauen bringen Leben und Emotionen ins Netz. Und genau darum gehört ihnen die Web-Welt der Zukunft.

Frau mit Computer kommuniziert mit der Welt
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Frau mit Computer kommuniziert mit der Welt

Es soll ja böse Stimmen geben, die behaupten, dass Frauen eigentlich nur zwei Dinge sehr gut könnten: shoppen und schwatzen. Nun kann man sich furchtbar über diese Ansicht aufregen, eine neue Sexismus-Debatte anzetteln – oder sich zurücklehnen. Und ganz dezent darauf hinweisen, dass es genau diese zwei weiblichen Interessen sind, die das Internet gerade so erfolgreich machen.

Frauen machen das Internet lebendig

Wie jetzt? Hätte man die Entwicklung ausschließlich Männern überlassen, wäre das Internet heute eine stinklangweilige Enzyklopädie. Voller Informationen, leblos und kalt. Klar gäbe es soziale Netzwerke wie Facebook & Co, aber wie sähen sie aus? Frauen füllen das Netz mit Leben, mit Kommunikation, mit sozialer Kompetenz. Und an dieser Stelle reden wir nicht nur von Fotos, von Lieblingsessen oder schlafenden Mopswelpen. Wir reden von einem echten Wirtschaftsmotor: Wir Frauen sind es, die das Internet zum Einkaufs-Paradies machen. Wirtschaftskrise hin, sinkende Löhne her, hier geht wieder was. Dank uns schreien die eBays, Amazons und Zalandos vor Glück. Die Folge ist, dass sich das Internet immer mehr von einem Informationsmedium in eine soziale Shopping-Plattform verwandelt.

Weibliche Stärken bringen die Entwicklung des Internets voran

Inzwischen kommunizieren und konsumieren Frauen aber nicht mehr nur, sie schaffen auch Neues. Sie verändern das Web in technischer Hinsicht, werden zu Entwicklerinnen und Meinungsführerinnen – in der Gewissheit, dass ihre weiblichen Stärken das Web von morgen voranbringen werden. Nicht so schlecht, oder? Deshalb haben wir kleine und große Erfolgsgeschichten gesammelt. Vielleicht ist es ja sogar ein Ausblick auf eine Welt, die von Frauen bestimmt wird. Obwohl – nein, das möchte man sich dann doch nicht vorstellen. Gleichberechtigung würde ja schon reichen.

Marissa Meyer, Vorstandsvorsitzende von Yahoo

Gut, besser, weiblich

Marissa Mayer
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News:

"Eigentlich bin ich schüchtern." Äh, wie bitte? Und das kommt von der Frau, die man als "Wonder Woman der Hightech-Branche" bezeichnet? Ganz so zurückhaltend kann die Dame auch deswegen nicht sein, weil sie bei Google nicht nur die erste Frau war, sondern am Ende die wichtigste. Hochschwanger wurde sie dann vor einem Jahr von der Konkurrenz eingekauft – und mit einem Mal stieg der Aktienkurs des neuen Arbeitgebers um 40 Prozent in die Höhe. Was übrigens die Schüchternheit angeht, meint die 37-Jährige, dass die nur deswegen nicht auffiele, weil sie sich wohlfühle. Und damit wären wir auch schon bei ihrer Botschaft: "Finde etwas, was du liebst. Dann finde das Umfeld, in dem du dich damit gut fühlst." Damit können wir gut leben. Und Marissa Mayer offenbar auch.

Julia Probst, Bloggerin und Mitglied der Piratenpartei

Die Stimme des Web

Für diese Frau war das Internet eine Revolution. Denn Julia Probst ist gehörlos, und das Netz stellte für sie vor allem eines dar: eine neue Möglichkeit der Kommunikation. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 las sie den deutschen Spielern die Flüche von den Lippen ab und twitterte sie. Schnell wuchs die Zahl ihrer Fans – bis heute hat Probsts Account "Ein Augenschmaus" mehr als 23.000 "Follower". "Ohne Social Media wäre ich nicht so weit gekommen", sagt die 31-Jährige. Vor etwa einem Jahr wurde Julia Probst Mitglied der Piratenpartei und kämpft unter anderem gegen Diskriminierung – die sie selbst zu spüren bekam. Nach einem Fernsehauftritt beleidigten sie einige Twitter-User wegen ihrer leicht verzerrten Sprechweise, denn Julia Probst verständigt sich nicht mit Gebärden, sondern verbal. Daraufhin überlegte sie kurz, sich komplett aus der Öffentlichkeit zu verabschieden. Nach einer kleinen digitalen Pause aber kam sie zurück. Zum Glück!

Ulli Maschner, Crowdfunding-Pionierin

Alle für einen Knödel

Uli Marschner
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News:

Eigentlich wollte Uli Marschner nur kochen – am liebsten herzhaft gefüllte Germknödel. Die passenden Rezepte dafür hatte sie im Kopf. Was fehlte, war das Geld für ein eigenes Restaurant. Weil die 29-Jährige allerdings davon überzeugt war, dass ihre Idee für einen zahlendrehenden Bankangestellten alles andere als seriös klingen würde, musste eine Alternative zum Standardkredit her. Und wo lassen sich leichter Gleichgesinnte finden als im Netz? Also startete Marschner ihr eigenes Crowdfunding-Projekt. Auf inkubato.com rief sie zu Spenden für ihren Traum auf. Und tatsächlich: Im September 2012 steht die Finanzierung für "Häppies", wie ihr Knödelparadies heißen soll. Auf Facebook kann man zusehen, wie aus dem Traum Realität wird. Seit Ende April 2013 können die Spender in Prenzlauer Berg bewerten, ob sich der Einsatz gelohnt hat. Ihr Restaurant ist eröffnet.

Denise Philipp, Managerin der Berlin Geekettes

Die Power-Nerds

Denise Philipp
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"Computer Geeks", das sind diese Typen mit Motto-T-Shirts und ungewaschenen Haaren, die im Keller Platinen löten, während draußen das Leben passiert. "Geekette" nennt man ihr weibliches Pendant. Doch wie man an Denise Philipp, einer der Mitbegründerinnen der Berlin Geekettes, sieht, sind die sehr wohl daran interessiert, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Das Ziel der Organisation: mehr Frauen in einem männerlastigen Business zu etablieren. Und es funktioniert. Inzwischen haben die Berlin Geekettes über 200 Mitglieder. Erfolgreiche Frauen, die sich gegenseitig unterstützen und dafür arbeiten, dass es mehr weibliche Vorbilder gibt (berlingeekettes.com).

Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin bei Facebook

Diese Frau gefällt uns

Sheryl Sandberg
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Ihre Karriere begann als Stabschefin des Finanzministeriums unter Bill Clinton. Da war sie noch keine 30. Danach verhalf die Harvard-Absolventin einem kleinen Start-up namens Google zu weltweitem Erfolg. Und seit die heute 43-Jährige 2008 als Managerin bei Facebook anheuerte, gingen Mitgliederzahl und Wert des sozialen Netzwerks steil nach oben. Sandberg wusste immer, was sie wollte, und ist dafür auch Risiken eingegangen. Seit Kurzem hat sie eine neue Mission: Die Hälfte aller Firmen soll von Frauen geführt werden. Um die Familie können sich jetzt bitte schön mal die Männer kümmern. Damit das klappt, appelliert die zweifache Mutter an den weiblichen Kampfgeist: "Kniet euch richtig rein!" Wie das am besten geht, verrät sie in dem Buch "Lean In – Frauen und der Wille zum Erfolg" (Econ, 312 S., 19,99 Euro). Da weiß eine, wovon sie schreibt.

Asher Wolf, Organisatorin von Cryptopartys

Online? Aber sicher!

Eigentlich hatte sie selbst keine Ahnung vom Internet. Alles, was sie heute weiß, brachte sich Asher Wolf aus Melbourne selbst bei, während ihr kleiner Sohn seinen Mittagsschlaf hielt. Mittlerweile gilt die 32-Jährige als eine der wichtigsten Internet-Aktivistinnen der Welt. Was dazwischen geschah? Wolf hatte sich 2012 über ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung aufgeregt, das australischen Behörden erlaubt, die Speicherdaten von Usern länger einzusehen. "Geht gar nicht!", dachte sie und twitterte los: "Ich will eine riesige Cryptoparty! Bringt eure Rechner mit, Bier und Musik. Wer ist dabei?" Eine Cryptoparty? Das ist wie eine ganz normale Party – nur mit Computern. Alle Gäste bringen ihre Laptops mit und tauschen sich über den Schutz der Online-Privatsphäre aus: Wie surfe ich anonym im Internet? Wie verschlüssele ich E-Mails? Wie schütze ich meine Daten vor unberechtigtem Zugriff? Asher Wolf – natürlich ein Pseudonym – begründete mit ihrem Tweet eine weltweite Bewegung. Binnen weniger Wochen wurden in über 60 Ländern autonome Cryptopartys gefeiert. In Berlin und in vielen anderen deutschen Städten (cryptoparty.org) steigen regelmäßig solche Treffen und sorgen für sichereres Surfen im Netz.

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