6. Januar 2016
Die Stunde der Nerds

Die Stunde der Nerds

Sie haben einen eigenartigen Humor, einen miesen Klamottengeschmack und sind auf Partys meistens peinlich. Trotzdem werden Typen wie Jason Segel, Seth Rogen, Jonah Hill & Co. als Retter des Hollywood-Kinos gefeiert. Mit Recht, finden wir. Ein Plädoyer für Aussenseiter.

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© Sean De Burca/Corbis
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Wetten, dass Sie auch mit einem in die Schule gegangen sind? Nennen wir ihn mal Hans-Jörg. Er trug ein quadratisches Kassengestell auf der Nase, bei dem ein Bügel mit Hansaplast festgeklebt war. Eine Ponyfrisur, die aussah wie von Mutti mit der Nagelschere getrimmt. Enge Jeans, während alle anderen mit Schlaghosen herumliefen – oder, je nach Jahrzehnt, genau umgekehrt. Hans-Jörg pflegte einen merkwürdigen Sprachwitz („Schittebön!“) und abstruse Hobbys. Er konnte die kompletten Star-Wars-Dialoge rückwärts sprechen und war der einzige Junge, der die Frage „Soll ich dir mal meine Briefmarkensammlung zeigen?“ tatsächlich ernst meinte. Damals haben wir uns alle lustig über ihn gemacht. Und heute?

Lacht Hans-Jörg über uns, weil er in der Chefetage einer Computerfirma sitzt und in einem Monat mehr Geld verdient als wir in unserem ganzen Leben. Und was noch schlimmer ist: Plötzlich sehen die Jungs in den angesagten Bars von Berlin bis Bayrischzell alle so aus wie Hans-Jörg im Jahr 1985. Riesige Brillengestelle, komischer Haarschnitt, Strickjacke. Uncool ist das neue Cool. Aber das ist längst noch nicht alles.

„Nerd“ wird im Deutschen oft mit „Streber“ übersetzt, aber das trifft es nicht ganz. Tatsächlich sind mit dem Begriff die Außenseiter unserer Gesellschaft gemeint, die Hänger, die Träumer, die schüchternen Spinner. All die Typen, die man seinen Eltern nicht als zukünftigen Schwiegersohn präsentieren möchte. Oder besser gesagt: die man früher nicht mit der Kneifzange angefasst hätte, aber die auf einmal, tja, äh, doch irgendwie ganz niedlich erscheinen. Wie konnte das geschehen?

Auch in Hollywood haben die Nerds still und heimlich das Ruder übernommen. Erinnern Sie sich an die Erfolgskomödie „Beim ersten Mal“? Darin spielte Seth Rogen einen dauerkiffenden Loser in geschmacklosen Motto-T-Shirts, der am Ende die bildhübsche Katherine Heigl abkriegt. Und alle haben sich gefragt: Wieso? Was findet die an dem? Das war vor fünf Jahren. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, dass der Dicke mit dem Vollbart die Herzen gewinnt. Oder der Brillenträger, der beim Witze-Erzählen immer die Pointen versemmelt. Sie sind eben nicht so gelackt und berechenbar wie die typischen Hollywood-Hotties. Auch im wahren Leben ziehen diese Typen die schönsten Frauen an. Rhys Ifans, der verpeilte Zottel aus „Notting Hill“, war mit Sienna Miller verlobt. Unser deutscher Vorzeige-Nerd Christian Ulmen ist mit Collien Fernandes verheiratet. Und Eva Padberg gestand kürzlich in einem Interview, dass sie heimlich für den „Hangover“-Star Zach Galifianakis schwärme. Tja, für durchtrainierte Schönlinge mit blitzenden Zähnen brechen harte Zeiten an. Das ahnt auch Brad Pitt. Oder warum hat er sonst wohl aufgehört, sich zu rasieren und die Haare zu waschen?

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© Sean De Burca/Corbis
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Ein typischer Hollywood-Nerd ist auch Jason Segel („How I Met Your Mother“). Der 1,93-Meter-Schlaks sieht zwar auf den ersten Blick ganz normal aus, ist aber schon ein ziemlich eigenartiger Typ. Seine Leidenschaft: Puppen – und zwar die aus Stoff. Der Single lebt mit 40 Fell- und Filz-Freunden in seinem Haus oberhalb des Promi-Hangouts „Chateau Marmont“ in L.A.

Schon als Kind hatte der 32-Jährige davon geträumt, einen Film mit den Original- Muppet-Figuren zu drehen. Irgendwann präsentierte er seine Ideen schließlich den Studiobossen von Disney. Die waren erst einmal skeptisch. Denn Segels bisherige Drehbücher („Nie wieder Sex mit der Ex“ und „Männertrip“) bestachen vor allem durch ihren schlüpfrigen Haudrauf- Humor. Kermit der Frosch und Pipikacka-Witzchen? Nicht unbedingt eine familienkompatible Kombi.

„Ich musste ihnen hoch und heilig versprechen, dass ich ganz liebevoll mit den Muppets umgehen würde“, erzählt Segel. Und tatsächlich – power to the nerds! – er bekam grünes Licht. Am 19. Januar startet auch bei uns „Die Muppets“. Bei der L.A.-Premiere tauchte der Autor und Schauspieler übrigens mit Miss Piggy und einem haarigen Monster auf dem roten Teppich auf – und strahlte über beide Ohren. Ganz klar: In diesem Augenblick hätte Gisele Bündchen vor seinen Augen nackig einen Flickflack machen können, Jason Segel hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Dabei kommt sein Welpencharme auch bei gestandenen Frauen gut an. Wie in der Komödie „Bad Teacher“ (erschien gerade auf DVD), wo er als trotteliger Sportlehrer Justin Timberlake die sexy Kollegin (Cameron Diaz) ausspannt. „Es ist toll, dass ich plötzlich solche Rollen spielen darf“, erklärt Jason Segel. „Und trotzdem kann ich es immer noch nicht fassen. Meinen Kollegen Seth Rogen und Jonah Hill geht es genauso. Wir fragen uns manchmal: Wann fällt es jemandem auf, dass wir eigentlich nicht hierher gehören?“

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© Sean De Burca/Corbis
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Keine Bange, noch sind die Jungs bestens im Geschäft. Seth Rogen schrieb letztes Jahr das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle in der Superhelden-Komödie „The Green Hornet“ – großes lustiges Popcornkino. Und Jonah Hill, das Moppelchen aus „Superbad“, spielt in dem Baseball-Drama „Die Kunst zu gewinnen –Moneyball“ (Start: 2.2.) gestandene Kollegen wie Philip Seymour Hoffman und Brad Pitt an die Wand. Selbst wenn sie im Kino keiner mehr sehen will, können sie immer noch fürs Fernsehen arbeiten. Dort feiern Serien um schräge Außenseiter wie „Glee“ oder „The Big Bang Theory“ riesige Erfolge. In den USA ist gerade „New Girl“ angelaufen, wo die bezaubernde Zooey Deschanel als weiblicher Nerd (ja, die gibt es auch!) eine Männer- WG in den Wahnsinn treibt.

Einen wichtigen Ur-Nerd dürfen wir nicht vergessen: den Computerfreak, der dank Bill Gates & Co. sein Keller - dasein verlassen hat. Früher war das der unscheinbare Junge, der fleißig Schaltkreise zusammenlötete, während seine Kumpels die Mädchen flachlegten. Früher! Lässt er heute auf Partys den Satz „Ich arbeite in der IT-Branche“ fallen, hängen mehr Frauen an seinen Lippen, als wenn er gesagt hätte: „Ich spiele im Sturm bei Bayern München.“ Denn der Typ ist garantiert intelligent und steinreich – und den kaputten Router repariert er einem auch in null Komma nix.

Was Nerds aber wirklich cool macht, ist die Tatsache, dass sie sich – wissentlich oder unwissentlich – jedem Trend widersetzen. Denn nichts ist gefragter als Individualisten, die ihr Ding durchziehen. Ganz gleich wie bekloppt ihre Hobbys und Marotten auch sind – allein die Leidenschaft, mit der sie gepflegt werden, macht diese Männer interessant.

Wenn Sie sich einen Nerd angeln, können Sie davon ausgehen, dass er Sie mit jeder Faser seines Herzens lieben wird und dass es mit ihm nie langweilig wird. Denn Nerds sind in der Regel mega-kreativ. Die Sache mit dem seltsamen Kleidungsstil? Vertrauen Sie darauf, auch Hochwasserhosen werden irgendwann trendy. Und wer hat gesagt, dass man in Bart-Simpson- Bettwäsche nicht super Sex haben kann? Na, Interesse? Suchen Sie ihn nicht im Fitnessstudio, gehen Sie in den nächsten Apple-Store oder in die Insektenabteilung des Naturkundemuseums. Oder rufen Sie einfach mal Ihren alten Schulfreund Hans-Jörg an. Viel Glück!

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