8. Oktober 2010
Der neue Retro-Trend

Der neue Retro-Trend

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen Trendsetter in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme

Dunkelrot, hummeldick und sirupsüß ist das Must-Have der diesjährigen Eisbecher- Saison: Amarenakirschen! Gäbe es für Obst eine Trendkurve, lägen die Dinger jetzt ganz weit oben. Und das, obwohl sie für Jahre fast vergessen waren. Doch schmücken die beschickerten Früchtchen nun wieder Sahneberge und hausgemachte Waffeln

– und das in den angesagtesten Eisdielen der Metropolen. Ob in Berlin-Mitte, im Belgischen Viertel in Köln, auf der Hamburger Schanze oder Münchens Szene-Terrassen – augenzwinkernd, beinahe selbstironisch genießen junge Großstädter den Geschmack der eigenen Kindheit: „Hmmm, lecker! Schmeckt wie früher in der Fußgängerzone von Bad Bramstedt, kurz vor der Konfirmation!“

Wenn dann noch ein nostalgischer Bossa nova oder ein alter Culture-Club-Hit aus den Boxen rumpelt und die Sonne im richtigen Winkel auf die rot-weiß gestreifte Markise fällt, auf ein Publikum mit Costa-Cordalis-Sonnenbrillen, in Polka-Dot-Blusen, Hippie-Latschen oder mit Schnauzbärten, wie sie einst Schwerverbrecher in „Aktenzeichen XY“ trugen: Dann sieht es manchmal fast so aus und fühlt sich fast so an wie 1974. Oder 1956. Oder 1982. Hauptsache wie gestern. Oder, noch besser: wie vorvorgestern.

Wer vorn dabei sein will, muss erst mal ein paar Schritte rückwärts gehen. Ob in der Mode, der Musik, im Kino, bei Möbeln oder in der Gastronomie: Fast alle Bereiche des guten und schönen Lebens sind mittlerweile von Stil-Zitaten aus vergangenen Epochen durchzogen. Auf dem iPod läuft diesen Sommer die Neo- Rockabilly-Band The Baseballs – im DVD-Player die Sixties-Serie „Mad Men“ – freitags geht’s zur „Depeche Mode forever“- Party – samstags zur Burlesque- Revue im Stil der späten Forties – sonntags gibt’s selbst gemachte Krautwickel wie bei Muttern, und abends wird auf dem braunen Cordsofa Marke „Landschulheim“ gekuschelt.

Längst ist „Retro“ kein Spezial-Kniff für Fashion-Insider mehr. Alle machen mit, so scheint’s. Völlig egal ist es, welches Jahrzehnt gerade besonders groß gefeiert wird – ob das dritte Eighties-Revival oder eine neue Welle des Fifties-Looks. Als „schön“, „interessant“ oder „originell“ gelten generell Dinge, Klänge, Formen und Farben aus der Vergangenheit – von den Audrey-Hepburn-Ballerinas bis zum Butterkuchen vom Blech. Zugegeben: Ganz neu ist das „Best of früher“- Prinzip nicht. Schon die Künstler der Renaissance bezogen sich auf ihre Vorfahren. Neu ist heute allerdings, dass die Jahrzehnte einfach kunterbunt vermischt werden. Eine junge Frau, die Blockstreifen-Shirts im Nena-Stil trägt, ihre Wohnung mit dem „röhrenden Hirsch“ aus dem Gelsenkirchener Barock schmückt und sich Cool Jazz im Elektro-Remix in die Ohrmuscheln stöpselt: eher die modische Regel als der Ausnahmefall.

„Eklektizismus“ nennt die Soziologie das Zusammenwürfeln verschiedenster Epochen, den wilden Mix aus Vorgestern, Heute und Übermorgen. Anders ausgedrückt: „Irgendwie von früher“ ist der Massen-Geschmack von heute. Niemand kann sich dem Rückwärts-Sog entziehen. Sogar Hollywood-Ladys führen auf roten Teppichen Vintage Couture spazieren, gut erhaltene, höchst edle Secondhand- Roben, die bei Spezial-Händlern wie Lily et Cie in Los Angeles Preise bis zu 75.000 US-Dollar erzielen. Penelope Cruz etwa trug bei der jüngsten Oscar-Verleihung ein Traumkleid von Pierre Balmain aus den 50er-Jahren und riss internationale Fashion-Kritiker zu begeisterten „Ah“s und „Oh“s hin.

Und nicht einmal in seiner digitalisierten Form kommt das „Ich“ am großen, gemütlichen „Damals“ mehr vorbei: Dutzende iPhone-Apps und Fotobearbeitungsprogramme sorgen dafür, dass Selbstporträts möglichst alt, vergilbt, verblichen wirken. „Yearbook yourself“ heißt die entsprechende Facebook-Anwendung. Beinahe ist es etwas unheimlich: Die ganze Welt ist voll von Vergangenheit – und keiner weiß so ganz genau, woher das kommt.

„Die Zeit der großen (Ent-)Würfe ist vorbei“: So schlicht formuliert es der renommierte Produkt-Designer Lorenzo Ramaciotti. Er versucht damit, wenigstens die eine Seite der Medaille zu erklären: den reinen Look, die Oberfläche, die Lust auf eine Gestaltung jenseits aller Hightech-Stromlinienförmigkeit. Obwohl wir Nierentische und Makramee-Wandteppiche schon tausend Mal gesehen haben, oft bei den Eltern oder Großeltern, kriegen wir einfach nicht genug davon. Tja – zufällig fällt den Designern auch gerade nichts Neues ein, sagt Ramaciotti.

In der Tat begannen schon Ende der 90er-Jahre Möbelhersteller wie Habitat (www.habitat.de) oder Vitra (www. vitra.com), alte Klassiker nachzubauen. Sie brachten fabrikneue Neo-Originale wieder auf den Markt, etwa die Spätfünfziger- Möbel des US-Designer-Paars Robin und Lucienne Day, Einzelstücke aus der Bauhaus-Ära der 20er- und 30er-Jahre oder die berühmten Swing Chairs von Verner Panton aus den Sixties.

Heute sieht halb Berlin-Mitte aus wie ein westdeutsches Realschul-Lehrerzimmer von einst: Ob Geheimtipp-Bar oder Hipster-Wohnung, alles ist vollgestellt mit „Dansk Design“, ergonomisch abgerundeten Holzmöbeln,

die vor zehn Jahren noch unbeachtet in Reihenhaus-Kellern lagerten, weil eigentlich jeder das Zeug als „hässlich“ empfand. Wie durch ein Wunder kloppen sich nun aber Mittdreißiger bei Ebay um die skurrilsten Schirmständer, Barschränkchen und Nachttischlampen aus Omas und Opas Schuppen. Warum bevorzugen so viele Menschen tendenziell die etwas schrabbelige, leicht schräge Variante von Gebrauchsgegenständen? Oder, wenn sie sich für Neuware entscheiden: Warum muss das Neue dann doch irgendwie „alt“ aussehen? Es geht um das Bedürfnis nach Heimat, Aufgehobensein, Entschleunigung – da sind sich die meisten Expert(inn)en einig.

"Die Trend-Spots in Berlin-Mitte sind eingerichtet wie Lehrerzimmer aus den 70ern – und alle finden es schön"

„Mit unseren Sachen kann sich jeder wohlfühlen“, sagt etwa Andrea Dahmen, eine wahre Fachfrau für Retro-Utensilien. Kauf Dich glücklich (www.kaufdichgluecklich.de) heißt die kleine Ladenkette, die die 38-jährige Kölnerin mit einem Geschäftspartner aufzog. Der Stamm-Shop liegt, wie sollte es anders sein, am pulsierenden Prenzlauer Berg in der Hauptstadt und ist vollgestopft mit liebevoll zusammengestelltem Trödel und limitierten Auflagen aktueller, handgemachter Designer-Mode. „Wir verkaufen keine Coolness, sondern Spontaneität und Lebensfreude“, sagt Dahmen, die sich selbst als „Flohmarkt- Junkie“ bezeichnet.

Bis in japanische Trend-Blogs hat es der ursprünglich als Studenten-Gag gegründete Laden inzwischen geschafft. Im Sortiment finden sich Turnschuhe der Marke Zeha, die bei der WM 1974 die DDR-Fußballer trugen, oder auch Seventies- Sessel vom Düsseldorfer Flughafen. Mittlerweile expandiert das Geschäft kräftig: Erst folgte die Eisdiele „Glücklich am Park”, dann kamen Accessoires- Filialen in Hamburg, Düsseldorf, Bremen, Münster und Stuttgart.

„Wie süß!“ oder „Wie ulkig!“ möchte man angesichts 30 Jahre alter Wackeldackel oder adretter Pepita-Kostüme oft rufen. Ja, tatsächlich: Der eigentlich altmodische Look macht sehr oft sehr viel Spaß – etwas Ironie gehört dazu. So schneidert die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek (www.lenahoschek.at) taillierte Jäckchen, Pencil Skirts und Blümchenkleider wie aus den Fifties – ohne aber die Frauen wieder in ein biederes Rollenkorsett zwingen zu wollen. Moderne Frauen tragen den hyperfemininen Look mit einer ganz anderen Haltung als einst die Vorfahrinnen, eher wie eine Art Fashion-Verkleidung für einen speziellen Anlass. Und schon am nächsten Tag wird die Wespentaille abgelegt und gegen bequeme Boyfriend-Jeans getauscht, kombiniert mit einer Sergeant-Pepper-Jacke, die einst Vorzeigejäckchen der Beatles war.

Auch den Jungs wird einiges Retro-Spielzeug geboten: Nach der Wiedergeburt des VW Käfers als Beetle und der Neuauflage des Minis verkauft Fiat jetzt eine moderne Version des Modells 500, eine zeitgenössische Variante der guten alten Schaukelkutsche aus Sophia Lorens besten Jahren. Genau wie die Amarenakirsche erinnern die kugeligen Autoformen an die Ära der ersten Italien-Urlaube, an die Zeit, in der eine deutsche Kleinfamilie einmal im Jahr in den Strandurlaub fuhr und in der ein „Toast Hawaii“ als Inbegriff exotischer Gourmet- Kunst galt, kurz: an eine Zeit, in der vieles langsamer und überschaubarer vonstattenging als heute.

Und genau das scheint der Schlüssel für die breite Retro-Begeisterung zu sein: In einer Welt, die sich täglich unübersichtlicher, hektischer, verwirrender zeigt, sind die altbekannten Dinge wenigstens ein optischer Anker. Das rot-weiß karierte Küchenbrettchen, das Häkelkissen: Sie sind Teil eines großen Erinnerungs- Fundus – und sie stiften eine Art Gemeinschaft. Denn wir alle kennen diese Dinge noch aus den Fotoalben der Familie, erinnern uns an Klassenfahrten, die erste Liebe oder an das Aufgehobensein in der guten Stube. Niemand muss solche Vergangenheits-Schnipsel groß erklären, jede(r) erkennt und versteht sie: „Aaah – solch eine Bogenlampe hatte meine Tante im Harz früher auch!“

Hektisch, atemlos, aufgeladen ist die Gegenwart: Gerade noch war der MP3-Player dran, jetzt sind es das iPhone beziehungsweise das iPad, und schon bald werden Mikrochips wohl unter die Haut implantiert. All die Rund-um-die-Uhr- Kommunikation und die quasi wöchentlich neuen „technischen Revolutionen“ erfordern ständig neue Anpassung. Es herrscht ein konstanter Update-Zwang. Wie wohlig fühlt sich dagegen der milde lächelnde Rückgriff auf Bewährtes und Bekanntes an. Mit Versatzstücken aus der Vergangenheit schaffen die gehetzten Jetzt-Zeitler sich kleine, persönliche Wohlfühl-Ecken.

„Früher war alles besser“ – das ist mit diesem Trend übrigens nicht gemeint. Und darum geht’s auch gar nicht beim Umgang mit dem Gestern im Heute. Keine Frau mit Geschmack und vor allem mit Verstand wünscht sich tatsächlich eine Zeit zurück, in der von ihr ein Leben am Herd und am Bügelbrett erwartet wurde und in der der Ehemann der Gattin die Berufstätigkeit verbieten durfte (noch bis 1976!).

Nur weil wir heute an Freiheit dazugewonnen haben, können wir es uns leisten, voller Vergnügen aus dem Zeichen-Reservoir von einst zu schöpfen – und ein bisschen damit zu spielen. Wir sprechen von der „Kelly Bag“, der „Birkin Bag“ oder dem „Jackie O. Stil“, und die meisten haben sofort die glamourösen Starbilder der dazugehörigen Damen vor Augen, Grace Kelly, Jane Birkin, Jackie Kennedy-Onassis. Interessanterweise sprechen wir nicht von der „Lohan Bag“, den „Jolie Schuhen“ oder dem „Aniston Look“. Vermutlich werden es unsere Enkel tun

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