16. März 2010
Annett Louisan: Mein Berlin

Annett Louisan: Mein Berlin

Die will nicht nur spielen. Die will auch diese Stadt neu entdecken, denn Sängerin Annett Louisan wohnt erst ein knappes Jahr hier. Mit PETRA-Mitarbeiterin Silke Bender zog sie durch die Viertel Kreuzberg und Mitte und zeigte ihr auf dieser Privat-Tour ihre Lieblings-Plätze in West und Ost.

Annett Louisan
© Getty Images
Annett Louisan

Eigentlich wollten wir uns um 9 Uhr morgens zum Frühstück treffen. Als Annett Louisan ihr Hollandrad vorm Fenster parkt, zeigt die Uhr fast 10. „Entschuldigung“, murmelt sie. „Es ist ziemlich unberlinerisch, sich so früh zu verabreden.“ Die Sängerin, die derzeit mit ihrem Erfolgs-Album „Teilzeithippie“ durch Deutschland tourt, hat eine lange Nacht hinter sich. Doch Annett ist grundsätzlich keine Freundin des frühen Morgens. Erst nach einem doppelten Cappuccino und einer Schüssel Müsli mit viel frischem Obst dreht sie langsam auf. Sie guckt raus auf die verschlafen wirkende Kreuzberger Oranienstraße. Verschleierte Frauen bauen gegenüber gerade Obststände auf dem Gehweg auf, langsam erwacht das Leben. „Mein perfekter Tag in Berlin beginnt genau hier“, erzählt Annett. „Mit einem Frühstück im ,Luzia‘, auf der Sitzbank direkt an den großen Fenstern. Allerdings meist erst mittags gegen eins. Ich bin ein ausgesprochener Nachtmensch und mag dieses Café besonders, weil bis 18 Uhr Frühstück serviert wird. “Wer will, kann später nahtlos umsteigen auf Bier und Prosecco, Annetts Lieblings-Getränk: Abends und nachts ist das „Luzia“ ein Club und der neue „Place-to-be“.

Ein DJ-Programm wechselt mit schrägen Live-Konzerten. Seit knapp einem Jahr lebt die Ex-Hamburgerin in Berlin –und hat ein wesentliches Merkmal der Stadt verinnerlicht: Man wohnt nicht einfach in Berlin, sondern in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Charlottenburg oder Kreuzberg. Die Wahl eines Viertels setzt ein Zeichen, wie man leben und wer man sein möchte. „Ich bin mit voller Überzeugung Kreuzbergerin“, sagt Annett mit Nachdruck. Weil hier einfach viel los ist und sie im Multi-Kulti-Gewirr bei Bedarf auch mal abtauchen kann. Berlin ist für Annett ein persönlicher Neuanfang.

Nach ihren ersten vier Karrierejahren, die sie von null auf hundert in den Wahnsinn des Show-Business katapultierten, und der Trennung von ihrem türkischen Ehemann, verabschiedete sie sich auch von ihren langen blonden Haaren und zog um: Her mit dem Teilzeithippie-Single-Leben in Berlin. Man spürt die Stadt überall auf der CD. In Textpassagen wie „Wenn unser Alltag mal anhält, steigen wir aus“im Album-Titelsong „Teilzeithippie“ genauso wie in den Anekdoten zu verkrachten One-Night-Stands und dem Kater danach. Wenn „Sex & The City“ Musik wäre, würde es so klingen wie Annett Louisan. „Du wirst lachen“, sagt sie. „Meine DVDs mit der Serie gehören zu den wenigen Dingen, die ich tatsächlich mit in meine neue Wohnung gebracht habe.“

»Schon als Kind fand ich es immer aufregend, nach Ost-Berlin zu fahren«

Zum Shoppen fährt sie in den Osten, nach Mitte. „Ich bin in der DDR aufgewachsen, in Havelberg an der Prignitz. Wenn ich heute den schrecklich schönen Alexanderplatz oder die Karl-Marx-Allee mit den Stalin-Prachtbauten sehe, erinnere ich mich immer noch daran, wie aufregend ich es als Kind fand, wenn wir nach Ost-Berlin gefahren sind“, erzählt sie. Zur Wendezeit zog sie, gerade in die Pubertät gekommen, mit ihrer Mutter an die Alster. „In Hamburg habe ich mich zwar immer wohl gefühlt, aber nicht zu Hause. Hier kann ich mein Ost- und Westgefühl gleichermaßen ausleben, auch deshalb war Berlin schon lange fällig.“ Lange ging die Szene auch nur im ehemaligen Osten aus – also in Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain.

Inzwischen hat sich der Trend wieder Richtung Westen gedreht. Das wildschmuddelige Kreuzberg mit seinen 24-Stunden-Döner-Buden, türkischen Gemüseläden und den vielen Kneipen und Cafés mit verblichenem Vorwende-Charme wurde wieder zur ersten Adresse für Lebenskünstler aller Art. Hier fühlt sich Berlin an wie Klein-Istanbul, an den unrenovierten Fassaden voller Graffitti hängen Schilder wie „Kuaför“, türkisch für Frisör, oder „Birlik Marketler“, eine Berliner Lebensmittel-Kette. In Kreuzberg wohnt die größte türkische Gemeinde außerhalb Kleinasiens, und die berühmte Oranienstraße ist seit den 70er Jahren auch der Brennpunkt der alternativen Szene. Bis heute liefern sich die Punks hier im Viertel jedes Jahr pünktlich zum 1. Mai Straßenschlachten mit der Polizei.

»Hier lebe ich mein Ost-West-Gefühl aus, darum war Berlin überfällig«

Für die meisten Berlin-Besucher gilt allerdings einzig und allein „Mitte“ als das neue Berlin. Was vor dem Mauerfall der West-Berliner Ku’damm war, ist jetzt die Friedrichstraße und die Gegend rund um die Hackeschen Höfe. Hier entstand nach der Wende das neue Hauptstadt-Flair mit Galerien, Ateliers, illegalen Clubs und Bars; verfallene Altbauten verwandelten sich in topsanierte Geschäftshäuser mit Edel-Interieur. Den speziellen Berliner„Mitte-Chic“ sieht man hier an mindestens jeder dritten Frau: Röhrenjeans, High-Heel-Stiefel, 80er-Jahre-Frisur und Sonnenbrille zu jeder Tageszeit.

„Die interessanteren und individuelleren Boutiquen liegen in den Seitenstraßen“, sagt Annett und lotst uns weg. Bei der Hutmacherin Fiona Bennett, die sich längst über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat – Stars wie Christina Aguilera, Katie Holmes oder Brad Pitt kauften hier schon ein – kommt Annett in Shopping-Laune. Besonders ein Diadem in Form einer strassbesetzten Blumenranke hat es ihr angetan. „So ein Kopfschmuck wirkt doch fast so glamourös wie eine Perücke“, sagt sie, während sie sich von allen Seiten im Spiegel betrachtet. „Das macht sich auf der Bühne bestimmt perfekt. Ich hätte nur gern eine andere Farbe – geht das?“ Die Designerin höchstpersönlich führt sie ins Atelier im Hinterzimmer, und als die beiden zurückkommen, sind sie im Geschäft. Das exklusive, funkelnde Schmuckstück wird nun nach Annetts Wünschen angefertigt.

Live-Konzerte & Souvenirs

FALLS SIE JETZT SCHNELL INS KONZERT MÖCHTEN
Alle Tournee - Termine stehen auf Annetts Homepage www.annettlouisan.de  

SOUVENIRS MIT BESONDEREM CHARME

• Das „Pictucharm-Bracelet“ der Berliner Designerin Jennifer Flume zeigt neben anderen Städte-Wahrzeichen ein Foto der Reichstagskuppel. www.berlindesign.net, um 35 €

• Den berühmten Kräuterlikör „Mampe halb und halb“ können Sie in Berlin trinken, mitnehmen oder online bestellen. Über www.banneke.com, um 11 €

• Eine gestrickte Berlin-Mütze mit Alex- Fernsehturm im Muster hat garantiert nicht jeder. Über www.berlindesign.net, um 23 €  

In den kleineren Straßen abseits der Hauptadern von Mitte, der Rosenthaler Straße, der Rosa-Luxemburg- Straße oder der Alten Schönhauser Straße, sind die Berliner Designer zu Hause. Im Hinterraum rattern die Nähmaschinen, vorn wird verkauft. Praktisch, denn wenn bei einer Kundin irgendetwas nicht perfekt sitzt, wird es gleich geändert. So zum Beispiel bei „M.A.P.H.I.A.“, wo sich Annett in ein pinkfarbenes Mieder mit weißen Streifen verliebt: „Das ist wirklich schön! Aber ich muss mich zusammenreißen. Wenn ich mich nach dem ersten Kauf nicht bremse, komme ich nachher mit zehn Tüten nach Hause.“ Das hält sie allerdings nicht davon ab, noch bei „C’est tout“ vorbei zu gucken. Hier verkauft die ehemalige MTV-Style-Chefin Katja Will ihre Kollektion, in der sanft fließende Stoffe dominieren. Annett schlüpft in ein grünes Seidenkleid mit Empiretaille – und enthüllt dabei eine Knieverletzung. „Ich bin letztens mit meinen High-Heels im Kopfsteinpflaster stecken geblieben, als ich ziemlich spät aus einer Bar kam“, erklärt sie grinsend. „Und weißt du was? Der Barkeeper kam raus, um mir ein Pflaster aufs Knie zu kleben. Am nächsten Morgen habe ich gesehen, dass er seine Telefonnummer darauf geschrieben hatte. Süß, oder?“

»Schließen Sie sich nachts spontan netten Leuten an – so finden Sie gute Clubs«

Das Nachtleben von Berlin ist sowieso für viele Überraschungen gut. Wir fahren zurück nach Kreuzberg. In der Bar „Würgeengel“ sitzen wir im 30er-Jahre-Ambiente vor blutroten Wänden; wir überlegen, ob wir einen Tapasteller ordern oder, netter Service, aus dem Nachbar-Restaurant „Gorgonzola Club“ Nudeln oder Pizza. „Meistens beginnen meine Nächte im Kiez hier mit einem guten Essen“, erzählt Annett. „Danach sollte man sich unbedingt treiben lassen – und sich spontan Leuten anschließen: So entdeckt man das Beste von Berlin.“ Die Dauerbrenner-Clubs „Weekend“ oder „Cookies“, wo Elektro- Musik aufgelegt wird, mag Annett nicht besonders.

Ihr Tipp für zwei Freundinnen, die Berlin erkunden wollen: „Bretzelt euch richtig auf und geht ins superschicke ,Tausend‘. Samstags spielt da eine Soul-Band namens ,El Cartel‘, die ich richtig gut finde. Später ins ,Bassy‘, die Live-Musik und schrägen Country- oder Motown-Sound spielen. Da bin ich sogar mal spontan aufgetreten. Oder in ,Clärchens Ballhaus‘, wo erst eine Tanzkapelle zum Paartanzen bittet und später ein DJ Schlager und Disco-Klassiker mixt. Da lernt man die größten Freaks kennen.“ Leider haben wir keine Zeit mehr, die Probe aufs Exempel zu machen, Annett ist schon im Tournee-Stress. Letzte Frage: Was ist eigentlich aus der Telefonnummer auf dem Pflaster geworden? Wer das wissen wolle, antwortet sie, solle bei ihren nächsten Songs einfach genau hinhören.
 

ANNETTS TIPPS FÜR BERLIN

WOHNEN Hotel Johann Das kleine Boutique- Hotel liegt in einer ruhigen Seitenstraße in Kreuzberg. Ab 95 Euro/Nacht im DZ mit Frühstück. Johanniterstraße 8, Tel. 030/225 07 40, www.hotel-johann-berlin.de Hotel Otto Frisch renoviertes Haus mit Wochenend-Specials für Freundinnen. Ab 100 Euro/Nacht im DZ. Knesebeckstraße 10, Charlottenburg, Tel. 030/547 100 80, www.hotelotto.com Lux11 Design-Apartments in der Shopping-Area von Mitte. Ab 165 Euro/ Nacht ab drei Tagen Mietdauer. Rosa- Luxemburg-Straße 9-13, Tel. 030/ 936 28 00, www.lux-eleven.com

ESSEN Kirk Royal Gute Steak-Gerichte und Raucherlounge mit Kamin. Paul- Lincke-Ufer 45, Kreuzberg, Tel. 030/ 695 352 99, www.kirkroyal-berlin.de Café Fleury Bei Tartes, Quiches und anderen französischen süßen oder salzigen Snacks kann man in charmanter Atmosphäre entspannen. Weinbergsweg 20, Mitte, Tel. 030/440 341 44

AUSGEHEN Luzia Der neue Hot-Spot in Kreuzberg, Frühstück bis 18 Uhr und abends DJ-Programm. Oranienstraße 34, Tel. 030/817 999 58, www.luzia.tc Würgeengel Bar-Klassiker in Kreuzberg im 30er-Jahre-Stil, benannt nach dem Luis-Buñuel-Kult-Film. Treffpunkt von Berliner Jungschauspielern wie Daniel Brühl. Dresdener Straße 122, Tel. 030/615 55 60, www.wuergeengel.de Tausend Die Bar im James-Bond- Design ist so angesagt, dass sie Eintritt kostet und ein strenger Türsteher das ultra-gestylte Publikum auswählt. Dienstag bis Samstag ab 21 Uhr, Schiffbauerdamm 11, Mitte, www.tausendberlin.com Clärchens Ballhaus Hier trifft sich der bunteste Zoo Berlins: Mitte-Hipster mischen sich unter ältere Stammgäste, die schon zu DDR-Zeiten kamen. Sogar Hollywood-Star Steve Buscemi und Model-Legende Veruschka wurden schon gesichtet. Auguststraße 24, Mitte, Tel. 030/ 282 92 95, www.ballhaus.de Bassy Schräger Großstadt-Cowboy- Club. Schönhauser Allee 176a, Mitte, Tel. 030/281 83 23, www.bassy-club.de

SHOPPEN Fiona Bennett Ihre ungewöhnlichen Hut- und Kopfschmuck-Kreationen kauften schon Stars wie Brad Pitt und Christina Aguilera. Große Hamburger Straße 25, Mitte, Tel. 030/280 963 30, www.fionabennett.com M.A.P.H.I.A. Das Berliner Design- Label bietet feminine Kleidung mit einem Hauch Retro-Nostalgie. Max-Beer-Straße 33, Mitte, Tel. 030/443 525 55, www.maphia.at C’est tout Die ehemalige MTV-Style-Chefin Katja Will verkauft in ihrem Geschäft ihre eigene Mode-Kollektion. Mulackstraße 26, Mitte, Tel. 030/275 955 30, www.cesttout.de

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