Figur-Trend Die neue S-Klasse

Klein und knackig? Das war einmal. Für die neuen Superpopos gilt: Mehr ist mehr. In den USA sind schon alle ganz verrückt nach den Killer-Kurven. Schwappt der Big-Butt-Trend jetzt auch zu uns – oder bleibt es beim kurzen Hype?

Die neue S-Klasse

Dicke Pos im Promibusiness

Woher sie genau kamen? Wissen wir auch nicht so genau. Aber auf einmal waren sie überall: Superpopos. Sie rockten über die Konzertbühnen, sie rotierten in Musikvideos, sie wackelten in engen Kleidern über die roten Teppiche. Sie stürmen als „Belfies“ (Selfies von hinten) das Internet, sprengen die Titelseiten der Magazine, wurden besungen und bestaunt. Seit letztem Jahr füllen pralle, ausladende Hintern die Medien und kicken Klapper-Popöchen à la Gwyneth Paltrow mit Hüftschwung zur Seite. Da stellt sich die Frage: Handelt es sich nur um einen schnellen Hype? Oder sollten wir alle schon mal mit Sahnesoße auf eine Sanduhr-Figur hinarbeiten? Weil sich das Schönheitsideal wandelt – weg von der schlanken, durchtrainierten Figur hin zu weiblichen Killer-Kurven? Fest steht, dass der neue Popo-Kult nicht nur all die kräftigeren Mädels erfreut, die sich jahrelang verschämt Pullis um die Hüfte knoteten, um den Po zu verstecken. Auch Beauty-Docs reiben sich die Hände – die Zahl der „Butt Implants“ ist in den USA in den vergangenen drei Jahren um 58 Prozent gestiegen. Fitnessstudios bieten Kurse mit furchterregenden Titeln wie die „Ass Blast Class“ an. Selbst die US-„Vogue“ jubelte: „Wir sind offiziell in der Ära der großen Hintern angekommen.“
Angefangen hat alles Ende der 90er-Jahre, als Jennifer „The Butt“ Lopez als Erste ihren Allerwertesten in Szene setzte. Heute wirkt der mit 250 Millionen Dollar versicherte J.Lo-Butt winzig im Vergleich zu den Popos von Nicki Minaj oder Iggy Azalea. Was die drei Ladys jedoch eint, ist ihr Style: In ihren Videos bedienen sie typische Hip-Hop-Klischees, wo Nahaufnahmen von vibrierenden weiblichen Pobacken genauso dazugehören wie Goldketten und dicke Schlitten. Ob das eine Art augenzwinkernden Feminismus darstellen soll, wenn sich die Sängerinnen so – guck mal, ich kann Pornostar! – präsentieren, sei dahingestellt. Klar ist nur, dass diese Auftritte den Siegeszug der „Big Booties“ noch mehr befeuerten.
 

Amerikanischer OP-Wahnsinn bleibt in Deutschland noch aus

Die blond gelockte Sängerin Meghan Trainor, die mit ihrem Hit „All About That Bass“ einen Welthit landete, gibt die keimfreie Variante: In ihrem Video hüpft sie in pastellfarbenem Kostüm durchs Kinderzimmer und singt, dass schon ihre Mama gesagt hat, dass ein großer Po vollkommen okay sei. Das findet auch Kim Kardashian, deren Mega-Hintern zwar noch keine eigene Postleitzahl, aber immerhin einen eigenen Stylisten hat: Der Mann verdient 5000 Dollar am Tag, um neu gekaufte Designerfummel passend zu nähen. In einer Folge ihrer Doku-Soap „Keeping Up with the Kardashians“ überlegt Kim, ob sie und ihre Schwestern nicht doch ein bisschen hintenrum abnehmen sollten. Worauf ihr Schwager sie entsetzt anstarrt: „Aber ihr seid doch wegen euren Hintern berühmt geworden. Wenn ihr die verliert, verliert ihr vielleicht all euer Geld!“ In den USA nimmt der Kult um den Po immer absurdere Formen an: Es gibt den „Buttlift aus der Dose“ zu kaufen (eine angebliche Wundercreme mit Gymnastikanleitungen). Die Verkaufszahlen von mit Schaumstoff gepolsterten Schlüpfern namens „Booty Pop“ gehen durch die Decke. Und in Florida bot eine falsche Ärztin Po-Vergrößerungen zum Dumpingpreis an: Sie spritzte ihren Patientinnen Zement, Mineralöl und Reifendichtmittel in den Hintern. Autsch.

 
Von solchem Wahnsinn sind die Frauen in Deutschland weit entfernt, die Zahl der Po-Implantate ist verschwindend gering. „Mit diesen Implantaten können zwar die auffälligsten Ergebnisse erzielt werden“, erklärt Dr. Nicole David von der Praxis Contour in Fulda, „jedoch ist der Eingriff sehr schmerzhaft und das Implantat fühlt sich immer an wie ein Fremdkörper.“ Die beliebtere Variante ist der Eigenfetttransfer, genannt Lipofilling. Hierfür werden an anderen Regionen des Körpers Fettzellen entnommen und in den Po injiziert. „Der neueste Trend ist das sogenannte Fadenlifting für den Po“, so Dr. David. „Hier werden hauchdünne Fäden in die Haut am Po eingebracht. Schlaffes Gewebe kann damit schonend angehoben werden. Durch den Faden werden die Bindegewebszellen angeregt, Kollagen und Elastin zu bilden, so entsteht ein Straffungseffekt.“
 

Deutschland kaschiert, statt zu betonen

Wer nicht unters Messer möchte, greift zu Mogel-Unterwäsche. „Die Nachfrage nach Shapewear ist in den letzten fünf Jahren enorm gestiegen“, berichtet Nathalie van Dijk von Chantelle Lingerie. „Frauen wie Beyoncé oder auch Barbara Schöneberger haben viel für die Akzeptanz kurviger Frauen getan.“ Und die meisten Promis stehen dazu, ihre Figur mithilfe von Spandex & Co zu formen. „Shapewear ist salonfähig geworden“, so Nathalie van Dijk. Und wie reagiert die Modewelt auf den neuen Po-Hype? Wird bereits mehr Stoff geordert? "Der Trend ist nicht neu“, sagt Jill Guenza, Vice President of Women’s Design bei Levi’s, die vor einigen Jahren das „Curve ID-System“ entwickelten, um Jeans für jede Poform zu finden. „Es geht nicht darum, ob eine Frau einen großen oder kleinen Po hat, sondern darum, dass man seine individuelle Figur so liebt, wie sie ist, und ihre Vorzüge unterstreicht“, sagt Jill Guenza. Auch bei Kleidern steigt die Nachfrage nach großen Größen. Das bestätigt Denise Kramer, Designerin des Labels Four Flavor (fourflavor.de), das sich auf Abendmode spezialisiert hat: „Dabei ist den Frauen wichtig, dass ihre Silhouette be- tont und entsprechend geformt wird.“ Ob- wohl Kramer der Meinung ist, dass kurvige Promis die Frauen inspirieren, ihre Weiblichkeit zu betonen, ist sie skeptisch, was den Big-Butt-Hype angeht: „In Deutschland ist es immer noch so, dass die Frauen ihren Po lieber kaschieren als betonen.“
 

Amerikanischer Schönheitswandel nicht in Deutschland

Auch der Soziologe und Sportwissenschaftler Professor Robert Gugutzer glaubt nicht daran, dass sich Superpopos bei uns als Must-have durchsetzen: „Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten zielt das Schönheitsideal seit dem 20. Jahrhundert auf den ganzen Körper statt auf einzelne Körperteile.“ Im Barock waren beispielsweise breites Becken und üppiger Busen angesagt, in der Renaissance schmale Hände und kleine Füße. Seit dem letzten Jahrhundert gilt dagegen der schlanke, sportliche Körper als das Ideal. Vor dem Hintergrund wäre es verwunderlich, wenn sich auf einmal ein einziges Körperteil zum Beauty-Nonplusultra entwickelt. Eine weitere Rolle spiele die Tatsache, dass Promis wie Beyoncé afro- oder südamerikanische Wurzeln haben. „Es wäre eine große Überraschung, wenn es zu einem Schönheitswandel käme, der ein Körperbild vermittelt, das nicht dem weißen, europäisch-nordamerikanischen Ideal entspricht.“ Das beruhigt sicher auch Sängerin Taylor Swift, die zwar Erfolg und jede Menge hübsche Boyfriends hat, aber eher eine knabenhafte Figur. Der Produzent DJ Diplo fand, dass da noch etwas geht, und rief via Twitter den Spendenaufruf „Neuer Hintern für Taylor Swift“ ins Leben. Es kamen nur 95 Dollar zusammen.