Die Supernase So arbeitet der Parfümeur von Guerlain

Ihr habt euch schon immer gefragt, wie ein Parfümeur arbeitet? Und euch die Frage gestellt "Wie kreiert man eigentlich einen Duft?". Wir haben mit dem Zauberer der Provence gesprochen: Thierry Wasser, Parfümeur von Guerlain, über Natur, Lavendel und Liebesaromen.
Interview: Myriam Fennel

Als Parfümeur von Guerlain wählen Sie gemäß einer langen Tradition des Hauses die Ingredienzien für die Düfte höchstpersönlich aus. Wird man dabei zum Globetrotter?

Thierry Wasser: In der Tat. Drei Monate im Jahr reise ich rund um den Globus. Gerade war ich bei Rosen-Bauern in Bulgarien und der Türkei. Aber die Reiseroute führt auch noch nach Afrika, Australien, Indien und wieder zurück nach Europa.

Wir treffen Sie heute in der Drôme, um den Lavendel für „Mon Guerlain“ zu ernten. Was ist das Besondere an dieser Pflanze?

In der Provence überwiegt das Hybrid Lavandin, das in den meisten Kosmetikprodukten und Parfums eingesetzt wird. Es ist ein recht beißender Klon aus echtem Lavendel und der breitblättrigen Lavendel-Art. Bei Guerlain arbeiten wir dagegen mit kostbarem Carla-Lavendel, welchen wir von einer kleinen Öko-Farm namens Baume des Anges beziehen. Carla hat ein vielfältiges DNA-Spektrum und zeichnet sich durch einen facettenreichen Charakter aus. Dieses Aroma kann man später auch im Öl schnuppern.

Das Öl stammt aus einer Öko-Destillerie. Beim Weltkonzern Guerlain würde man eine Fabrik vermuten ...

Für unsere Düfte wollen wir beste Zutaten und höchste Qualität in der Herstellung. Normalerweise wird Parfumöl bei Temperaturen von bis zu 120 Grad gewonnen. Doch genau wie beim Kochen von Gemüse geht dann das Aroma verloren. Deshalb arbeiten wir mit einer schonenden Methode, bei der wir den Lavendel mit trockenem Dampf um die 75 Grad bearbeiten. So werden die empfindlichen Duftmoleküle nicht beschädigt.

Bereits im Jahr 1889 kam „Jicky“, ein Guerlain-Duft  mit synthetischen Stoffen, auf den Markt. Womit arbeiten Sie lieber, mit natürlichen oder künstlichen Aromen?

Synthetische Stoffe sind keineswegs von minderer Qualität. In den letzten Jahren haben sich die Moleküle stets weiterentwickelt. Heutzutage kann man den Geruch nicht von echten Rohmaterialien unterscheiden, und die Moleküle bieten eine Vielfalt, die es in der Natur nicht gibt. Ähnlich wie ein Künstler, der nicht nur mit natürlichen Pigmenten malt, son- dern bewusst auch zu künstlichen, schillernden Farben greift, möchte auch ich die volle Bandbreite des Duftspektrums nutzen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Parfum kreieren?

Ich hoffe und bete, dafür mindestens ein Jahr Zeit zu haben (lacht). Bei „Mon Guerlain“ wollte ich einen femininen, geradezu feministischen Duft entwickeln. Frauen haben in den letzten 100 Jahren mutig für ihre Rechte gekämpft. Ich wollte ihnen dafür meinen Respekt zollen. Daher habe ich Carla-Lavendel ausgewählt – eine fragile und authentische Pflanze. Jasmin ist auch enthalten und wird in Indien als Zeichen von Reinheit und Frieden verschenkt. Um die Stärke der Frauen zu symbolisieren, habe ich schließlich Sandelholz hinzugefügt. Und natürlich darf die Vanille nicht fehlen, denn sie steht für die mütterliche Liebe. Das klingt sehr poetisch. Dabei gibt es dieses Bild von Parfümeuren, die in einer Art Chemielabor arbeiten ... Jeder Parfümeur hat eine andere Herangehensweise. Für mich stehen Menschen, Beziehungen und Gefühle im Vordergrund. Mein Sternzeichen ist Krebs: Ich bin etwas schüchtern, sehr empathisch und möchte natürlich geliebt werden.

Welche Aromen stehen für Liebe?
Blumen und Vanille. Es kommt jedoch sehr auf die Dosierung und Kombination an. So können Rosen zurückhaltend duften und in einem anderen Parfum verführerisch.

Wonach duften Sie?
Seit meinem 13. Lebensjahr trage ich den Guerlain-Duft „Habit Rouge“. Damals wollte ich männlicher wirken. Heute benutze ich manchmal etwas zu viel davon (lacht). Das hat jedoch den Vorteil, dass man mich schon aus der Ferne erkennt.