Generation Beziehungsunfähig Die Unfähigkeit zur Kompromissbereitschaft?

Warum bleiben immer mehr Menschen Single? Ist es der stetig schneller werdende Lebensstil? Oder der Unwille zur Kompromissbereitschaft? Unser Redakteur Alex Scherb wirft einen Blick auf die Generation Beziehungsunfähig.

Hilfe bei Beziehungsunfähigkeit

Vor gut einem halben Jahr kam das Buch "Generation Beziehungsunfähig" von Michael Nast auf den Markt. Als kleiner Blog gestartet, entwickelte sich seine Abrechnung mit dem modernen Lebensstil bald zum Massenphänomen. Deswegen dauerte es auch nicht lange, bis die ersten Verlage an die Tür klopften. Heute reist er mit seinem Buch durch Deutschland und hält Lesungen vor tausenden von Menschen. Diese feiern ihn und sich selbst wie Stars. Und sagen fast schon stolz: "Ja, auch ich gehöre zur Generation Beziehungsunfähig". Doch warum bleiben immer mehr Menschen allein? 

Ist nicht meine Schuld

Ich gebe zu, dass ich das Buch von Michael Nast nicht gelesen habe. Was ich bisher allerdings darüber gehört habe reicht mir schon. Denn tatsächlich deckt sich dies auch oberflächlich mit dem, was ich selbst – gefühlt – erlebt habe. Immer mehr Menschen wollen oder können nicht lange in einer Beziehung sein. Befeuert wird dies natürlich zusätzlich von Katalog-Dating-Apps wie Tinder, Lovoo und Co. So schnell, wie man hier einen Menschen kennenlernen kann, so schnell kann man ihn oder sie eben auch wieder vergessen. Partnersuche im Eilverfahren. Unverbindlichkeit ist das Wort der Stunde. Die Frage die sich stellt ist: Woher kommt diese neu entstehende Bindungsangst?

Liebesleben
Alexander Scherb

Alex ist Germanist mit Leidenschaft und bei der Petra für die Themen Sex und Liebe zuständig. Was ihn daran fasziniert? Ganz einfach: Nichts kann so schön aber auch so schmerzvoll sein.

 Man mag die immer schneller werdende Gesellschaft dafür verantwortlich machen. Hinzu kommt das Ideal der Selbstoptimierung und der Selbstinszenierung. Immer erreichbar, jederzeit zu allem bereit, immer alles geben. Beruflich wie auch privat. Darauf ist man stolz und teilt es bei Instagram, Pinterest und anderen Social Networks. Der eigene Blog darf natürlich auch nicht fehlen. Bei solch einem Lebensstil hat ein Partner oftmals keinen Platz. Eine Beziehung scheint eher Ballast als Bereicherung zu sein. Falsch ist der Gedanke, dass Dauersingles einsam sind. Allein zu sein ist hier eben nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen. Meist sind die Kalender der Singles sogar zum Bersten gefüllt. 

Schuld trägt die Generation Beziehungsunfähig daran freilich nicht. Es ist ja schließlich die Gesellschaft, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind. Dass diese Ausrede sie selbst aus eben dieser Gesellschaft ausschließt, erkennen sie nicht. Und dieser Gedanke führt dann zu einem Paradoxon. Deswegen kann die Gesellschaft nicht Schuld am Dauersingle sein. Die Schuld trägt der Single selbst. Es ist der Unwille zur Kompromissbereitschaft, der viele Alleinlebende so lange eben auch alleine lässt. Lieber Single, als etwas tun, was mir nicht gefällt. Allerdings braucht gerade eine Partnerschaft den Mut und den Willen zur Kompromissbereitschaft. "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum". Ein kleines Wortspiel, welches bei Überspitzung katastrophale Folgen haben kann. Denn im eigenen Traum haben andere keinen Platz. 

Alles halb so wild

Ich hoffe es wird klar, dass ich mit dem vorangegangenen Abschnitt selbst ein wenig übertrieben habe. Denn so schlimm steht es gar nicht um die neuste Generation von Singles. Statistiken zeigen, dass sich die Zahl der Dauersingles – also Menschen mit Bindungsstörungen – in Großstädten schon seit Jahrzehnten auf konstantem Niveau befindet. Nämlich um die 30 Prozent. Das ist viel, eindeutig. Allerdings ist die Zahl 2016 auch nicht großartig anders als 1986. Es scheint in Städten also schon immer Menschen mit Beziehungsangst gegeben zu haben. Neu ist das Phänomen also nicht. Man kann lange über die Rolle von so genannten Selbstdarstellern reden. Einen Beweis, dass die neue Form der Selbstinszenierung zur erhöhten Beziehungsangst oder Beziehungsunfähigkeit führt, gibt es hingegen nicht.

In manchen Bereichen scheint sogar eher eine gegenteilige Entwicklung aufzutreten. So hielten Ehen im Jahre 2014 zwei Jahre länger, als noch zu Beginn des neuen Jahrtausends. Auch steigt die Zahl der glücklich zusammenlebenden Paare insgesamt. Menschen sind also heutzutage wesentlich zufriedener in ihrer Beziehung als noch vor ein paar Jahren. Vielleicht liegt dies auch daran, dass man sich sehr wohl in einer Beziehung verwirklichen kann. Selbstverwirklichung muss kein Beziehungskiller sein. Nun steht es mir nicht zu, Beziehungstipps zu geben. Doch vielleicht ist das Ego der Singles gar nicht so groß, wie es oftmals postuliert wird. Vielleicht können Singles sehr wohl unterscheiden zwischen der Selbstinszenierung auf der einen und Hingabe und Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite. Ich jedenfalls glaube daran, dass die meisten Singles durchaus beziehungsfähig sind und sich nach einer festen Bindung sehnen. Und niemand hat gesagt, dass die Suche nach dem richtigen Partner einfach wird oder schnell geht. Ich kann es selbst kaum glauben, aber Statistiken geben mir diesmal sogar recht. 

 

 

Autor:
Alexander Scherb